Ordentlich in Reih und Glied stehen die verschieden großen Einräder an der Wand der Strudelbachtalhalle in Riet. Jeder, der in der Einrad-Gruppe mitmacht, hat sein eigenes Rad, das er zur Stunde mitbringt. Die halben Drahtesel sind mittlerweile in reger Benutzung. Gerade fährt jeder wie er will, kreuz und quer, durch die Halle.
Einrad fahren – hört sich doch sehr nach „Geschicklichkeit“ und „Gleichgewicht ausbalancieren“ an. „So ist es auch“, bestätigt Sonja Kiefer, Übungsleiterin der Einrad- Gruppe in Riet. „Einrad fahren ist die totale Körperbeherrschung“ erklärt Kiefer. „Es bedeutet für uns auch mehr als nur ab und zu auf der Straße zu fahren. Bei uns wird der ganze Körper beansprucht, kein Körperteil bleibt unbewegt und wir finden immer neue Herausforderungen für uns“, erzählt Kiefer.
Einige Kinder helfen ihr gerade, die Geräte aus dem Schrank zu holen: Keulen, Diabolos, Pois und so genannte Devil Sticks werden heute noch zum Jonglieren gebraucht.
Immer wieder entdecken Kiefer und ihr Mann, der sie bei jeder Stunde unterstützt, Neues, das sie in ihre Stunde einbauen können. Anregungen holen sie sich unter anderem beim Einrad-Tag in München. „Bei solchen Veranstaltungen finden wir immer neue Ideen“, schwärmt Kiefer.
Zurück in die Halle: Nach den Aufwärmübungen werden die ersten Figuren gefahren, zum Beispiel die Mühle oder der Stern, bei dem mehrere Kinder sich an einer Hand halten und dadurch einen Stern bilden. Auch Kiefers 14-jährige Tochter Sandra unterstützt ihre Mutter und hilft, den Parcours aufzubauen, bei dem die Radler über eine Wippe balancieren, Slalom und durch zwei Matten hindurch fahren müssen. Ganz Mutige schließen dabei sogar die Augen und fahren blind hindurch.
Das Einrad fahren viel mit Geschicklichkeit zu tun hat, fällt nicht auf. Auch die Jüngsten meistern jede Hürde. Bis dato sind keine Unfälle zu verzeichnen. Kiefer: „Jeder verliert mal sein Rad, verständlicher Weise. Niemand kann nach kurzer Zeit Einrad fahren.“ Aber wie lange dauert es, bis man wirklich einige Runden fahren kann? „Das ist unterschiedlich. Auffallend ist aber, dass wir Erwachsene uns schwerer tun als die Kinder, da diese einfach weniger Ängste haben“, vermutet Kiefer.
Ohne Eigenmotivation, ständiges üben und ohne Mut lerne aber niemand Einrad fahren, aber „ich habe noch kein Kind erlebt, das es nicht gelernt hat“.
Einrad fahren ist für sie eine ganz neue Körpererfahrung gewesen. Ich habe nicht geglaubt, dass ich es irgendwann schaffen werde, Einrad zu fahren, erzählt die 47-Jährige. Erst vor ein paar Jahren hat sie ihre Leidenschaft entdeckt. Bei einem Kuraufenthalt kamen ihre Kinder zum ersten Mal mit Einrädern in Berührung. „Es hat uns nicht mehr losgelassen“, erzählt Kiefer begeistert. „Meine Kinder hatten es auf Anhieb so toll gekonnt, dass wir uns kurze Zeit später überlegt hatten, es wäre doch wunderbar, wenn wir nicht nur draußen Einrad fahren könnten, sondern auch in einer Halle, wetterunabhängig und vielleicht auch mehrere Kinder dafür begeistern könnten.“ Die Gedanken wurden in die Tat umgesetzt und mittlerweile treffen sich rund 30 Kinder und Jugendliche jeden Freitag und gehen ihrer Leidenschaft nach.
Zwischenzeitlich gibt es sogar Studien, die sagen, dass durch diese Gleichgewichtsübungen beide Gehirnhälften besser trainiert werden. Die Kinder würden lernen, sich auf sich und das Einrad zu konzentrieren.
Im Training der Rieter Einradfahrer wird immer wieder auch das freie Aufsteigen geübt. „Als Anfänger wird man durch zwei Böcke oder später durch die Hallenwand unterstützt. Jeder, der zu uns kommt, probiert erst mal, auf ein Einrad zu sitzen, das Gleichgewicht zu halten und dann unterstützen wir ihn bei den ersten Fahrversuchen“, erzählt die Übungsleiterin. Viele würden auch zu Hause auf der Straße wie wild üben. Die kommen dann in unsere Stunde und rufen „Sonja, Sonja ich kann’s“, erzählt Kiefer.
Auch ein Hochrad, das der Familie Kiefer gehört, wird jede Stunde zum Ausprobieren mitgebracht. Die Begeisterung und der Mut der Kinder kennen keine Grenzen. Jeder möchte das Hochrad einmal fahren. Thomas Kiefer unterstützt jeden beim Eingewöhnen auf das doch etwas andere Einrad, aber nach kurzer Zeit fahren die Kinder ohne Hilfe durch die Halle. „Ich habe Höhenangst. Deshalb fahre ich selbst das Hochrad nicht“ gibt Kiefer lächelnd zu.
Dass die Kinder ihren Körper beherrschen, zeigt sich nicht nur beim Einrad fahren. Sonja Kiefer bietet die Laufkugel an. Die sechsjährige Johanna Ebert springt auf den Ball und dreht die Kugel unter ihren Füßen. Aber was ist denn nun die Königsdisziplin beim Einrad fahren? „Rückwärtsfahren“ ertönt es im Einklang. Da sind sich alle sicher. Nina Habenicht
Training: Freitags von 19 bis 20 Uhr in der Strudelbachtalhalle in Riet.
Kontakt: Sonja Kiefer (Telefon 07042/77434).
