Freitag, 30. Juli 2010

Die Musterung




Die Ladung zur Musterung flatterte Ende Januar ins Haus. Jetzt stand der Termin beim Stuttgarter Kreiswehrersatzamt an. Von dem, was junge Männer dort erleben, schildert diese VKZ-Reportage.
Von Sven Sattler
Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an die britische Rockband „Status Quo“ erinnern. Diese sangen jedenfalls, ein paar Jahre, bevor ich das Licht der Welt erblickte, einen Nummer-Eins-Hit namens „In The Army Now“. Nach dem vorvergangenen Montag, an dem ich mich zur Musterung beim Kreiswehrersatzamt vorstellen durfte, weiß ich auch, welche Stimmung mir das etwas antriebslos gehaltene Lied vermitteln möchte.
Es ist dieses Gefühl von kahlen, ausladenden Betonwänden, von blaugrün gehaltenen Bodenfliesen und in die Jahre gekommenen Treppengeländern, das auch das Kreiswehrersatzamt in Stuttgart vermittelt.
Aber es bringt ja alles nichts. Die Wehrverwaltung hat mich für diesen Morgen, 8.15 Uhr, zur Musterung einbestellt – ohne ernsthaft zu fragen, ob mir das in den Terminkalender passt oder nicht. Ich habe mich der Aufforderung fürs Erste gebeugt, auch wenn ich offen gestanden nicht besonders heiß auf meinen Wehrdienst bin. Ich habe bis heute nicht eingesehen, warum jeder männliche deutsche Staatsbürger neun – beziehungsweise bald nur noch sechs – Monate seines Lebens investieren soll, um zu lernen, wie er sein Land zu verteidigen hat. Und das, obwohl wir uns in der längsten Friedensperiode befinden, die unser Kontinent je erlebt hat.
Mein Ziel für die Musterung heißt also, am Ende als „nicht wehrdienstfähig“ eingestuft zu werden. Und falls das nicht klappen sollte, habe ich am Vorabend schon mal ein Verweigerungsschreiben aufgesetzt, um den Wehrdienstberater sofort mit meinem Plan, Zivildienst leisten zu wollen, zu konfrontieren. Doch bevor ich besagten Mann überhaupt zu Gesicht bekomme, erwarten mich erst einmal ein paar Stationen im gesamten Gebäude.
Scharfe Einsätze in
der Kasernenküche
Normalerweise steht für die jungen Wehrpflichtigen am Tag der Musterung erst einmal die medizinische Untersuchung auf dem Programm, nach der die Frage „tauglich oder nicht tauglich“ beantwortet ist. Beim Eignungstest geht es dann nur noch darum, ob der Rekrut in spe für Elite-Einheiten in Frage kommt oder sich seine scharfen Einsätze während seines Wehrdienstes doch nur auf das Gebiet der Kasernenküche beschränken.
„Aus zeitlichen Gründen“, so klärt mich die sympathische Frau am Empfang aber auf, „werden Sie den Eignungstest vor der medizinischen Untersuchung machen“. Und dann setzt sie mich auf die Wartebank. Denn Warten scheint ein integraler Bestandteil des Aufenthalts hier im Wehrersatzamt zu sein. Sogar zwei Soldaten, die hier zugegen sind, warten einen Tisch weiter – worauf, bleibt mir ein Rätsel. Wie sie sich die Zeit vertreiben, wird jedoch relativ schnell klar. Beide starren auf einen kleinen Fernseher und schlagen die Zeit mit der Wiederholung des olympischen Eiskunstlaufwettbewerbs tot – es klingt zynisch, aber Biathlon wäre wohl eher nach dem Geschmack des Duos.
Ich sehe mich wenig später auch mit einem Monitor konfrontiert. Nachdem ich einer Psychologin Rede und Antwort stehen durfte, bin ich nun an der Reihe, meine Eignung an einem speziellen Computer unter Beweis zu stellen. Während die Aufgaben zum Thema Sprache und Mathematik mich eher zum Schmunzeln als zum ernsthaften Grübeln bringen, versage ich bei den Aufgaben zum Thema Technik in ungeahnter Art und Weise. Die Bundeswehr will von mir wissen, in welche Richtung sich die Zahnräder auf meinem Bildschirm drehen sollen. Trotz Physik-Leistungskurs mangelt es bei mir am technischen Know-How, so dass ich mehr als einmal blind eine der fünf Antwortmöglichkeiten herauspicke.
Irgendwann – ich habe jegliches Zeitgefühl verloren – erklärt mir der Bildschirm, dass ich fertig bin. Das heißt für mich wieder Warten. Warten, bis mich die Stimme einer asiatischen Mitarbeiterin in einem Slang, von dem die Gemusterten im Nachhinein kollektiv schwärmen, ins Labor ruft. In jenem Labor ist die Asiatin auch zugegen und ihre Kollegin stellt mich an den Meterstab und auf die Waage. Auf die Frage, ob mein stattliches Gewicht zur Ausmusterung reiche, antwortet die Dame aus Fernost ganz pragmatisch: „Nein, er isch tschuu groosch!“ Meinen Urin darf ich noch da lassen und anschließend wieder warten. Meinen Körpermaß-Joker habe ich also verspielt.
Die Wartezeit könnte ich mir zwar durch die ausgelegten Zeitschriften verkürzen. Aber die Aussicht auf „Y – Das Magazin der Bundeswehr“, eine Fotostory zum Grundwehrdienst und weit reichende Informationen zur freiwilligen Kriegsdienstverlängerung reizt mich dann doch nicht so sehr. Die junge Arzthelferin kommt irgendwann – mein Zeitgefühl ist noch immer nicht wieder hergestellt – und bringt mich zu Hör- und Sehtest und dann wieder in einen neuen Wartebereich, aus dem mich der erste Arzt, den ich am heutigen Tag zu Gesicht bekomme, abholt.
Ihm gegenüber tische ich bei der Krankheitsgeschichte meiner Familie einiges auf. Die tatsächliche Untersuchung dauert aber nur kurz. Denn zunächst ist mein Blutdruck jenseits vom Gut und Böse, dann stellt mir der Doktor die Suggestivfrage des Tages: „Herr Sattler, haben Sie nicht manchmal Schmerzen im Knie?“
 Ich reagiere schnell, fasse mir an die rechte Kniescheibe und klage in voller Flexibilität über Knieschmerzen und Sprunggelenksbeschwerden. Keine zwei Minuten später bin ich ausgemustert – meine Nasenscheidewandverkrümmung, die ich eigentlich noch als Ass im Ärmel hatte, wird nicht einmal erwähnt.
Der Wehrdienstberater ist der Inbegriff des klischeehaften Beamten. Fünf Minuten später sitze ich in seinem von Akten überhäuften Zimmer und starre abwechselnd auf ihn, dann auf die Flagge in seinem Raum. Er meint: „Herr Sattler, ich hoffe es ist nicht schlimm für Sie, dass Sie keinen Wehrdienst leisten dürfen.“ Mit einem Lächeln antworte ich: „Ach, ich werde es überleben.“
Ich schüttele ihm die Hand, er überreicht mir das Dokument meiner Begierde. „Sie sind nicht wehrdienstfähig“, steht da. Ich schaue auf meine Uhr, es ist kurz nach zwölf, als ich meinen ganz privaten Triumph über die Wehrungerechtigkeit feiern darf.




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