Auf dem Spielfeld rennen die kleinen Nachwuchshandballer ihren Gegnern hinter her, als wollten sie Speedy Gonzales, die schnellste Maus von Mexiko, fangen. Sie werfen den Ball, als wollten sie einen neuen Ballweitwurf-Weltrekord aufstellen. Auf der Tribüne sitzen ihre Mütter und feuern an, als ginge es um die Weltmeisterschaft und nicht um ein Jugendspiel. „Lauft doch. Ihr schafft das!“ Irgendwann war das Jürgen Ulbrecht, dem Trainer der Kinder, zu viel. „Ihr wisst doch gar nicht wie lang eine Halle ist“, schimpfte er mit den Müttern. „Wir wussten alles besser und waren altklug“, erzählt Ingrid Göbgen, eine der Mütter. Damit sie selbst einmal erleben, wie lang eine Halle ist und wie Handball abseits der Zuschauertribüne funktioniert, gründeten die Frauen die Just-for-fun-Gruppe.
Heute, 12 Jahre danach, gibt es sie immer noch. Und abgesehen von einigen neuen Gesichtern, sind es immer noch die Frauen, die es damals ihren Kindern gleichtun wollten. Es ist Dienstag, kurz nach 20.30 Uhr, als die Handballerinnen nicht ganz pünktlich, dafür aber tratschend die alte Schulsporthalle beim Friedrich-Abel-Gymnasium betreten.
Doch dann unterbricht Ingrid Göbgen, die mittlerweile die Gruppe trainiert, das Geschnatter. Matten, Bälle, Kästen – ein kleiner Parcours entsteht und das Warmmachspielchen beginnt. Zwei Mannschaften, ein Ball und vier Stationen, an denen auf unterschiedlichste Weise – zum Beispiel durch einen Rebound am Basketballkorb – Punkte erzielt werden können.
Der Altersdurchschnitt ist in den vergangenen zwölf Jahren zwar etwas in die Höhe geschnellt, doch in Tanja Truckses hat es zum Beispiel auch jungen Nachwuchs gegeben. Die 20-Jährige ist eine der Jüngsten in der Gruppe. Die Älteste ist Helga von Seggern. Sie ist 53 Jahre alt und von Anfang an dabei.
Das Warmmachspielchen ist mittlerweile vorüber. Trinkpause. Anschließend geht es mit einer Koordinationsübung weiter, die den Hobby-Handballerinnen Schweißperlen auf die Stirn treibt. Dann wird es schwieriger. Vier Ecken, an jeder stehen ein paar Frauen. Ingrid Göbgen erklärt, wie es funktioniert. Doch schon bei der erste Runde sieht sie in fragende Gesichter: Wer übergibt den Ball an wen? Und wer muss nun eigentlich zu welcher Ecke laufen? Ein paar Durchläufe später passt es. Ein Unterschied zum normalen Handballtraining ist kaum noch festzustellen.
Dabei sind an diesem Abend nur zwei Spielerinnen dabei, die aktiv gespielt haben: Ines Hauptlorenz und Ramona Zimmer. „Mich hat eine Bekannte mit her genommen, dann bin ich hängen geblieben“, erzählt Ramona Zimmer. Dadurch haben auch ihre Kinder die Liebe für den Ballsport entdeckt. Die 12- und 16-jährigen Töchter sind mittlerweile in der B- beziehungsweise D-Jugend aktiv.
Die Türe geht auf. Gerda Heidt, die alle Gerdi nennen, kommt in die Halle geflitzt. „Ich hatte Elternabend“, entschuldigt sie sich. Den konnte sie nicht ausfallen lassen. Die Handballstunde wollte sie aber auch nicht versäumen, zumindest nicht ganz und kam gleich nach der Schulveranstaltung in die Halle. Der Dienstagabend ist für viele der Just-for-fun-Gruppe heilig. Ramona Zimmer tauscht zum Beispiel regelmäßig ihre Schicht, um dabei sein zu können.
Gerdi hat nun ihre Turnschuhe an und Ingrid Göbgen erklärt die nächste Übung. Etliche Lehrgänge hat sie absolviert und bei ihr zu Hause stapelt sich bergeweise Fachliteratur. „Auf Erfahrungen aus aktiven Jahren kann ich ja nicht zurückgreifen“, erklärt die 51-Jährige. Mittlerweile ist sie aber so im Trainerwesen drin, dass es ihr nicht mehr schwer fällt, sich selbst auch Übungen auszudenken.
Acht bis zwölf Frauen sind jede Woche dabei. „Nachwuchs könnten wir aber dringend gebrauchen“, so Göbgen. Jeder könne kommen, Hauptsache er habe keine Angst vor dem Ball. Die Frauen vereint die Lust auf Handball ohne Spielbetrieb, der Spaß an der Bewegung und am Kampf um den Ball. „Gymnastik liegt uns nicht“, sind sich die Frauen der Just-for-fun-Gruppe einig.
Ab und zu bestreiten die TVVlerinnen Freundschaftsspiele, denn die früheren Handball-Anfänger können mittlerweile nicht nur fangen und passen. Das hat auch der Sohn von Gerdi Heidt festgestellt, Als der einmal mit ihm Training war, sagte er hinterher zu seiner Mutter: „Mama, ihr spielt ja sogar Handball!“
Mittlerweile ist es halb zehn. Zeit für das Abschlussspielchen, das einfach dazu gehört. Die Torfrauen haben zwar Fahrradhandschuhe an, aber es zeigt sich, dass Christian Heidt recht hatte, denn das, was die Just-for-fun-Gruppe zeigt, ist Handball. Nur eines ist an diesem Abend nicht korrekt: die Größe des Spielfeldes. Deshalb weichen die Handballerinnen ab und zu in die Halle am Alten Postweg aus, damit sie sich wieder daran erinnern, wie groß eigentlich ein Handballfeld ist. Eva Wirth
Training: Dienstags von 20.30 bis 22 Uhr in der alten Schulsporthalle beim Friedrich-Abel-Gymnasium.
Kontakt: Ingrid Göbgen (Telefon: 07042/93123).
