Freitag, 30. Juli 2010

Die Fahrprüfung


Sabine Rücker bei der Fahrprüfung.
Sabine Rücker bei der Fahrprüfung.
Uwe Bögel bei der Theorie
Uwe Bögel bei der Theorie

Vaihingen (sr/ub) – Da hat die Pressesprecherin der Stadt Vaihingen, die als Passantin an einer Fußgängerampel wartete, nicht schlecht gestaunt: Redakteur Uwe Bögel hinterm Steuer eines Fahrschulwagens. Was hat das zu bedeuten? Nichts. Zumindest nichts Schwerwiegendes. Denn Redakteur Uwe Bögel und VKZ-Mitarbeiterin Sabine Rücker stellten sich der Herausforderung, eine fingierte Führerscheinprüfung zu absolvieren. Beide blicken auf jahrzehntelange Fahrpraxis ohne ernsthafte Unfälle oder Flensburger Punkte zurück. Bögel, Führerschein ausgehändigt am 12. Juli 1979 und Rücker, Führerschein ausgehändigt am 28. Juni 1983, fielen erwartungsgemäß mit Pauken und Trompeten durch. Fahrlehrer und Pseudo-Prüfer war Wolfgang Müller von der gleichnamigen Vaihinger Fahrschule. Zweieinhalb Stunden lang schwitzten die „Prüflinge“: Zuerst musste jeder einen Bogen mit den „amtlichen Prüfungsfragen“ ausfüllen, dann der Praxistest mit dem Fahrschulauto in der Vaihinger Innenstadt. Dabei wurde die einzige Stoppstelle in der Kernstadt den beiden zum Verhängnis – neben vielen anderen Dingen. Richtig amüsiert hat sich an diesem Nachmittag vor allem Fahrlehrer Müller. Die Erlebnisse von Rücker und Bögel auf dieser Seite. Ihren Führerschein dürfen die beiden trotzdem behalten.

 

So, Rücker, jetzt zeig den Burschen mal, was du kannst. Fahrlehrer Wolfgang Müller zu meiner Rechten dirigiert den Weg vom Vaihinger Köpfwiesenparkplatz in Richtung Enzbrücke. Kollege Uwe Bögel lauert auf der Rückbank des Fahrschulwagens auf die ersten Patzer der Fahrerin. Wir nähern uns der Fußgängerampel. Die zeigt nichts, zumindest nicht für mich. Okay, da fahre ich beschwingt drüber. Nun kommt die Kurve Enzgasse/Auricher Straße, die Vorfahrtsstraße. Wir rollen auf den Knotenpunkt zu, von rechts naht ein Kleinlaster. Fahrlehrer Müller sagt nichts, das heißt, ich muss geradeaus fahren. Rundumblick, der Laster ist noch weit genug entfernt, ohne Anzuhalten witsche ich vor dem Kleinlaster in die Enzgasse. Gut gemacht, Rücker. Zügig gefahren, den Verkehrsfluss nicht unterbrochen. Ein zaghafter Blick zu Müller. Wie war’s? Prima! Durchgefallen! Bei der Gelegenheit habe ich nämlich das Stoppschild, das sich an der Fußgängerampel befindet, missachtet. Rund drei Sekunden müssen die Fahrzeuge an der Einmündung in die Vorfahrtsstraße halten, um die Lage zu peilen. Erst, wenn dann alles frei ist, kann’s verkehrskonform losgehen. Diese Kreuzung hat es in sich. Schon bei der Einfahrt in Richtung Köpfwiesen von Aurich kommend bin ich zu unaufmerksam über die Ampelstation gerauscht. Und das Stoppschild, das hatte mein Bewusstsein schon seit längerer Zeit ausgeblendet. Erschreckend!
Doch es kommt noch dicker. Von der Enzgasse aus geht es einmal ums Karree: Spitalstraße hoch, Auricher Straße wieder runter und dabei gleich zwei Mal die Rechts-Vor-Links-Regel vernachlässigt. Langsam wird’s unangenehm hinterm Steuer. Die paar Minuten der Testfahrt werden zu gefühlten Stunden. Himmelherrgott! Reiß’ dich zusammen! Doch der nächste Schweißausbruch lässt nicht lange auf sich warten. Wir gondeln am Sämann vorbei. Wir biegen in Richtung Krankenhaus in die Steinbeisstraße ein. Haha, da will er mich aber drankriegen, der Müller. Dass hier rechts vor links gilt, weiß selbst ich und bei der kurzen Rundfahrt geht nichts schief. Doch abwärts, von der Steinbeis- in die Franckstraße, wird’s wieder knifflig: Der Grüne Pfeil an der Fußgängerampel, der mir schon immer ein wenig Kopfzerbrechen bereitet, winkt. Zu allem Überfluss steuert eine Mutter mit Kinderwagen den Überweg an. Was nun? Die Ampel für mich zeigt rot. Der Pfeil ist grün. Was zeigt die Ampel der Fußgängerin? Ich taste mich mit dem Golf an die Haltelinie der Fußgängerampel. Die junge Mutter bleibt ordnungsgemäß an ihrer roten Ampel stehen. Jetzt, hoffe ich, darf ich mich laut grünem Pfeil vortasten und, wenn die Luft rein ist, nach rechts wieder in die Franckstraße biegen. Stimmt! Hurra, ich hab’ was richtig gemacht. Super! Auch die Einparkübungen, die Müller absolvieren lässt, gehen glimpflich über die Bühne. Bald ist es geschafft, bald muss der Bögel ran. Ha! Was für eine Freude! Jetzt muss ich nur noch das Fahrzeug richtig abstellen. Gut, wir stehen schon. Den Motor ausschalten, den ersten Gang einlegen, Handbremse ziehen. Was sagt Müller? Irgendwas von Lenkradschloss dringt an mein gestresstes Ohr. Da muss man feste am Lenkrad kurbeln, muntert der 43-Jährige mich auf. Ich zerre und ziehe, der Schweiß fließt in Strömen, unter den Herren breitet sich eine heitere Stimmung aus. Na klar, ich muss den Zündschlüssel erst ziehen, sonst passiert da gar nix. Fieslinge!
Insgesamt bin ich ganz schön geschafft. Zwar war meine theoretische Prüfung mit „nur“ 15 Fehlerpunkten um einiges besser als die von Kollege Bögel. Minuspunkte brachte dort ein Rudel Rehe, das mehrmals die Fahrbahn kreuzt. Auch Zehntonner dürfen nicht, wie von mir vorgeschlagen, auf Gehwegen parken. Da ist bei 2,8 Tonnen Schluss. Und so weiter und so fort. Durchgefallen wäre ich allemal (maximal zehn Fehler erlaubt). Ärgerlich außerdem, dass meine Taktik beim Praxistest gründlich in die Hose ging. Wer zuerst fährt, so die Idee, der hat’s schneller hinter sich. Dass ich dann allerdings als einzige die Fragen zur Sicherheitskontrolle beantworten musste, war ein echter Tiefschlag. Die Führerscheinneulinge heutzutage müssen bei der Fahrprüfung einiges an technischem Wissen über das Fahrzeug mitbringen. Beispiele gefällig? Müller: „Wo wird die Nebelschlussleuchte angeschaltet? “ ...und wann überhaupt? Oha! Weiter geht’s: Was bedeuten die diversen Anzeigen im Cockpit? Dann folgt das Öffnen der Motorhaube und das Erläutern der Dinge, die sich darunter verbergen. Was gibt’s über den Reifenzustand zu sagen und wie kann – ohne Hilfsmittel – das Profil bewertet werden? Immerhin finde ich den Hebel, um die Motorhaube zu öffnen und schlage mich beim Rest mehr schlecht als recht durch.
Insgesamt gesehen bin ich somit mehrmals durch die Führerscheinprüfung gerauscht und befinde mich dabei in guter Gesellschaft. 90 Prozent der langjährigen Fahrer würde das Gleiche blühen. Die nächsten paar Tage werde ich mir das Fahren-Lernen-Lehrbuch meines Sohnes unters Kopfkissen legen – kann ja nix schaden. Sabine Rücker

 

Als ich im Taigtrog Platz auf dem Fahrersitz nehmen soll, wäre ich im Ernstfall schon auf dem Nachhauseweg gewesen. Zu Fuß. Durchgefallen. Denn vor der Praxis steht die Theorie – und auf dem Prüfbogen Nummer 47 summieren sich gnadenlos die Fehler. 31 Fehlerpunkte stehen auf meinem Konto, das rote Kreuz spricht eine deutliche Sprache: nicht bestanden.
Fahrlehrer Wolfgang Müller tröstet. Das sei normal, nach fast 30 Jahren nach Erhalt des grauen Pappendeckels würden 90 Prozent durch die theoretische Führerscheinprüfung fallen. Mindestens. Einen Anhänger habe ich nicht Zuhause, die drei Fehlerpunkte bei Frage drei sind die logische Konsequenz. Dass an Einmündungen mit abgesenktem Bordstein nicht die Regel „rechts vor links“ gilt, müsste man wissen, ich nicht – also weitere fünf Fehlerpunkte. Hier ein Fach nicht angekreuzt, dort schlecht geraten, schnell ist die Schallgrenze von zehn Fehlerpunkten erreicht. Früher wie heute gilt die Binsenweisheit: Ohne Lernen geht nichts.
25 bis 35 Fahrstunden brauchen derzeit im Schnitt die jungen Leute, bis sie die Prüfungsreife erlangt haben. Wir machen den Praxisteil an diesem Freitagnachmittag im Schnelldurchlauf. 20-minütige Fahrt durch die Vaihinger Innenstadt unter Prüfungsbedingungen. Die Augen von Fahrlehrer (und in unserem Fall auch Prüfer) Wolfgang Müller sind hinter eine dunklen Sonnenbrille versteckt. Immer wieder macht sich der 43-jährige Auricher Notizen. Was habe ich schon wieder falsch gemacht? Oder ist das Taktik?
Vom Taigtrog geht es die Steinbeisstraße hoch. Immer schön aufpassen, der Verkehr aus der Andreaestraße, der Graf-Gottfried-Straße, der Friedrich-Kraut-Straße, der Aschmannstraße hat Vorfahrt. Kein Problem. Gefahrbremsung in der Grempstraße, anschließend einparken. Ohne Fehl und Tadel. Auf dem Parkplatz vor der Feuerwehr Einparkaufgabe Nummer zwei. Im ersten Anlauf steht der schwarze Golf TDI ordentlich zwischen den zwei weißen Linien. Geht doch!
In der Friedrich-Kraut-Straße komme ich dann schnell auf den Boden der Tatsachen. Verkehrsgerechtes Wenden lautet die Order von Wolfgang Müller. Rein in die nächste Straße, rückwärts raus, dem Gegenverkehr zugelächelt und wieder retour. Das war wohl nichts. Verkehr behindert und gefährdet und dann „einen Seichbogen“ gemacht, wie sich Wolfgang Müller rustikal ausdrückt.
Auf der Heilbronner Straße geht es zum Rathaus, dann rechts Richtung Stadtkirche durch den verkehrsberuhigten Bereich. Im zweiten Gang biege ich mit knapp 20 in die engen Gassen. Über die Turmstraße schickt mich Müller erneut in einem verkehrsberuhigten Bereich. Für meine Verhätnisse geht es brav langsam durch die Fußgängerzone. Bei der Nachbesprechung bei einem Weizenbier dann die Auflösung: Im verkehrsberuhigten Bereich ist eine Geschwindigkeit von vier bis sieben Stundenkilometern erlaubt, eben Schrittgeschwindigkeit, nicht mehr und nicht weniger. Mit der Fahrt im zweiten Gang knacke ich die vorgeschriebene Geschwindigkeit locker – die Folge: durchgefallen bei der Prüfung.
Der nächste Fauxpas im Mühlkanal. Die Stoppstelle ist mir zwar bekannt, doch wo halten? An der Haltelinie drei Sekunden, dann vor zur Sichtlinie und wenn nichts kommt, dann raus. Zweimal passieren wir die einzige Stoppstelle in der Kernstadt von Vaihingen. Beim zweiten Mal wird mein Fehler deutlich. Ich stehe an der Haltelinie, vorne dann rechts auf die Enzbrücke ohne weiteren Stopp. Es kommt ja kein Auto. Wieder durchgefallen. Die Haltelinie bezieht sich ausschließlich auf den Fußgängerüberweg, korrektes Halten ist an der Sichtlinie vorgeschrieben.
Den Fehler auf dem Köpfwiesen-Parkplatz gehört in die Kategorie Marginalie. Rechts wartet eine Frau, für mich das Zeichen weiterzufahren. Der Tadel von Wolfgang Müller kommt postwendend: Auf dem Parkplatz gilt gegenseitige Rücksichtnahme und nicht auf das Recht pochen, zweiter Gang rein und durch. Na ja, aber die hat doch gewartet.
Bei der Nachbesprechung richtet sich mein Ego wieder auf: „Eine reguläre Fahrstunde, dann würdest du die Prüfung locker schaffen“, sagt Wolfgang Müller. Wahrscheinlich würde auch nur ein Theorieteil genügen: Wo sind die besonderen Punkte in Vaihingen, wo muss man aufpassen? Geht doch. Die Fahrprüfung ist vorbei. Und es war gut, dass an diesem Nachmittag kein „echter“ Tüv-Prüfer im Wagen saß. Wolfgang Müller hat die Einlage mit den zwei VKZ-Redaktionsmitgliedern Spaß gemacht – und wenn ich ehrlich bin: Mir auch.Uwe Bögel


Seitenanfang