Wie ein Fels in der Brandung steht Bärbel Petermann in ihrer guten Stube. Umtost von goldenen Haaren und fliegenden Pfoten strahlt die 45-Jährige nur eines aus: Ruhe. Debbie und Berry, zwei prächtige Retriever-Hunde, quetschen sich an ihr Frauchen, in deren Händen die Leckerli locken. Doch nur kurz währt der Aufruhr. Wie von Geisterhand, ohne verbales Kommando, passiert das Erstaunliche. Die Aufregung legt sich. Die Hunde machen Sitz, schmachten erwartungsfroh Petermann an und werden auf der Stelle mit Futter belohnt. „Positive Verstärkung“, erwidert die Nussdorferin auf den verdutzten Blick der VKZ-Frau hin, und: „In der Ruhe liegt die Kraft.“
Bärbel Petermann weiß, wovon sie spricht. Gemeinsam mit Mann Klaus und Sohn Heiner kümmert sie sich seit rund einem Jahr um Pflegehunde des jungen Vereins „Retriever and friends“. In ihrem Nussdorfer Zuhause, einer der Pflegestellen des Vereins, hat sie seither sieben der Rassehunde bis zu ihrer Weitervermittlung gepflegt. Streng genommen waren es acht. Aber der erste der Pfleglinge, der Golden Retriever/Labrador-Mix Debbie, durfte bleiben und gehört heute zur Familie. Abgabehunde, die aus den verschiedensten Gründen ihre Besitzer verlassen müssen, und ehemalige Zuchthunde, das sind die Schützlinge des 2007 gegründeten Vereins. Die Tiere werden durch ein ausgeklügeltes System aufgenommen und, wenn nötig, quer durch die Republik zu einer passenden Pflegestelle gebracht. Diese „Besitzer auf Zeit“ arbeiten ehrenamtlich, anfallende Tierarztkosten werden vom Verein übernommen, und manchmal mogelt sich der Hund derart ins Herz dieser Menschen, dass er bleiben darf. Für Debbie, die Hündin „aus vierter Hand“, war das offensichtlich die leichteste Übung. Wieso wollte keiner diesen Hund behalten? „Sie ist ein Temperamentsbündel, sie braucht geistige und körperliche Auslastung“, sagt Petermann, während sie die behaarte Rasselbande mit zwei Ochsenziemern für wenige Minuten ruhig stellt.
Die zwei Jahre alte Debbie ist ein Überbleibsel aus einer wilden Vermehrung. „Obwohl die Tierheime brechend voll mit Hunden sind, wird der Markt mit Welpen bedient“, nutzt die Sozialarbeiterin die Vesperpause der Hunde für ein paar erklärende Takte. Besonders Modehunde wie die Retriever üben auf skrupellose Menschen, sogenannte Vermehrer, einen hohen Reiz aus. Vermehrer „züchten“ die gefragten Rassen unter grausigen Bedingungen. In Schuppen und Kellern, Zwingern und Verschlägen fristen die Hunde ein trauriges Dasein – in Deutschland ebenso wie im Ausland. Zuchthündinnen werden mit Hilfe von Hormonspritzen zu Gebärmaschinen aufgeputscht. Sobald kein Profit mehr von ihnen zu erwarten ist, „lässt man sie verhungern oder sie werden erschlagen“, so Petermann.
Zu unseren Füßen bahnt sich derweil Ärger an. Berry, ein Prachtkerl von einem Golden Retriever, hat sich seinen Ochsenziemer einverleibt. Die Hündin ist noch heftig am Nagen, lässt ihren Kaustab aber kurz aus den Augen. Der Rüde unterm Tisch wittert seine Chance. Doch Bärbel Petermann, immer einen Tick schneller als die Vierbeiner, hat die Situation sofort im Griff. Beide Hunde, mit und ohne Ochsenziemer, werden neu sortiert und sind zufrieden. In der Ruhe liegt die Kraft. „Die Vermehrerhunde kennen gar nichts, die kommen nie raus“, fährt die Nussdorferin fort. In der Regel handelt es sich um sehr ängstliche Tiere, die meist nicht einmal stubenrein sind. Selbst wenn es einer der Hunde ins Tierheim schafft, „hat so ein Zuchthund dort null Vermittlungschancen“. Hier greift die Arbeit des Vereins, der die Hunde teilweise direkt vom Vermehrer aufnimmt.
Eine große Verantwortung habe in diesem Zusammenhang der Käufer, der sich einen Rassehund zulegen möchte, betont Petermann. Verantwortungsvolle Zuchten unterliegen der Kontrolle durch den Verband des Deutschen Hundewesens (VDH). Für die dem VDH angeschlossenen Zuchtvereine gilt eine der „strengsten Zuchtordnungen der Welt, und zwar nach tierschutzorientierten Gesichtspunkten. Die Ahnennachweise des VDH gewährleisten, dass strenge Wurf- und Zuchtkontrollen durchgeführt werden. Die Ahnentafel muss das Logo des VDH enthalten“, ist dem Internetauftritt des Verbandes zu entnehmen. Eine derartig qualitative und verantwortungsvolle Zucht schlägt sich auf den Preis der Welpen nieder: 1000 bis 1200 Euro müssen für einen Retriever-Welpen hingeblättert werden. Petermann: „Es sind nicht alle Leute bereit, das zu zahlen.“ Knuffige Junghunde von dubiosen „Züchtern“ sind dagegen schon zum Schnäppchenpreis von 350 bis 400 Euro zu haben.
Debbie und Berry nutzen den Vortrag von Frauchen, um sich die Zeit mit ein wenig Hundespaß zu vertreiben. Das freudige Gerangel rund um den Esstisch herum animiert dazu, den Fotoapparat zu zücken. Doch die Vierbeiner sind zu agil, witschen unter den Tisch, üben sich in kurzen Verfolgungsjagden. Bärbel Petermann spürt die Verzweiflung der Zeitungsfrau. „Heiner, mach’ doch mal den Kasper hinter ihr“, schlägt sie ihrem 13-jährigen Sohn vor. Der pirscht sich hinter mich und macht Faxen. Es hilft aber alles nichts. Das Fotoshooting wird später im schönen Nussdorfer Umland stattfinden.
Um Berry, den drei Jahre alten Prachtrüden, wird Petermann bald bittere Tränen weinen. „Nächste Woche wird er abgeholt“, sagt die Hundenärrin. Grundsätzlich ein Grund zur Freude, denn dann kann Berry seine Pflegefamilie verlassen und in ein richtiges Zuhause ziehen. Trotzdem ist ihr der Golden Retriever in den 14 Tagen, die er in ihrer Familie verbracht hat, ans Herz gewachsen. „Schrecklich“, sagt Petermann, „ich heul’ jedes Mal.“ Der Kummer sei allerdings rational zu bewältigen: „Es sind schon wieder sechs Rüden auf der Warteliste.“
Frauchen hat langsam genug erzählt, beschließt Temperamentsbündel Debbie und verbreitet Unruhe. „Die muss man mit Kopfarbeit auslasten. Inzwischen kann sie beispielsweise ihren Teddy oder das Seil gezielt suchen. Wir üben gerade das Suchen bestimmter Personen, wenn mehrere sich verstecken. Aber das erste, das sie gelernt hat, war Schlüsselbunde suchen“, so Petermann.
Und auch Berry drängelt. Ein Gassi-Gang ist unausweichlich. Der Rüde wurde von einem Vermehrer aus Bayern abgegeben. Für eine Tierschutzgebühr von 350 Euro wird er nächste Woche in den Besitz einer sorgfältig ausgesuchten Familie aus Esslingen übergehen. Dass der 36-Kilogramm-Hund an HD, einer Fehlentwicklung des Hüftgelenks, leidet, sei den neuen Besitzern natürlich gesagt worden.
An Interessenten für die Retriever fehlt es dem Verein nicht. Das Problem ist ein Engpass bei den Pflegestellen. Menschen mit Hundeerfahrung, Herz und Verstand, Zeit und Durchhaltevermögen werden daher dringend von „Retriever and friends“ gesucht. Und wie reagiert Debbie, wenn Berry sie verlässt? „Sie kann die Ruhe schon genießen“, weiß Bärbel Petermann aus Erfahrung. Dann wird die quirlige Hündin wieder verstärkt mit Aufgaben gefordert, immer unter dem Motto: In der Ruhe liegt die Kraft. (sr)
Der Verein „Retriever and friends“ bietet auch Patenschaften für Hunde an. Informationen im Internet unter www.retriever-and-friends.de oder unter der Telefonnummer (07622) 6976948.
