Freitag, 25. Mai 2012

Von Roßwag über London auf den Fußball-Olymp


Vom Nachholen lässt sich Jana nicht abschrecken
Jana Blessing ist die wohl erfolgreichste Jugendfußballerin im Bezirk Enz/Murr und spielt für die Nationalelf.

Roßwag – Es ist der 16. April dieses Jahres. Deutschland hat vor wenigen Minuten in dem westlich von London gelegenen Bisham die englische Nationalmannschaft mit 4:1 besiegt. Doch es sind nicht Michael Ballack, Torsten Frings oder Mario Gomez, die sich in den Armen liegen und den klaren Sieg bejubeln. Und auf der Gegenseite stehen auch nicht David Beckham, Wayne Rooney oder John Terry und schieben wegen der Niederlage gegen die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Frust. Dafür ist Jana Blessing aus Roßwag mit dabei. Denn die Nachwuchsfußballerin aus dem Vaihinger Ortsteil hat die Ehre, mit den besten Fußballerinnen ihres Alters für die deutsche U15-Nationalmannschaft zu spielen.

Seit dem Sieg über England sind rund vier Monate vergangen und neben ihrem Premierespiel füllen mittlerweile einige weitere Partien im Nationaltrikot ihr Länderspielkonto. Jana ist eine viel beschäftigte junge Dame. Erst kürzlich kehrte sie aus Montabaur in Rheinland-Pfalz zurück, wo die DFB-Auswahl im Rahmen eines „Vier-Nationen-Turniers“ Schottland mit 9:0 besiegte, Russland mit 5:1 das Fürchten lehrte und Norwegen nach einem 1:1 in der regulären Spielzeit im Elfmeterschießen schlug. Jana stand dabei gegen Schottland in der Startelf. Eingewechselt wurde sie gegen Russland und gegen Norwegen durfte sie sogar über die gesamte Distanz von 70 Minuten ran.

Angefangen hat Janas Karriere aber schlicht – im 1200-Seelen-Ort Roßwag. Jana: „Ich war vier oder fünf, da haben mich ein paar Kumpels zum Training der Roßwager mitgenommen.“ Über die Bezirksauswahl und die Auswahl des Württembergischen Fußball-Verbandes (WFV) gelang ihr schließlich der Sprung ins Nationaltrikot. Mit der Auswahl spielte Jana beim einmal im Jahr stattfindenden Länderpokal in Duisburg. Zu diesem Turnier entsendet jeder der 21 Landesverbände des DFB eine Auswahl. Dort präsentierte sie sich derartig stark, dass Trainer Kopp ihr und zwei anderen Württembergerinnen die Einladung für einen Sichtungslehrgang des DFB in die Hand drückten durfte. „Man braucht schon eine Zeit, um das zu kapieren“, so Jana, „aber danach ist die Freude riesig.“ Nach jenem Sichtungslehrgang flatterte im Frühjahr die Nominierung für zwei Spiele in England ins Haus. Nicht nur sie habe sich gefreut, sagt die 15-Jährige, auch ihre Eltern seien sehr stolz gewesen.

Mutter und Vater Blessing unterstützen Janas Fußball-Leidenschaft ohnehin sehr stark. „Sie müssen mich ja oft irgendwohin fahren“, erklärt die Nationalspielerin, „und sie gehen dann auch zu vielen Spielen mit.“ Auf die Frage, ob sie ihre Eltern dann auch tatkräftig und lautstark von der Seitenlinie anfeuerten, kennt Jana nur eine Antwort: „Ha ja!“

Dass Janas Eltern sie mit dem Auto zu Spielen und Training fahren, ist seit letztem Jahr ohnehin nicht mehr zu vermeiden. Denn von den Roßwager Jungs hat sie sich fußballerisch getrennt. Die Nachwuchskickerin spielt seit September bei den B-Juniorinnen des FV Löchgau, der renommiertesten Frauenfußball-Adresse im Bezirk. Und das, obwohl Jana, Jahrgang 1993, vergangene Saison noch für die C-Juniorinnen hätte spielen dürfen.

Doch nicht nur aufgrund des Löchgauer Erfolgs in Sachen Frauenfußball trennte sich Jana vom FVR, bei dem sie dank Ausnahmegenehmigung des DFB noch bis zur B-Jugend spielen konnte. Zum einen war nicht ganz klar, ob in Roßwag überhaupt eine Jugendmannschaft zustande kommen würde. Doch auch das Verhalten der ausschließlich männlichen Gegenspieler hat wohl zu ihrem Vereinswechsel beigetragen. „Manche waren ziemlich unfair zu mir. Und blöde Sprüche kamen oft auch noch dazu.“

Dennoch sagt die Roßwagerin, dass ihr das Fußballspielen mit Jungen gut getan habe, denn körperlich sei es auf jeden Fall eine Herausforderung. Diese sucht sie trotz ihres Wechsels auch weiterhin jeden Montag – dann nimmt sie nämlich zusammen mit männlichen Fußballern am DFB-Stützpunkttraining teil. Ohnehin erfordert Fußballspielen auf solch hohem Niveau eine Unmenge an Disziplin. Denn nicht nur montags ist Jana in Sachen Training beschäftigt. Daneben geht es noch zweimal pro Woche zum Vereinstraining nach Löchgau und manchmal sogar noch einmal zum Training der Bezirksauswahl Enz/Murr. An Spieltagen ist das Wochenende ohnehin ausgebucht – und in der spielfreien Zeit stehen Konditions- und Koordinationstraining in Eigenregie auf dem Programm: „Die Koordinationsleiter liegt bei mir im Garten“, grinst die Jugendliche.

Dass bei so einem prall gefüllten Terminkalender kaum noch Freizeit bleibt, ist selbstredend. „Bis vor einem Jahr habe ich Trompete gespielt – das habe ich aufgegeben“, sagt der Teenager. Früher hat sie nebenher auch noch Handball gespielt, aber auch das hing sie zu Gunsten des Fußballs an den Nagel.
Vom Nachholen lässt sich Jana nicht abschrecken

Auch in Sachen Schule hat sich die Nationalspielerin an einen Spagat gewöhnt, Das Nachholen von Unterrichtsinhalten ist für die Schülerin des Friedrich-Abel-Gymnasium etwas Alltägliches. „Es gibt Abschnitte, da fehle ich im Monat sieben Tage“, erzählt die Zehntklässlerin. Doch vom vielen Nachholen lässt sich Jana nicht abschrecken. Ob ihr Ziel das Abitur sei? „Klar“, antwortet die 15-Jährige bestimmt. Auf die Aufschriebe ihrer Nebensitzerin Alena ist sie dabei angewiesen: „Ihr bin ich auch besonders dankbar.“

Hohe Ziele hat sich die Jungnationalspielerin aber nicht nur in punkto Schule, sondern auch in Sachen Fußball gesetzt. Die Frauenfußball-Bundesliga peilt Jana auf jeden Fall an – den FVL, bei dem sie auf der klassischen „Zehnerposition“ im offensiven Mittelfeld kickt, muss sie dafür wohl früher oder später verlassen. Auch das Jersey mit dem Adler möchte die Roßwagerin noch öfters tragen. Im Nationaldress trainiert sie unter einer Weltmeisterin – DFB-Coach Bettina Wiegmann gewann 2003 den viel beachteten Titel mit der A-Nationalmannschaft.

Dafür muss die Nachwuchskickerin wohl noch etwas Taktik büffeln. Das lerne man beim DFB, bei die Roßwagerin auf der „Sechserposition“ im defensiven Mittelfeld agiert, besonders intensiv, so Jana. Analysiert wird bei der U15-Nationalmannschaft schon so wie bei der deutschen A-Elf. Die letzten Spiele wurden per Videokamera aufgezeichnet und besprochen. Das Besprochene muss Jana nun auf dem Platz umsetzen – am besten schon beim nächsten Lehrgang. Jana peilt nämlich einen Platz in der U16-Nationalmannschaft an. Denn auch sie weiß, dass sich 2011 die besten Fußballerinnen aus aller Welt in Deutschland treffen werden, um einen neuen Weltmeister zu ermitteln. Und was gäbe es Schöneres als bei einer Weltmeisterschaft im eigenen Land dabei zu sein?        Sven Sattler


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