Freitag, 25. Mai 2012

Das erste Spiel: ein Foul und 29 Tore


Der Weg zum Schiedsrichter
Lange musste VKZ-Redakteurin Eva Wirth auf ihr erstes Spiel warten. Foto: VKZ

Horrheim, es musste einfach Horrheim sein. Dort habe ich an zwei Wochenenden einen Schiedsrichterneulingskurs besucht, dort habe ich die Prüfung bestanden und dort soll nun mein erstes Spiel stattfinden.
Lange hatte es gedauert, von der Idee bis zum ersten Spiel. Die Frage, die am Anfang stand, lautete: Ist es denn wirklich so schwer, ein Fußballspiel zu leiten? Immerhin gibt es immer weniger Unparteiische. Es gab nur einen Weg, das herauszufinden: selbst mitmachen. Kurs und Prüfung sind schon lange vorbei – aber das erste Spiel lässt auf sich warten. Beruf, Wetter, Personalprobleme... – sechs Mal hat es nicht geklappt. Ein Einzelfall: Die anderen aus dem diesjährigen Neulingskurs bestreiten bereits ein Spiel nach dem anderen.
Missmutig hole ich meine E-Mails ab. Eine Nachricht von Schiedsrichtereinteiler Eckhart Streckfuss. Schnell klicke ich drauf. Ein Spielauftrag. Das Datum passt. Das Wetter? Hastig suche ich nach einer entsprechenden Vorhersage. Sonnenschein. Meine Mundwinkel ziehen sich nach oben. Diese Mal wird es klappen. Ich bin mir sicher – das Spiel soll in Horrheim stattfinden.
Die Tage vergehen rasch. Jetzt sind es nur noch 24 Stunden. Eine Stoppuhr habe ich immer noch nicht. High-Tech-Geräte gibt es wie Sand am Meer. Integrierter Pulsmesser, Schrittzähler, Kalorienverbrauch, aber alle kosten rund 200 Euro. Einen halben Tag dauert die Suche, dann habe ich wirklich alles, was ich brauche. Es sind nur noch zwölf Stunden.
Lange bevor der Wecker klingelt, liege ich wach im Bett und betrachte die weiße Decke. Horrheim gegen Gündelbach. Ein Derby. Unruhig drehe ich mich zur Seite. Immerhin geht es um nichts mehr. Gündelbach ist aufgestiegen, Horrheim abgestiegen. Wie war das noch einmal mit der Zeitstrafe bei den Jugendlichen, bei den D-Junioren? Ich halte es nicht mehr aus und stehe auf – viel zu früh. Trotzdem schaffe ich es, die Zeit zu vertrödeln. Wie ein aufgescheuchtes Huhn suche ich Hose, Trikot und den Rest zusammen. Zeit zur Abfahrt. 200 Meter weiter: Mist, ich habe meine Stoppuhr vergessen.
Als ich endlich in Horrheim die Schiedsrichterkabine betrete, zittern meine Hände, mein Magen fühlt sich an, als hätte ich ein Marmelade-Schinkenbrot mit Essiggurken gegessen. „Das wird schon werden“ , sage ich zu mir und schlüpfe in meine Hose. Es klopft. Matthias Anklam steht vor der Tür. Er ist mein Betreuer. Schnell ziehe ich mein schwarzes Schirihemd über mein T-Shirt, stecke ein paar Klammern in meine Haare. Nicht sehr schön, aber zweckmäßig. Irgendwie bin ich plötzlich ruhiger. Ich frage Matthias ein paar Sachen, er antwortet.
 Wieder Personalprobleme: Die Horrheimer haben mit fünf, statt sieben Spieler zur Verfügung – das sind gerade genug. Das Spiel kann stattfinden, aber die Horrheimer haben noch einen weiteren Test für mich parat. Ein Spieler hat keinen Pass. „Dann muss er nachher auf dem Spielberichtsbogen unterschreiben“, sage ich und bin doch ein wenig stolz, die ersten beiden Klippen umschifft zu haben.
Fünf Minuten später stehen wir alle auf dem Platz. Ich werfe die Münze, Gündelbach darf die Seite wählen, Horrheim hat Anstoß. Ich stelle die Uhr, stecke die Pfeife in den Mund: Es geht los.
Bereits nach vier Minuten blase ich erneut in die Pfeife. Tor für Gündelbach. Nur eine Minute später das gleiche Spiel. Tor, Anpfiff, Tor Anpfiff. Bald reichen die Kästchen auf meiner Spielnotizkarte nicht mehr aus. Ich muss eine Strichliste anlegen. Bis zur Halbzeit fallen 14 Tore. Von meiner Nervosität ist mittlerweile nichts mehr zu merken. Matthias Anklam steht hinter dem Horrheimer Tor. Nur ab und zu ruft er mit etwas zu: „Du musst lauter pfeifen“, meint er zum Beispiel. Bei der nächsten Abseitsentscheidung tue ich das. 30 Minuten sind nun rum: Halbzeit.
Zeit für Manöverkritik mit meinem Betreuer. Auf jeden Fall müsse ich viel lauter pfeifen. „Habe ich doch“, meine ich. „Das war immer noch zu leise“, entgegnet Anklam. Außerdem solle ich anders laufen. Diagonalen lautet das Stichwort, auch wenn das in diesem Spiel schwierig sei. Lob gab’s dafür für meine Abseitsentscheidungen.
Nach zehn Minuten geht’s weiter. Wieder drängen die Gündelbacher die Horrheimer in ihren eigenen Strafraum, wieder schießen sie ein Tor nach dem anderen. Alles wie in der ersten Hälfte? Nein, meine Pfiffe sind lauter, auch wenn ich der Meinung bin, dass den Kindern neben mir dabei eigentlich das Trommelfell platzen müsste. Ich versuche auch Diagonalen zu laufen und dabei über keine Nachwuchskicker zu stolpern. Außerdem gab’s auch endlich mal was anderes zu pfeifen als Tor, Anstoß und Abseits. Ein Horrheimer hat einen Gündelbacher gefoult. Freistoß.
Mittlerweile steht es 29:0 für Gündelbach. „Noch ein Tor, noch ein Tor“, rufen die FCG-Jungs. Seit geraumer Zeit versucht auch ihr Torwart, den Ball ins gegnerischen Netz zu befördern. Mir tun die Horrheimer leid und ich hoffe, das dass 30. Tor nicht fällt. Vorbei geschossen – jetzt noch die Nachspielzeit. Dem FCG gelingt der Treffer nicht mehr. Das Spiel ist aus.
Ein Fehler hat sich in Hälfe zwei eingeschlichen. Schiedsrichterbälle werden am Ballort und nicht am Tatort ausgeführt. Ansonsten war die Leistung laut Matthias Anklam okay. Ich bin glücklich. Ein paar Anfängerfehler, mehr nicht – ging bei diesem Spiel auch nicht. Ein wenig souveräner sollte ich zudem auch noch werden, zumindest sollte ich meine Entscheidungen deutlicher anzeigen.
 Eine Antwort auf meine Frage, die mich zu diesem Projekt veranlasst hat, habe ich nun auch. Schiedsrichter sein, ist bestimmt nicht immer leicht, denn die Zuschauer wissen stets alles besser, aber es macht trotzdem Spaß. Das Pfeifen übt eine Faszination aus, denn als Schiedsrichter ist man quasi der Regisseur auf dem Sportplatz. Ein Spielgestalter, den man aber nicht bemerken sollte. Ist das gelungen, kann man zufrieden sein. Also, dann habe ich bei dem 29:0 ja alles richtig gemacht. Eva Wirth


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