Nicole Benning: Laufen aus Leidenschaft
Es ist 5 Uhr, der Wecker springt an. Nicole Benning schwingt sich aus Bett, streift ihre Sportklamotten über, schnappt ihre Laufschuhe und raus geht’s. Ein bis zwei Stunden trabt Nicole Benning durch Wälder, vorbei an Wiesen, Straßen und Bächen. Sobald die Trainingseinheit beendet ist, beginnt für die Kleinglattbacherin ihr „normaler“ Arbeitstag als Betriebswirtin. „Und das ist alles andere als ein Achtstundentag“, sagt Benning.
Laufen, arbeiten, essen, schlafen – das ist ungefähr der Tagesablauf von Nicole Benning. Manchmal werden die Trainingseinheiten auch auf die Mittagspause oder den Abend gelegt – je nach Terminkalender und der Laune des inneren Schweinehundes. Den hat die 35-Jährige allerdings weitestgehend im Griff. Muss sie auch, sonst wäre sie nicht in der Lage, Strecken über 20, 40 und noch mehr Kilometer zu bewältigen. Nicole Benning ist nämlich eine Ultramarathonläuferin, das heißt, dass sie sich vor allem auf sehr lange Strecken spezialisiert hat. Einen Sechsstundenlauf hat sie bereits hinter sich, Halbmarathons und Marathons gehören zu ihrem normalen Programm. Nur die 100 Kilometer hat sich noch nicht absolviert. Das ist aber eines ihrer Ziele für 2008. „Ich habe mir vorgenommen, wenn ich einmal ein ganzes Jahr verletzungsfrei bin, dann gehe ich diese Distanz an“, erklärt die Kleinglattbacherin. 2007 war dies der Fall, zuvor plagte sie sich unter anderem mit einem Kreuzbandriss, Muskelfaserrissen und einer Überlastung des Schienbeines herum.
Nicht alle Verletzungen stammen vom Laufen. Den Kreuzbandriss holte sie sich zum Beispiel beim Radfahren. Doch die immer gleichen Bewegungen beim Rennen können schnell zur einseitigen Belastung führen. Deshalb ist es der Läuferin wichtig, ab und zu das Rad zu nehmen oder ins Schwimmbad zu gehen. Auch Rückenübungen gehören zu Bennings Programm. „Das kann auch bei der Arbeit am Schreibtisch hilfreich sein“, erklärt sie. Auch die Ernährung muss bei solch einem Laufpensum stimmen: „Ich brauche meine Kalorien. Schokolade kann da sehr dienlich sein“, schmunzelt Benning, die von sich selbst sagt, dass sie ständig am Essen ist.
Heute nimmt das Laufen viel Platz im Leben von Nicole Benning ein. Das war allerdings nicht immer so, erinnert sie sich lachend. „Meine Eltern haben mich als Kind immer mit auf den Trimm-dich-Pfad genommen. Das Programm habe ich dabei immer eher widerwillig abgespult“, erzählt die ursprünglich aus Heimerdingen stammende Läuferin. Es folgte die klassische Leichtathletikkarriere, bei der vor allem Distanzen über 800 und 1000 Meter zu Bennings Spezialdisziplinen gehörten. „Bei den Sprints war ich zwar nie schlecht, aber so richtig Spaß hat es mir nie gemacht“, sagt die Kleinglattbacherin. Während ihres Studiums habe sie dann nur noch Freizeitsport betrieben und erst später ihre Leidenschaft für die langen Strecken entdeckt. Zunächst steigerte sie sich langsam von zehn auf 21,0975 Kilometer und schließlich auf 42,195 Kilometer. „Irgendwann haben mich dann noch längere Sachen gereizt. Mir hat es gefallen und ich bin dabei geblieben“, berichtet Benning. So kam sie auch zum EK Schwaikheim. Bei diesem Verein trainieren gleich mehrere Langstreckenläufer. „Dort bin ich kein Exot.“ Ab und zu üben die EK-Athleten gemeinsam. „Der größte Vorteil ist, dass wir gemeinsam zu Veranstaltungen können und uns gegenseitig Tipps geben können“, erklärt Benning, die übrigens auch für das Team Sportevolution in Illingen an den Start geht.
Heute absolviert sie rund sechs Marathons (oder längere Distanzen), ungefähr vier Halbmarathons und etliche Zehnkilometerläufe (als Trainingseinheiten) pro Jahr. Im Monat sind das ungefähr zwei Veranstaltungen, an denen sie teilnimmt. Das nächst größere Event für Benning ist der Marathon in Hamburg. Eigentlich, findet Nicole Benning, sind bei solchen Veranstaltungen zu viele Menschen auf der Strecke. Ihr ist die Natur wichtiger. „Ich sehe bei den Trainingseinheiten so viele Tiere. Vom Hirschkäfer bis zum Reh ist alles dabei. Ich sehe wie sich die Natur in den verschiedenen Jahreszeiten verändert.“ Benning gerät völlig ins Schwärmen: „Schön ist es auch, wenn ich im Sommer durch den Regen laufe und die Tropfen auf meiner Haut spüre. Wenn ich dann nach Hause komme, bin ich richtig zufrieden und glücklich.“
Bei so viel Begeisterung bleiben die Erfolge nicht aus. Erst kürzlich belegte Benning bei den deutschen Meisterschaften über 50 Kilometer den dritten Platz. Weitere Erfolge sind: Platz 3 beim Bottwartalmarathon 2007, der Gewinn der Winterlaufserie des Kreises Böblingen in diesem Jahr, Platz 1 beim Sechsstundenlauf in Schmiden 2007 und so weiter. „Beim Sechsstundenlauf habe ich mir meinen ersten Sieg geholt. Das war etwas ganz Besonderes“, erzählt Benning. Und das rosa Shirt, das sie bei diesem Erfolg trug, musste bei den folgenden Läufen immer wieder herhalten. Glücksbringer hat Benning zwar keine, aber manche Schuhe oder Hosen könne sie einfach nicht bei Wettkämpfen tragen. Gut, dass es das rosa Shirt gibt. Ihre Marathonbestzeit beträgt übrigens 3:20 Stunden, für die Hälfte der Strecke benötigt sie 1:32 Stunden und ihre Zehnkilometerzeit hat sie erst kürzlich auf 40,43 Minuten gedrückt.
Ein besonderes Ergebnis für Benning war die Teilnahme beim Two-Oceans-Marathon in Kapstadt. Da geht’s vom Indischen zum Atlantischen Ozean (56 Kilometer). „Es war wundervoll. Bei so einem Lauf geht es dann auch nicht um die Zeit, da möchte man natürlich auch die Umgebung in sich aufsaugen.“ Einen weiteren Start in Südafrika schließt Benning nicht aus, dann beim Comrades-Marathon.
Das Laufen nimmt viel Zeit in Bennings leben ein. Während andere ins Kino oder in eine Bar gehen, läuft die 35-Jährige durch den Wald oder geht früh schlafen, dass sie am nächsten Morgen für das Lauftraining aus den Federn kommt. „Das ist für mich allerdings keine Einschränkung, da mir das Laufen mehr gibt. Ich kann das gar nicht beschreiben, aber ich brauche kein Kino“, so Benning. Da schnappt sie sich lieber ihre Karte und erkundet das Gebiet rund um Stromberg und Heuchelberg. „Mittlerweile kenne ich hier fast jeden Stein“, lacht sie.
So könnte, wenn sie es entscheiden könnte, ihr Leben lang weitergehen. „Ich hoffe, dass ich bis ins hohe Alter laufen kann, wenn auch nicht auf diesem Niveau“, sagt Benning. Eva Wirth
