10/12 2010
Bei der Kreisgeflügelschau
Willi Wilbs aus Bad Friedrichshall schüttelt sich. Vom ganzen Körper fallen Strohhalme zu Boden. Der Hahn im Käfig schreit majestätisch. Er hat dem Preisrichter eine dicke Packung verpasst. Die Henne nebenan ergibt sich ihrem Schicksal ohne Gegenwehr – Wilbs packt sie mit gekonntem Griff an den Beinen.
Von Uwe Bögel
Vaihingen. 359 Tiere – 40 Wasser- und Großgeflügel, 79 Hühner, 117 Zwerghühner und 123 Tauben – werden an diesem Morgen im Kleintierzuchtheim in der Hauffstraße in Vaihingen „gerichtet“. Man kann auch prämiert sagen, aber bei der Kreisgeflügelschau 2010 kommt es auf die richtige Wortwahl an. Auf mehreren Hundert Seiten steht alles im Rassegeflügel-Standard für Europa. Hier sind die Fehler aufgelistet, die Farben beschrieben. Das Buch ist die Bibel der Kleintierzüchter, es ist die Grundlage für die Entscheidungen der fünf Preisrichter Peter Gebert, Willi Hander, Siegmund Hess, Rene Roux und Willi Wilbs. Ab 97 Punkten gibt es die Note vorzüglich, mit 96 Punkten wird hervorragend vergeben, zwischen 93 und 95 Punkten pendelt sich das Sehr gut ein, 92 Punkte bringen noch ein Gut. Z wie Zusatzpreis belohnt eine Nuance, E wie Ehrenpreis unterstreicht ein gutes Sehr gut.
Heute Abend werden die 41 Aussteller der Kreisgeflügelschau, die alle aus dem Altkreis Vaihingen kommen, ausgezeichnet. Parallel dazu feiert der Kleintierzuchtverein Vaihingen sein 125-jähriges Bestehen.
Doch allzu groß wird die Freude der versammelten Kleinzierzüchter nicht sein. Ihr Hobby ist schon seit Jahren auf dem Rückzug. Immer weniger versuchen – egal ob Fränkische Landgänse, Wyandotten, Seidenhühner, Antwerpener Bartzwerge, Deutsche Zwerg-Reichshühner, Lockentauben oder Deutsche Modeneser Schietti –das schönste Tier zu züchten, die kompletten Vorzüge einer Rasse in einem Tier zu erreichen. „Die Kleintierzucht ist auf dem sterbenden Ast“, sagt Karl-Heinz Häcker, noch Vorsitzender der Horrheimer Kleintierzüchter. Bei der Kreisgeflügelschau in Vaihingen betreut er zusammen mit Brigitte Kühnle die EDV-Auswertung. „Auch bei der Jugend ist das Hobby verpönt. Die Tiere kann man eben nicht wie Kickstiefel in die Ecke stellen.“
Das macht sich in den Mitgliederzahlen bemerkbar. Der Kleintierzuchtverein Vaihingen, der heute das Jubiläum feiert, hat gerade noch 25 Mitglieder. „Aber da müssen wir schon alle mitzählen“, meint Vorsitzender Peter Seiz. Zum Kreisverband Mittlere Enz gehören noch 22 Vereine mit insgesamt 1080 Mitgliedern – Tendenz eher fallend.
Horst Mitschelen aus Mühlacker, stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbands und Spartenleiter Geflügel, kann die Aussage von Häcker nur bestätigen. „Wenn die Kleintierzucht ausstirbt, fehlt die Grundbasis für die Legehennen.“ Doch ob dieses Argument fruchtet, ist fraglich. „Wenn Kinder sagen, dass eine Kuh lila ist, dann ist doch alles klar“, klagt Mitschelen.
Der erste Griff geht zu den Füßen,
der zweite Griff zu den Flügeln
Nebenan packt Preisrichter Wilbs wieder eine Henne. Der Griff geht sofort zu den Füßen, die zweite Hand packt die Flügel. So ist das Tier ruhig gestellt, Willi Wilbs mustert es aufmerksam. Einen Stock tiefer geht es für Peter Gebert aus Talheim und Willi Hander aus Magstadt bei den Tauben deutlich ruhiger zu. Hier geht der Griff von oben herab über die Flügel. Ein renitenter Hahn lässt sich aber nicht alles gefallen. Da wird ruckzuck gezwickt. Horst Mitschelen zeigt wie zum Beweis seine linke Hand. Auf dem Handrücken prangt ein blauer Fleck.
Im Ausstellungsraum schwillt der Lärmpegel an. Der Perlhühner machen Radau. „Das ist bekannt, Perlhühner können richtig laut werden und auch die Nachbarschaft stören“, erzählt Karl-Heinz Häcker. Häcker weiß, wovon er spricht. In diesem Jahr hat das Verwaltungsgericht den Horrheimer Kleintierzüchtern untersagt, in ihrer Anlage am Wehrweg Pfauen zu halten. Zu laut, so die Richter in ihrem Urteil. Kleintierzuchtvereine können mittlerweile nur überleben, wenn ihre Zuchtanlagen abseits der Bebauung stehen.
Willi Wilbs und Siegmund Hess vergeben gerade zweimal die Note vorzüglich. Das ist selten. So eine Note ist Balsam für die Seele eines Kleintierzüchters. Für die Deutschen Zwerge wildfarbig gibt es in Deutschland gerade einmal 50 bis 60 Züchter, einer davon ist der Horrheimer Häcker. „Es ist schon ausgesprochen schwierig, Eier zu bekommen. Das verlangt lange Arbeit im Internet.“ Bei der großen Europaschau in Köln waren von diesen Zwerghühnern sieben Hähne und 15 Hennen ausgestellt. „Die Rasse ist am Aussterben“, bedauert Häcker. Und dann noch das schlechte Zuchtjahr 2010. Von 160 Enteneiern sind gerade acht Küken geschlüpft. Bei 45 Hühnereiern gab es siebenmal Nachwuchs. Auch bei den Tauben sei der Schlupf miserabel gewesen. Häcker: „Das kommt immer mal wieder vor. Da kann man nichts machen.“
Deshalb sind die Verantwortlichen froh, dass bei der Kreisgeflügelschau am Wochenende in Vaihingen – 1913 war die erste Kreisgeflügelschau in Vaihingen, deshalb soll zum 100-Jährigen 2013 Vaihingen wieder Veranstaltungsort sein – so viele Tiere gezeigt werden können. An den Käfigen hängen dann die entsprechenden Bewertungszettel der Preisrichter. Ein Doppelzacken beim Kamm gibt Abzug, die falsche Farbe im Gefieder, die falsche Körperform. Einige Tiere fallen auch durchs Raster – ohne Bewertung steht dann im Zeugnis. Bei der Zucht versuchen die Menschen, bei ihren Hühnern oder Tauben die richtige Linie zu suchen, um das „Optimale herauszuholen“. Dazu gehört auch, einen Schritt zurückzugehen, um eine bestimmte Kreuzung zu erreichen.
„Wenn wir Tiere halten, gehört
auch dazu, dass wir sie schlachten“
Züchter Karl-Heinz Häcker
Für zarte Gemüter ist das Hobby nichts. „Bei mir hat kein Huhn einen Namen, sonst wird es problematisch“, gibt Karl-Heinz Häcker zu. Man habe die Tiere gern, klar, „aber bei der Kleintierzucht muss man mehr den Nutzen sehen“. Häcker: „Wenn wir Tiere halten, gehört auch dazu, dass wir sie schlachten.“
Mit diesen Aussagen erobern die Kleintierzüchter nicht die Herzen der Tierfreunde. Das wissen sie. Selbst bei einer großen Kreisgeflügelschau bleiben die Züchter meist unter sich.
In den Käfigen harren die Tiere. Nach fünf Stunden sind die Richter durch. Am Montag beginnt wieder der Hühneralltag – mit mehr Platz im Stall oder bei entsprechender Witterung auf der Wiese. Häcker: „Unsere Tiere sind nur bei den Schauen in den Käfigen.“
