Freitag, 25. Mai 2012

44 Beine – und du bist ganz alleine




08/05 2010

44 Beine – und du bist ganz alleine

Fuba
Sven Sattler in seinem Element: Woche für Woche sorgt er für Recht und Ordnung auf den Fußballplätzen der Region. Foto: Archiv

Vaihingen (sv). Manche wissen, wo sein Auto steht, andere beschimpfen ihn als „schwarze Sau“. Als Fußball-Schiedsrichter hat man selten ein leichtes Leben. Dennoch geht ein kleiner Kreis Fußballverrückter Woche für Woche genau diesem Hobby nach.

„Nur noch fünf Sekunden, nur noch die wenigen Stufen zum Spielfeld hinunter, und dann bleibst du allein, inmitten Tausender von Menschen…“ Es gibt genau 78 251 Personen in Deutschland, die die Gefühlsregung, die der sechsmalige Weltschiedsrichter Pierluigi Collina in diesem Zitat beschreibt, nachvollziehen können. So viele gehen nach Informationen des Deutschen Fußball Bundes (DFB) Woche für Woche das Wagnis ein, Pfeife oder Assistentenfahne in die Hand zu nehmen, um landauf, landab die Regeleinhaltung auf den Fußballplätzen zu überwachen.
Seit Januar 2007 gehöre auch ich dieser gerne als „Schwarze Zunft“ betitelten Gemeinschaft an. Auch wenn wir mittlerweile ebenso in Rot, Gelb oder Blau herumlaufen: Der Job ist noch immer unweigerlich mit der Farbe der Totengräber verknüpft Wahrscheinlich nicht ganz zufällig.

Ob auch ich einer dieser pfeifenden Totengräber bin, das müssen die Fußballer, die schon unter meiner Leitung gespielt haben, selbst entscheiden. Wenn Sie regelmäßige Besucher auf den Sportplätzen der Umgebung sind, haben Sie mich vielleicht sogar schon einmal zwischen den Grundlinien hin und her wetzen sehen. Als Unparteiischer der Schiedsrichtergruppe Vaihingen ist es mir zwar verwehrt, die ersten Mannschaften im Verbreitungsgebiet zu pfeifen – das ist Aufgabe der Kollegen aus benachbarten Gruppen wie Heilbronn, Bruchsal oder Pforzheim. Bestimmt habe ich aber schon einmal bei der zweiten Auswahl oder einer Jugendmannschaft Ihres Heimvereins vorbeigeschaut.

Natürlich stehen selten „Tausende von Menschen“ – wie von Collina beschrieben – am Spielfeldrand, wenn ich zur Pfeife greife. Das Gefühl beim Einlaufen sorgt dementsprechend nur in Ausnahmefällen für Gänsehaut. Und die Champions-League-Hymne hat bei einem Spiel unter meiner Leitung auch noch keiner durch die Lautsprecher erklingen lassen. Doch egal, ob WM-Finale oder Kreisliga C – die Sorgen, die unsereins während des Spiels plagen, sind die gleichen.
Vor kurzem bin ich zu Gast beim SV Oberderdingen gewesen, der in der Bruchsaler B-Liga um den Aufstieg kämpft. Der Gegner TSV Unteröwisheim steht hingegen auf dem 15. Platz und hofft auf den Klassenerhalt.

 „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“, hat Otto Rehhagel einmal gesagt – für mich liegt sie um 14.45 Uhr noch in den Kabinen. Seit 45 Minuten bin ich vor Ort, in einer Viertelstunde will ich anpfeifen. Im Moment hat allerdings die Passkontrolle Vorrang. Es ist Routine, bei der leider immer wieder Fehler passieren – und es ist die erste Möglichkeit, einen guten Eindruck bei den Spielern zu hinterlassen.
Sowohl in den Katakomben als auch auf dem Platz selbst muss mir eine Gratwanderung gelingen. Im einen Moment muss ich als bester Kumpel meine Entscheidungen verkaufen, im anderen muss ich als arroganter Besserwisser meine Linie durchziehen. Bei der Passkontrolle ist der nette und lustige Unparteiische gefragt. Ein Betreuer knipst bei der Passdurchsicht aus Versehen die Lampen aus, woraufhin ich seinem Team wünsche, dass ihm beim Spiel „nicht die Lichter ausgehen“. Gelächter in der Kabine – die Stimmung ist gut. Eine wichtige Information für die Spielleitung, die gleich mit dem Anpfiff beginnt.

Tatsächlich zeigt sich auch in der ersten Halbzeit keine große Aggression. Schon nach neun Minuten geht der Favorit in Führung, böse Fouls oder Unsportlichkeiten finden nicht statt. Ich lockere die Zügel etwas, pfeife nicht jeden Zweikampf ab, lasse die Spieler etwas um den Ball kämpfen. Das geht lange Zeit gut – nur, als der SVO es zunehmend nicht schafft, mit einem 2:0 die Vorentscheidung zu erzielen, wird das Spiel härter. Fünf Minuten vor dem Halbzeitpfiff sind die ersten Akteure ermahnt. In die Pause gehen wir trotzdem ohne Gelbe Karte. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Der zweite Durchgang beweist das postwendend. Drei Minuten nach Wiederanpfiff schubst ein Unteröwisheimer seinen Gegenspieler und holt sich bei mir den Karton dafür ab. Die Spieler mit der Rückennummer vier beider Mannschaften kriegen ihn kurz darauf unter die Nase gehalten und der bereits wegen Meckerns ermahnte Spieler mit der fünf auf dem Trikot der Gäste hat ihn nach einem Handspiel redlich verdient.

Mittlerweile ist der Außenseiter mit 0:3 ins Hintertreffen geraten. Haarige Torentscheidungen sind mir bislang erspart geblieben, beide Mannschaften spielen zu meinem Glück mit Libero, so dass Abseitsstellungen die Ausnahme bleiben. Richtig gemein für mich wäre es, wenn die Teams die Abseitsfalle einsetzen. Ohne Assistenten ist man da eigentlich aufgeschmissen und muss mehr als einmal aus ganz schlechtem Winkel auf gut Glück entscheiden. Bis zur Landesliga ist das so.

Das 4:0 zwölf Minuten vor dem Ende liefert ebenfalls wenig Gesprächsstoff. Ein Allerweltsfoul wenige Sekunden später offenbar schon. Ein Oberderdinger geht zwei Meter vor dem eigenen Strafraum zu Fall, ich entscheide auf Freistoß. Für das, was dann passiert, fehlt mir das Verständnis. Ein eingewechselter Unteröwisheimer zeigt mir die „Brille“ und brüllt: „Du pfeifst hier den größten Scheiß.“ Gestik und Wortwahl sind für mich grob unsportlich – dafür kennt das Regelwerk nur eine Strafe. „Nummer zwölf zu mir“, sage ich bestimmt und zücke die Rote Karte aus der Gesäßtasche. Der Spieler versucht zu retten, was zu retten ist, doch jetzt ist die Kumpel-Schiene für ihn endgültig vom arroganten Besserwisser abgelöst worden. Ein kurzes Gastspiel für den Eingewechselten, den zu allem Überfluss noch eine Sperre vom Sportgericht erwartet.

Elf Minuten später gibt’s sogar noch ein Stück für die Kategorie „Überflüssige Platzverweise“. Der schon verwarnte Gästespieler mit der fünf auf dem Rücken grätscht ohne Chance auf den Ball seinen Gegner um – und sieht die Ampelkarte. Seine Gestik sagt: „Was geht’s mich noch an?“ Der erste Platzverweis ist dagegen noch brandaktuell: Nach dem Abpfiff probieren TSV-Spieler, mit mir zu diskutieren. Ohne Erfolg. Die Rote Karte ist eine Entscheidung, zu der ich stehen muss.

Für zwei Unteröwisheimer habe ich heute also tatsächlich den Totengräber gespielt. Doch das gehört zu diesem Hobby dazu wie das Lamm zu Ostern. Nicht immer kann man es jedem recht machen, nicht immer hört man, wie toll man doch gepfiffen hat. Spaß macht es trotzdem – ganz egal, ob eine Entscheidung mit Applaus oder Beschimpfungen quittiert wird. Schon als ich unter der Dusche stehe, weiß ich, dass ich als Wiederholungstäter nicht aufhören werde. Ich werde am nächsten Sonntag wieder für Recht und Ordnung auf den Plätzen der Region sorgen, oder es zumindest versuchen – wie 78 250 andere in ganz Deutschland auch.




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