"Die Mauer fällt“, ruft einer aus der zweiten Reihe. Und tatsächlich: Ein Teil der deutschen Geschichte geht in die Knie. Vor den Augen einer Schulklasse löst sich eine Ecke der Berliner Mauer, die – nur symbolisch, versteht sich, und aus einem Stück Tapete gefertigt – an der Tafel hängt. Fasziniert gaffen die Primaner, deren Lehrerin und ich auf den unartigen Zipfel, der nun anarchisch vom dunklen Schreibbord baumelt. An diesem trüben Dienstagmorgen werde ich also abermals Zeitzeuge des Mauerfalls, bei dem der Großteil der im Raum Anwesenden noch nicht einmal das Licht der Welt erblickt hatte. Wer hätte das gedacht? Mit meinen 42 Jahren bin ich mit Abstand die älteste Person im Musiksaal des Friedrich-Abel-Gymnasiums (FAG) in Vaihingen. Da kann auch Geschichtslehrerin Birgit Gellink mit ihren 32 Jährchen nicht mithalten. Geschweige denn die Schüler der 13. Klasse. Ich darf, so die Idee, die hinter der Aktion steckt, für einen Tag nochmal die Schulbank drücken. Wie fühlt sich das Schülerdasein heute an? Steht der Mensch jenseits der 40 einen Schultag überhaupt noch durch?
Ursprünglich geplant war ein Besuch bei einer Klasse der Mittelstufe, was allerdings bürokratische und rechtliche Hürden vereitelt hatten. Daher lande ich bei den „Großen“, bei der Oberstufe des Gymnasiums. Zwei Stunden Biologie, zwei Stunden Geschichte stehen auf meinem Stundenplan. Geradezu lächerlich für echte Schüler, die in der Regel ein wesentlich höheres Tagespensum absolvieren müssen. Möglich ist folglich eine Momentaufnahme des Schülerdaseins in der heißen Phase der Abiturvorbereitung.
Und so sitze ich nun im Musiksaal des Fachklassenbaus am FAG. Zwei Stunden Biologie habe ich hinter mir. Es ist Pause. Auf den Gängen wird gequasselt, gerangelt und in manchen Ecken heftig poussiert. Muss Liebe schön sein... Meine temporären Mitschüler trudeln langsam ein, die meisten ins Gespräch vertieft. Lauter nette junge Menschen. Auf einem Blatt meines Schreibblocks notiere ich: „Ich fühle mich einsam und alt.“ Die Lehrerin kommt. Ding, dang, dong, dong, der Schulgong ist der Startschuss für die Stunde. Kein Vergleich zu der schrillen Pausensirene meiner Schulzeit. Das Thema des Geschichtsunterrichts heute: „Die Folgen der Einheit.“ Es klopft an der Tür, ein Nachzügler wird eingelassen. Erstaunlich! Wir sind damals, wenn wir zu spät kamen, einfach ins Zimmer gelatscht. Birgit Gellink hängt ihr symbolisches Mauerstück an die Tafel. Auf ihm steht geschrieben: „Die Mauer muss weg.“ Weg ist durchgestrichen und durch wieder her ersetzt. Was damit gemeint sein könnte, wird diskutiert. „Wann und wieso wurde die Mauer gebaut?“, möchte die Lehrerin wissen und lässt ihren Blick schweifen. Ich verhalte mich ruhig, man muss ja nicht unnötig auffallen...
Die Primaner schlagen sich wacker, kennen Jahreszahlen und Fakten, erläutern den Mauerfall und wälzen mit Hilfe der Pädagogin Probleme der Wiedervereinigung. Merkwürdiges Gefühl, ein selbst erlebtes Stück Geschichte im Unterricht aufzuarbeiten, denke ich. Ins Klassenzimmer verirren sich Fetzen von Klaviermusik. Irgendwo im Gebäude ist wohl noch ein Musiksaal. „Yesterday“ von den Beatles bahnt sich dezent den Weg in mein Großhirn, benebelt meine Sinne – die Tagträumerei aus der eigenen Schulzeit klappt auf Anhieb. Die Worte „Treuhandanstalt“ und „Planwirtschaft“ entreißen mich dem Zauber der Musik, ich lande wieder bei den Anfängen der Deutschen Einheit. „Wie“, will einer der Schüler wissen, „wurde in der DDR geregelt, wer an welchen Ort in den Urlaub gehen durfte?“ Gute Frage, finde ich. Die Begriffe „Planziel“ und „Held der Arbeit“ fallen bei der Antwort. Anschließend teilt Gellink die Schüler in Gruppen ein, Themen: Die Stasi-Akten; Politbüroprozesse und die Hauptstadtfrage: Berlin oder Bonn? Wenig später werden die Ergebnisse präsentiert und diskutiert, was durchaus zu meiner Horizonterweiterung beiträgt: die Symbolik von Bonn und Berlin steht zur Debatte, die Frage, wie mit Stasi-Akten umgegangen werden sollte. Eine Vernichtung der Dokumente, klärt Gellink auf, komme aus archivrechtlichen Gründen nicht in Frage. Die Doppelstunde neigt sich dem Ende zu. Wie, will die Lehrerin abschließend wissen, könnte der Satz an der Mauer heute heißen? „Die Mauer ist Vergangenheit“, schlägt ein junger Mann vor. Der Gong ertönt. Geschafft!
Den Biologieunterricht habe ich ja schon vorher ohne augenscheinliche Peinlichkeiten hinter mich gebracht. Hoffentlich. Weder Bio-Lehrer Holger Vogt, noch die Handvoll Mitschüler konnten bemerkt haben, wie dämlich ich mich anstellen kann. Thema der Doppelstunde war das schriftliche Abitur im Neigungsfach – früher Leistungskurs genannt – Biologie, das den paar Schülern Anfang April bevorsteht. Hierzu wälzten die Gymnasiasten mit Vogt Abi-Aufgaben der Vorjahre, die in einem Extra-Büchlein zusammengefasst sind. Netterweise hatte mir eine Schülerin ihr Exemplar überlassen. Dummerweise habe ich zwei Drittel der Zeit damit verbracht, die behandelten Fragen in dem Buch zu suchen. Sobald das gelungen war, beschäftigte sich der Rest der Gruppe schon wieder mit dem nächsten Problem. Eines war aber schnell klar wie Kloßbrühe: Bei der schriftlichen Abiturprüfung müsste ich Blut und Wasser schwitzen, obwohl ich ein Diplom in diesem Fach in der Tasche habe. Immunreaktion, Gentherapie, Operon und Acetylcholin... Alles schon mal gehört, aber sagen möchte ich darüber bitteschön nichts mehr müssen. Muss ich auch nicht, Gott sei Dank! Dafür melden sich die angehenden Prüflinge oft und gerne und scheinen gut gerüstet. Für mich ist besonders die Sache mit der Zwiebel interessant. Da schlägt das Journalistenherz höher. Hier tickt halt doch nicht mehr der Schüler, sondern die Zeitungsfrau in mir, die Nützliches für ihre Leser wittert: „Erläutern Sie, wieso die Haushaltstipps funktionieren“, lautet ein Teil einer Abifrage aus dem Jahr 2006. Zwiebeln sollen beim Schneiden angeblich nicht zu Tränen rühren, wenn sie vorher zehn Minuten ins Eisfach gelegt oder unter Wasser gewürfelt werden. Beim Schneiden, erfahre ich, werden die Zellen zerstört, wodurch ein Enzym sich an einer schwefelhaltigen Aminosäure zu schaffen machen kann. Es entsteht Propanthialsulfoxid. Ein Gas, das sich mit der Tränenflüssigkeit zu Schwefelsäure verbindet. Autsch! Nun die Auflösung: Klar, unter Wasser verpufft sozusagen die Reizwirkung des Gases. Bei der gekühlten Zwiebel ist die chemische Reaktionsgeschwindigkeit derart lahm, dass keine nennenswerte Menge des Gases entsteht. Raffiniert! Ich habe doch das Richtige studiert, auch wenn ich den Großteil davon vergessen habe.
Und was haben eigentlich die Schüler nach dem Abi vor? Marco Vrdoljak, 19 Lenze jung: „Ich möchte studieren, vielleicht Architektur, Kunst oder Genetik. Erst mal gehe ich aber für einige Monate nach Amerika, um die Sprache aufzubessern.“ „Ich werd' Lehrer!“, ruft Luigi Ancona, ebenfalls 19 Jahre alt, von hinten vor. Seit der achten Klasse sei ihm klar, dass er Sport unterrichten möchte. Der gleichaltrige Marc Hofka liebäugelt eher mit einem Bio- oder Psychologiestudium, vielleicht aber auch etwas mit „Weltraum“.
Ach, diese Oberstufenschüler. Ihnen liegt doch irgendwie noch die Welt zu Füßen. Ich erinnere mich: Nach dem Abitur, da fühlte ich mich allwissend wie nie mehr sonst in meinem Leben. Das sei auch diesen Primanern gegönnt. Die Erkenntnis „ich weiß, dass ich nichts weiß“ setzt sich noch früh genug durch.
So kehre ich nach der 6. Stunde der Schule den Rücken, froh, mich nicht in einen überfüllten Bus quetschen zu müssen. Adieu, Gymnasium! Unsere gemeinsame Zeit ist nun endgültig vorbei. Und – ganz ehrlich – das ist gut so. Mit einem Liedchen auf den Lippen denke ich an meine Schulzeit und fühle wie einstmals Freddy Quinn: „So schön, schön war die Zeit.“ Sabine Rücker
