enn die Carlovis ihrem Sohn Fabian zuschauen wollen, dann liegt es nahe, nach Füssen zu fahren. Nun ist es nicht gerade ein Katzensprung von Südtirol, wo die Carlovis wohnen, nach Füssen. Doch ist es immer noch die einfachste Lösung, um bei einem Spiel von Fabian Carlovi dabei zu sein. Denn der 16-jährige Eishockeyspieler geht für den SC Bietigheim-Bissingen in der Jugend-Bundesliga auf Puckjagd. Und eine Anreise zu den Heimspielen der Steelers-Jugend in Bietigheim wäre dann doch noch zeitintensiver als ein Besuch beim Auswärtsauftritt in Füssen.
Dass der junge Italiener überhaupt in Bietigheim spielt, wäre ohne das CJD Jugenddorf Schloss Kaltenstein nicht denkbar. Denn seit dem vergangenen Jahr kooperiert das Schloss Kaltenstein mit dem SC Bietigheim-Bissingen und bietet ein Internat für Eishockey-Talente an. Die Jugendlichen haben alle einen großen Traum: Sie wollen einmal Eishockey-Profi werden.
Früh haben sie das Elternhaus verlassen, um ihr großes Ziel in Angriff zu nehmen. Charly Heyser ist der jüngste der acht Internatsbewohner. Er ist erst 14 Jahre alt und darf noch in der Schülermannschaft spielen. „Man muss Prioritäten setzen“, sagt Heyser, der vom Bodensee kommt.
Und wie sieht der Tagesablauf aus? Zunächst einmal gehen die Jungs morgens zur Schule. Dann werden die Hausaufgaben gemacht, ehe es ins Training nach Bietigheim geht. Meist werden die Talente von den CJD-Mitarbeitern ins Training gefahren, zumal die Eishockeyspieler eine große Ausrüstung mit sich herumschleppen.
Der Fahrdienst gehört zum Servicepaket des Jugenddorfs. „Die Steelers erwarten von uns eine Komplettbetreuung“, sagt Florian Ott, der pädagogische Leiter des CJD Jugenddorf Schloss Kaltenstein. Die Jugendlichen werden nicht nur untergebracht und verpflegt (sie wohnen alle im Haus „Aurich“), es gibt auch eine Hausaufgabenbetreuung sowie Unterstützung bei Alltagsproblemen. Durch die Installierung des Eishockey-Internats ist eine neue 0,75-Stelle entstanden. Unterm Strich haben aber zahlreiche Mitarbeiter mit der Betreuung der Talente zu tun.
Mit allen Spielern wurden Ein-Jahres-Verträge abgeschlossen. Vor der Saison gab es eine Sichtung in Bietigheim, bei der vom Trainerteam entschieden wurde, wer für einen Internatsplatz in Frage kommt. Die talentierten Akteure haben ein Stipendium bekommen, das heißt: Der SC Bietigheim-Bissingen übernimmt einen Teil der Internatskosten. Wenn ein Spieler allerdings tatsächlich einmal Profi werden sollte, muss er den Stipendiumsbetrag an den Verein zurückzahlen.
Bei den Steelers ist man froh, auf diese Weise die Nachwuchsförderung zu verbessern. „Die guten bayerischen Vereinen gehen mit den besten Spielern aus ihrer Region an den Start“, sagt sagte Bernhard Wondratsch, der Jugendleiter des SC Bietigheim-Bissingen. Dies sei in Bayern auch einfacher zu bewerkstelligen, da es dort weitaus mehr Eishockeyclubs gibt als in Baden-Württemberg. Das Eishockey-Internat bietet den Steelers nun die Möglichkeit, Talente aus dem ganzen Bundesgebiet zu holen; zudem gehen auch zwei Südtiroler für den Bietigheimer Nachwuchs auf Puckjagd.
Doch aller Anfang ist schwer. „Die erste Saison war ein Lehrjahr für uns“, sagt Bernhard Wondratsch. Das sieht man auch beim Schloss Kaltenstein so. Dort musste man nämlich alsbald feststellen, dass die Jungs vor allem eins im Kopf hatten: Eishockey. Also wurden die Zügel im Laufe der Saison angezogen und die Kontakte zu den Schulen intensiviert. Auch wurde festgestellt, dass es kaum Krankmeldungen gab – was auch daran lag, dass die Jungs im internen Konkurrenzkampf nicht an Boden verlieren wollten und sie in diesem Zusammenhang ein Trainingsverbot verhindern wollten.
Überhaupt ist der interne Konkurrenzkampf nicht zu unterschätzen. Eines der Talente ist schon nach kurzer Zeit wieder aus dem Jugenddorf ausgezogen, da es mit seiner sportlichen Situation nicht zufrieden war.
Von den zehn Spielern, die im Vorjahr im Schloss Kaltenstein gewohnt haben, ist nur noch ein einziger dabei. Das hat einen guten Grund. In der Saison 06/07 spielten die Steelers noch in der Deutschen Nachwuchs Liga (DNL), der höchsten deutschen Spielklasse. Dort lief’s sportlich für die Bietigheimer nicht gut und sie stiegen in die Jugend-Bundesliga ab.
„Wer weiterhin in der DNL spielen konnte, wollte natürlich weg“, sagt Bernhard Wondratsch. Folglich haben sich die Talente neuen Vereinen angeschlossen und das Internat bereits nach einem Jahr wieder verlassen. Wobei sie auch dieser Umstand irgendwie auf eine mögliche Profilaufbahn vorbereitet. Denn es gibt im professionellen Eishockey nicht wenige Spieler, die regelmäßige ihre Arbeitgeber wechseln.
Michael Bofinger
