Freitag, 25. Mai 2012

Im Fahrradabteil zur DM




06/03 2010

Im Fahrradabteil zur DM

Faust
Vertreiben sich mit Kartenspielen die Zeit: Michael Marx, Marco Lochmahr und Christian Erlenmayer (von links) Foto: Sattler

Vaihingen/Bad Staffelstein (sv). „Eine Zugfahrt, die ist lustig“, heißt es bei den Faustballern des TV Vaihingen in Anlehnung an ein altes Kinderlied. Dass die Aussage dieses Ohrwurms einen wahren Kern hat, bewiesen sie gestern auf ihrer Fahrt zur deutschen Meisterschaft im fränkischen Bad Staffelstein.

Wenn zehn Passagiere im schwarz-roten Einheitslook die Züge der Deutschen Bahn bevölkern, ist es so weit. Dann sind die Faustballer des TV Vaihingen wieder quer durch die Republik unterwegs, um auf Medaillenjagd zu gehen. Zuletzt war dieses Szenario gestern zwischen Württemberg und Franken zu beobachten. Auf dem Weg zur deutschen Meisterschaft in Bad Staffelstein machten es sich die neun mitgereisten Spieler und Physiotherapeutin Juliane Strähle für vier Stunden auf der Schiene bequem.

Das Milieu der Faustballer – unabhängig von Zugtyp und -nummer – ist ganz klar das Fahrradabteil. Die Zweiräder hat die zehnköpfige Reisegruppe zwar daheim gelassen, aber nur im Fahrradwaggon hat es genug Platz für alle. Dort bleiben die Faustballer auch weitestgehend ungestört – was vielleicht auch an der Gruppendynamik liegt, die sich nicht zuletzt durch die bereits erwähnten Vereinsjacken äußert.

Bei ihren Beschäftigungen, um die Zeit in der Bahn totzuschlagen, müssen sie sich daher auch nicht an Mitreisenden orientieren. Das Quintett aus Kolja Meyer, Christian Erlenmayer, Marco Lochmahr, Michael Marx und Michael Krauß schnappt sich den Koffer eines Mitspielers, der postwendend zum Spieltisch umfunktioniert wird. Das Kartenspiel Rage wird ausgepackt, und die fünf Mitspieler machen es sich gemütlich. Und das, obwohl die Reisegruppe auf dem Weg nach Bad Staffelstein dreimal umsteigen muss – in Bietigheim, in Würzburg und in Bamberg. Der Rest der Gruppe pflegt ganz andere Strategien, um die Fahrzeit zu überbrücken. In Daniel Wörsingers Ohren stecken Kopfhörer, und Physiotherapeutin Strähle vertreibt sich die Zeit mit dem Handy von Jungspund Tobias Rommel. Nur Daniel Rothmaier scheitert mit dem Vorhaben, seine Strategie durchzupeitschen. Trotz heftigen Werbens schafft er es nicht, Leute zu finden, um einen zweiten Kartenspieltisch mit Phase 10 aufzumachen.

Der Wagon rattert über die Schienen und gibt dabei das ein oder andere Knattern von sich. Was manchen Passagieren bange Blicke ins Gesicht treibt, nehmen die Kartenspieler mit einem gelassenen, aber konzentrierten Grinsen hin. Inzwischen haben sie Schlagmann Erlenmayer zum Stenografen erklärt, der die Punkte notieren soll. Sein Angriffskollege Michael Krauß ist währenddessen für jeden Spaß zu haben und versucht, eine leere Flasche in der Tasche von Mannschaftskollege Daniel Rothmaier unterzubringen. Der TVV-Verteidiger riecht den Braten und sinnt, wie sich das für einen Vollblutsportler gehört, auf Revanche. Den Sitzplatztausch, den er Krauß anbietet, dient nur dazu, um seinen Abfall auf dessen Sitz zu platzieren. Krauß fällt drauf rein – und schreit Sekunden später: „Deinen Müll kannst du behalten.“

Der dritte Angreifer im Bunde beteiligt sich auch an der lustigen Runde. Meyer kommentiert im Spaß: „Langsam müssen wir auslosen, wer am nächsten Bahnhof das Risiko eingeht, aus dem Zug zu rennen und eine Runde Bier zu besorgen.“ Mit der Getränkeversorgung wird’s für die Faustballer in der Bahn aber nichts mehr. Als der Catering-Wagen durchfährt, zeigt sich die schwäbische Herkunft der Reisenden. Wegen des hohen Preises wird das Bier von den TVV-Faustballern verschmäht – und stattdessen nur ein Schokoriegel gekauft.

Mit Schokolade gestärkt, geht’s am Kartentisch weiter. Streifenpolizist Erlenmayer liegt laut Punktliste vorne. Das sorgt für Unmut bei Mitspieler Krauß: „Der bescheißt doch. Kein Wunder, der schreibt ja auch.“ Eine Anspielung auf Erlenmayers Beruf kann sich Krauß auch nicht verkneifen: „Aber wenn du was sagst, verhaftet er dich sofort.“ Die gesellige Atmosphäre endet erst in Bad Staffelstein, wo es für das Vaihinger Team erst einmal zum Empfang mit Abendessen geht. Auf das Mahl freuen sich seit dem Zwischenhalt in Würzburg alle. Den Vorschlag der Faustballer, der Zug nach Bamberg solle abbiegen und bei einem Schnellrestaurant durch den „Train-in“ fahren, musste vom Lokführer leider abgelehnt werden.




Seitenanfang