Freitag, 25. Mai 2012

Wenn der Torwart über 70 ist


Die Ü50-Mannschaft des VfB Vaihingen.
Die Ü50-Mannschaft des VfB Vaihingen konnte am Ende des Turniertages den zweiten Platz bejubeln. Foto: Wirth

Stevo Zbiljski kommt vom Spielfeld. Er stützt seine Hände auf den Knien ab, beugt seinen Oberkörper leicht nach vorne und ringt nach Luft. Irgendwie liegt der Vergleich mit einer Dampflok nahe. Zwei Minuten vergehen, Zbiljskis Atmung hat sich stabilisiert: „Hey“, schreit er zu einem Mannschaftskameraden. „Komm raus. Ich will wieder spielen.“ Sein Mitspieler fügt sich und Zbiljski stürmt erneut dem Ball hinterher.
Eine Situation, wie sie bei jedem normalen Fußballturnier, mehrfach vorkommt.
Ganz so normal ist das Fußballturnier, das in der Oberriexinger Sporthalle stattfindet, allerdings nicht, denn statt Zehn- oder Fünfzehnjährigen oder aktiven Spielern kicken hier Männer, die teilweise bereits Enkelkinder haben könnten. Doch vom Opa-Dasein wollen sie, zumindest heute Abend, nichts wissen. Heute geht es nämlich um den Turniersieg.
In der Halle ist das Spiel mit Vaihinger Beteiligung mittlerweile vorbei. Jetzt haben die Männer erst einmal Pause. Die Mannschaft des VfB gehört in der Altersklasse Ü50 zu den Favoriten. „Wir und Großsachsenheim“, sagt Enver Karadza. „Letztes Jahr haben wir gewonnen, das Jahr zuvor Großsachsenheim.“ Der direkte Vergleich ist also immer das entscheidende Spiel. Karadza selbst hat bisher übrigens durchgespielt. Eine Verschnaufpause hat der 50-Jährige noch nicht gebraucht. „Außerdem hat mich ja auch niemand vom Feld geholt.“
Die Kicker des VfB trainieren jeden Dienstag in der Stromberg–Sporthalle in Vaihingen. „Im Schnitt sind wir 18 Leute“, berichtet Karadza. So würden sie sich fit halten und dem Fußball sind sowieso alle schon ein Leben lang verbunden. „Die meisten, die heute mitspielen, haben schon vor Jahren das VfB-Trikot getragen. Das war zu Landesliga- und Bezirksligazeiten“, erzählt Dieter Wagner. Er betreut die Mannschaft heute. Sonst spiele er mit, aber der harte Hallenboden sei nichts für seine künstliche Hüfte.
Es ist die 20. Auflage des Senioren-Turniers in Oberriexingen. „Allerdings haben die Ü50-Senioren nicht von Anfang an mitgespielt. Dann wurden unsere Teilnehmer immer älter und wir haben die neue Altersklasse eingeführt“, erklärt Turnierleiter und Mitorganisator Erich Bannert. Deshalb gäbe es Spieler, die schon von Anfang an dabei seien. Bevor die Ü50-Mannschaften loslegten, waren bereits am Freitagabend und am Samstagmittag die Altersklassen Ü40 und Ü30 am Start.
Bei den Ü40 waren zehn Mannschaften dabei. Sieger wurde das Team von 08 Bissingen vor Unterriexingen, der SG Weil im Dorf und dem TSV Oberriexingen. Der Sieger in der Altersklasse Ü30 war der VfB Vaihingen. Zweiter wurde Hemmingen und den dritten Platz belegte der TSV Oberriexingen. Insgesamt waren sieben Teams am Start. In diesem Jahr war es das erste Mal, dass die Heimmannschaft in der Altersklasse Ü50 kein eigenes Team stellen konnte.
Zurück in der Halle: Gerade steht die Mannschaft von Pfedelbach auf dem Platz. „Hier ist ein ganz besonderer Spieler dabei. Der Torwart ist schon über 70“, verrät Bannert.
Tatsächlich? Er sieht doch gar nicht so aus. „Doch, im Mai werde ich 74“, sagt Günter Schmid. Fußball spielt er schon ungefähr 65 Jahre lang. „Aber langsam wird es genug“, sagt er. Obwohl Schmid die 70 schon überschritten hat, ist seine Torwartleistung nicht schlecht.
Lauernd steht er vor seinem Gehäuse, wartet, denn der Gegner hat den Ball. Schuss, Schmid hebt ab, hechtet sich nach dem Ball und kann gerade noch zur Ecke klären. Das gibt bestimmt blaue Flecken und Muskelkater. „Nö“, grinst Schmid. So etwas habe er auch mit 73 nicht. Nur eines ist ihm wichtig. „Ich möchte nicht, dass die anderen Spieler, die doch ein bisschen jünger sind als ich, wegen meines Alters Rücksicht auf mich nehmen“, sagt er und wirft sich dem nächsten Ball entgegen.
Die Leistung stimmt – doch Unterschiede zu Spielern, die erst 20 Jahre alt sind, gibt es. Die Zweikämpfe werden lange nicht so hart geführt, die Spieler gehen sich eher aus dem Weg. Dafür gibt es mehr technische Highlights zu sehen. Ein Tunnel, ein genialer Pass in die Tiefe – immer wieder leuchtet die Genialität der Kicker auf.
Doch ohne Ehrgeiz geht es nicht. Das sieht man auch beim VfB Vaihingen. Die Mannschaft hat das Spiel gegen Großsachsenheim verloren. „Wir laufen nicht mehr und verspielen alles“, schimpft einer der Spieler ständig vor sich hin. Doch es gibt doch noch ein kleines Happy End. Turniersieger werden zwar die Sportfreunde Großsachsenheim, aber der VfB kann immerhin den zweiten Rang behaupten. Im nächsten Jahr klappt es dann vielleicht auch wieder mit dem Turniersieg.  Eva Wirth


Seitenanfang