Freitag, 25. Mai 2012

Zum falschen Zeitpunkt fit gewesen


Kugelstoßen
Christina Schwanitz in Aktion und im Olympia-Dress vor ihrer Arbeitsstelle im Sersheimer Rathaus (Mitte). Fotos: Leitz/Vöhringer

Sersheim (jsv) – Es habe eine Weile gedauert, bis sie das Erlebte realisiert hatte, erzählt Christina Schwanitz. Die 22 Jahre alte Kugelstoßerin aus Sersheim war bei den Olympischen Spielen in Peking am Start. Und lieferte dort „eine eher bescheidene Leistung“ ab, wie sie selbst sagt.
Platz elf sprang am Ende heraus. Für die ambitionierte Kugelstoßerin letztlich viel zu wenig. Den Sprung in den Endkampf unter die letzten Acht verpasste sie in der Qualifikation. Mit 18,27 Metern blieb sie weit unter ihren Möglichkeiten. „Im Vorkampf habe ich noch 19,07 Meter gestoßen“, sagt Schwanitz. Diese Weite hätte im Endkampf zu Platz sieben gereicht. „Erst zwei Wochen nach dem Wettkampf, als ich zurück in Deutschland war, habe ich gemerkt, was ich für einen Mist gebaut habe“, so Schwanitz, die im Sersheimer Rathaus eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten absolviert. Dass es nicht in den Endkampf und zu einer besseren Platzierung reichte, sei vor allem Kopfsache gewesen.
Dabei hatte sich die für den SV Neckarsulm startende Athletin so gut vorbereitet. Anderthalb Monate vor ihrer Abreise nach Asien hatte sie sich alle zwei Tage für eine Stunde in die Sauna begeben, um auf die extremen Wetterverhältnisse eingestellt zu sein. „In China war dann aber nichts Extremes, auch kein Smog.“ Und das Wetter im japanischen Shibetsu, wo sie sich ab dem 6. August sechs Tage lang auf Peking vorbereitete, sei bis auf den ersten Tag ähnlich wie hier in Deutschland gewesen. Die vielen Eindrücke und Umstellungen hätten sich auch nicht gerade positiv auf ihre Leistung ausgewirkt.
Zum einen war da die siebenstündige Zeitverschiebung in Japan. Die Ankunft sechs Tage später in Peking sei zudem reinste Schikane gewesen. „Es schien, als würde es kein Ende nehmen“, erinnert sich Schwanitz. Zunächst sei da dieser riesige unüberschaubare Flughafen. Es folgte das Theater mit der Akkreditierung. Und zu guter Letzt stand dann vor dem Olympischen Dorf der Wachmann mit geladener Waffe und dem Finger am Abzug. Schwanitz: „Da denkt man dann im ersten Moment, der kann dich jederzeit erschießen.“ Doch nach und nach habe sie sich daran gewöhnt; und auch ans Vogelnest, wo sie später selbst ran musste. „Da war ich jeden Tag“, sagt sie. „Am 14. August, einen Tag vor dem Leichtathletik-Beginn, bin ich ins Stadion gegangen, um mich damit vertraut zu machen“, fährt sie fort.
Es sei imposant gewesen, alleine schon der Blick die leeren hohen Ränge hinauf. „So ein Ambiente kann einen schon aus dem Konzept bringen. Ich hatte Angst, diesem erliegen zu können“, so Schwanitz – vor allem vor 100000 Leuten.
Tags darauf um 9.10 Uhr ging es los. Das Vogelnest war brechend voll. Schwanitz hatte nur zweieinhalb Stunden geschlafen. „Das ist bei mir vor Wettkämpfen immer so und eigentlich ideal“, erklärt sie. Und es lief auch ganz gut. Die für den Vorkampf erforderlichen 18,45 Meter erreichte sie in der Qualifikation mühelos. „Ich war einfach zum falschen Zeitpunkt fit“, sagt sie. Später lief dann nicht mehr viel zusammen – mit 18,27 Metern schied sie aus. Den Wettkampfmodus kritisiert Schwanitz. Das Kugelstoßen in Peking wurde an einem Tag durchgezogen. „So etwas hatte ich bei einer großen Veranstaltung bisher noch nie“, sagt sie. Normalerweise gehe so ein Wettkampf über zwei Tage.
Ein anderer Grund für das nicht optimale Abschneiden kristallisierte sich im Vorfeld heraus. „Bei uns hat die Euphorie gefehlt, bei Olympia dabei zu sein“, so Schwanitz. Sie und die beiden anderen deutschen Starterinnen, Denise Hinrichs und Nadine Kleinert, mussten sich nicht großartig qualifizieren und standen schon lange als Peking-Starter fest. Auch die fehlende Wettkampfpraxis macht sie für ihre Leistung verantwortlich. „Ich mache erst seit einem halben Jahr wieder Sport, meine Konkurrenz ist dagegen ständig im Einsatz gewesen“, erläutert Schwanitz, die zuvor aufgrund von fünf Fuß-Operationen zwei Jahre lang pausieren musste. „Das merkt man schon.“ Auch die Tatsache, dass es ihre ersten Olympischen Spiele waren, dürfe man nicht unterschätzen.
Und wie war China? Die drei Wochen inklusive des Trainingslagers in Japan seien eine tolle Erfahrung gewesen. Sie sei unter anderem auf der Chinesischen Mauer gewandert, erzählt die 1,80 Meter große Athletin. Außerdem hat sie rund 500 Fotos gemacht.
Alles in China sei gigantisch, blickt Schwanitz zurück. Und sie erläutert dies. Alleine der Gang durch die 24 Stunden lang geöffnete Mensa, in der über Bratwürste, Hühnchen bis hin zu Schnitzel, jeglichem Obst und Gemüse alles zur freien Verfügung stand, dauerte eine Viertelstunde. Sogar einen kostenlosen Friseur gab’s im Olympischen Dorf. Die Zimmer dort seien klimatisiert gewesen, die Informationen, die im Vorfeld in Deutschland kursierten, hingegen größtenteils falsch. „Ich hatte Internet-Zugang und bin auch auf alle benötigten Seiten gekommen“, sagt sie.
Auch die Abschlussfeier ist der gebürtigen Sächsin in guter Erinnerung geblieben. „Da sind 100000 Menschen und alle schauen auf dich“, sagt sie. Und dabei gewesen zu sein, habe noch einmal eine ganz andere Qualität. „Im Fernsehen kam das alles gar nicht so ganz rüber. Das ist in echt noch viel imposanter“, so Schwanitz. Die nächsten Olympischen Spiele in London im Jahr 2012 hat Schwanitz auch schon im Auge. „Ich hoffe, dass ich verletzungsfrei bleibe.“ Dann sei sicher auch eine bessere Platzierung möglich. „Ich will nicht wieder Elfte werden. Schließlich mache ich nicht Sport, um dabei zu sein“, äußert sie sich olympia-untypisch. „Ich will gewinnen!“


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