„Manchmal braucht man auch Rückschläge“
16/09 2010
„Manchmal braucht man auch Rückschläge“
Port of Spain/Rosswag (sv). 9:0, 10:1, 3:0 – nach drei Siegen scheint für die deutsche U-17-Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in Trinidad und Tobago momentan alles möglich. Jana Blessing aus Roßwag kann die Erfolge ihrer Elf nur vor dem Bildschirm verfolgen. Doch die 17-Jährige gibt sich gewohnt kämpferisch.
Die Frage, warum sie sich derzeit nicht im sonnigen Karibikstaat Trinidad und Tobago, sondern im eher verregneten Roßwag aufhält, muss Jana Blessing zurzeit des Öfteren beantworten. Während in mehr als 7500 Kilometer Entfernung ihre Nationalmannschaftskolleginnen um die U-17-Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen spielen, darf Blessing derzeit nur bei ihrem Verein, dem FV Löchgau, gegen den Ball treten.
„In den letzten Maßnahmen habe ich meine Leistung einfach nicht richtig abgerufen“, gibt sich die 17-Jährige selbstkritisch. Konkret redet sie über die Europameisterschaftszwischenrunde, bei der sich die Nationalelf im April gegen Österreich, Norwegen und Schweden ungeschlagen für die Endrunde qualifizierte. „Da habe ich einfach meine körperliche Überanstrengung gespürt. Es ging einfach gar nichts mehr“, sagt Blessing im Rückblick.
Seitdem hat die Roßwagerin das Nationaltrikot nicht mehr überstreifen dürfen: Bei der EM-Endrunde im Juni, die die Deutschen nach einer 0:1-Pleite gegen Außenseiter Irland und einem 3:0-Erfolg gegen die Niederlande als Dritter abschlossen, saß Blessing nur auf der Bank. Auch im Verein, erzählt die Schülerin des Friedrich-Abel-Gymnasiums, lief es seit April nicht mehr rund: „Da war ich auch nach zehn Minuten platt und konnte nicht mehr.“ Inzwischen wurde bei ihr Eisenmangel diagnostiziert. „Vielleicht lag’s auch daran“, mutmaßt die neunfache Nationalspielerin.
Von ihrem WM-Aus hat die Jugendnationalspielerin übers Internet erfahren. Bis heute weiß sie nicht, was Bundestrainer Ralf Peter dazu bewogen hat, eine seiner erfahrensten Kräfte in Deutschland zu lassen und stattdessen im defensiven Mittelfeld auf Lina Magull (FSV Gütersloh, acht Länderspiele) und Clara Schöne (Bayern München, ein Länderspiel) zu vertrauen. „Das ist schon ein bisschen schade. Aber am Endergebnis hätte es ja auch nichts geändert“, sagt Blessing. Dennoch: Etwas Ungewissheit bleibt. Denn neben ihren nicht optimalen Auftritten in den vergangenen beiden EM-Runden gab es vor Bekanntgabe der Nominierten auch einen Leistungstest. Hier wurden die Jugendlichen auf Ausdauer, Sprung- und Schnellkraft gestestet. „Vielleicht waren es auch meine Werte, die mir den Weg zur WM verbaut haben“, übt sich die Roßwagerin im Orakeln.
Die bittere Pille scheint die FVL-Spielerin mittlerweile aber verdaut zu haben. „Ich hätte das Zeug gehabt mitzufahren, hätte ich die Leistung, die man von mir kennt, abgerufen“, sagt Blessing gewohnt kämpferisch. Was die Zukunft im Nationaldress angeht, ist die Nichtnominierung für die U-17-WM jedenfalls kein Weltuntergang.
Nach dem Turnier in der Karibik wäre für sie ohnehin der Sprung in den Kader der U 19 bevorgestanden. Durch die Nichtteilnahme hatte Blessing nun am Dienstag und Mittwoch der vergangenen Woche sogar die Möglichkeit, an ihrem ersten U-19-Lehrgang teilzunehmen. Da gab es prompt Lob von Nationaltrainerin Maren Meinert, die der 17-Jährigen eine „ordentliche Leistung“ bescheinigte.
Die Worte von Meinert, immerhin Weltmeisterin 2003, bauen nach der Nichtberücksichtigung auf, zumal auch die Roßwagerin weiß: „Jetzt gilt es, sich neu zu empfehlen.“ In der U 19 werden erstmals Spielerinnen zweier Jahrgänge gemeinsam betreut, so dass noch härter geschuftet werden muss, um auch im Aufgebot zu stehen. „Was den DFB angeht, ist es wichtig, dranzubleiben. Vor allem im athletischen Bereich muss ich mich noch weiter verbessern“, lautet Blessings Fazit. Die Nichtnominierung hat offenbar eine positive Trotzreaktion ausgelöst: „Vielleicht tut es gut, auch mal einen Rückschlag verkraften zu müssen. So etwas braucht man auch manchmal.“
Die Auftritte ihrer Mannschaftskolleginnen verfolgt Blessing per Internet, wo die Partien vom Weltfußballverband Fifa live übertragen werden. Nach einem 9:0 gegen Mexiko und einem 10:1 gegen Südafrika hat sich Deutschland am Sonntagabend mit einem 3:0 gegen Südkorea souverän für das Viertelfinale qualifiziert. Hier müssen die deutschen Damen heute Nacht um 1 Uhr gegen Nordkorea ran.
Blessing runzelt die Stirn, wenn es um das Auftreten der Nationalelf geht. „Natürlich freue ich mich für die Mädels. Aber ich weiß nicht, was ich von den Ergebnissen halten soll.“ Die Roßwagerin beklagt einen Attraktivitätsverlust bei derartig unterschiedlichen Teams: „Ich habe mir die Spiele ja angeschaut und das wurde ziemlich schnell langweilig. Da muss man sich schon die Frage stellen, ob das dann noch Werbung für den Frauenfußball ist.“
Was das angeht, liegen die Hoffnungen der 17-Jährigen eher auf der Frauen-WM 2011 in Deutschland. Für das Finale in Frankfurt hat Blessing schon Tickets in der Schublade. Selbst zeigt sie sich begeistert davon, wie viel sich in Sachen Frauenfußball bewegt hat. „Viele Mädchen haben angefangen zu kicken“, sagt die Nationalspielerin. Als Betreuerin für elf- bis 14-jährige Fußballerinnen beim Ensinger-Mädchenfußballcamp hat sie das Heft in Sachen Nachwuchs schon selbst in die Hand genommen. „Für ihr Alter haben die Mädels ein richtig gutes Niveau gezeigt“, schwärmt die Nationalkickerin.
Auch wenn die Frauen-WM im nächsten Sommer für Blessing, Jahrgang 1993, zu früh kommt, um sich Hoffnungen zu machen – Ziele für 2011 hat sie genug. Mit dem FV Löchgau gilt es, in einer starken 2. Bundesliga Süd eine gute Runde zu spielen und im persönlichen Bereich steht das Abitur an. Und dann gibt es ja noch das U-19-Nationalteam, wo der Adler auf dem weißen Trikot lockt.
