Freitag, 25. Mai 2012

Christina Schwanitz – Aus Liebe zur Kugel


Christina Schwanitz gehört zu Deutschlands erfolgreichsten Kugelstoßerinnen.
Bei der DM in Sindelfingen erreichte Schwanitz Platz 3. Foto: Leitz

Die Schiebetür des Cafés öffnet sich, herein kommt eine junge Frau. Kaum hat sie den Raum betreten, zieht sie mit ihrer Größe von 1,80 Meter die Blicke auch schon auf sich. Christina Schwanitz ist Kugelstoßerin – mit entsprechender Figur. Doch nicht nur ihr Aussehen stößt auf Interesse. Mit einem Lächeln auf den Lippen schlüpft die 22-Jährige aus ihrer Jacke und legt den bunten Schal beiseite. Darunter trägt sie lediglich ein ärmelloses Top. „Ich laufe immer so rum. Meine Kollegen und Freunde sind das schon gewöhnt“, sagt sie und fängt an, zu lachen. Laut, aber sympathisch und vor allem ansteckend. Dann beginnt sie zu erzählen. Von den deutschen Hallenmeisterschaften in Sindelfingen. Dort hat sie mit einer Stoßweite von 18,28 Metern den dritten Platz belegt.
Trotz der Medaille ist Christina Schwanitz mit dem Wettkampf nicht ganz zufrieden. Bei ihrem vierten Versuch flog die Kugel und wollte gar nicht mehr landen. Eine Weite von mindestens 18,50 Meter, vielleicht sogar mehr, wäre gemessen worden, wenn denn gemessen worden wäre. Doch ein Kampfrichter hatte mit seiner roten Fahne signalisiert, dass der Versuch ungültig war. Christina Schwanitz soll auf den Rand des Kreises getreten sein. „Davon habe ich gar nichts gespürt“, sagte die Athletin gleich nach ihrem Stoß, doch die Entscheidung des Kampfgerichts war eine andere und nur mit einem sofortigen Einspruch wäre eine spätere Korrektur noch möglich gewesen. „Mittlerweile haben aber mehrere Aufnahmen gezeigt, dass der Versuch hätte gemessen werden müssen“, berichtet Schwanitz. Groll ist in ihrer Stimme aber keiner zu finden, obwohl Schwanitz’ vierter Versuch das gesamte Endergebnis verändert hätte. „Ich habe aus der Sache gelernt und werde künftig Einspruch einlegen, wenn ich mir sicher bin“, sagt die Athletin vom SV Neckarsulm.
Immerhin hat die Sache trotzdem noch ein gutes Ende für die junge Sportlerin. Eigentlich hätten nur die Erst- und Zweitplatzierte zur Hallen-Weltmeisterschaft (7. bis 9. März) nach Valencia reisen dürfen, doch da Petra Lammert abgesagt hat, nominierte der Deutsche Leichtathletik-Verband Christina Schwanitz nach.
Dass Schwanitz einmal zur deutschen Kugelstoß-Elite gehören wird, war eher ein Zufall. „Eigentlich habe ich Tennis gespielt“, erzählt die gebürtige Sächsin. Als sie in der Schule weiter stieß als die Jungs, schickte sie ihr Lehrer zu einem Wettkampf, den sie mit fünf Metern Vorsprung gewann. Die Liebe zur Kugel war entfacht.
Aber was fasziniert Christina Schwanitz an ihrem Sport? „Ich finde, dass die Technik genial aussieht – der Mix aus Technik, Kraft und Geschwindigkeit“. Die Sportlerin gerät ins Schwärmen. „Ein Kugelstoßer muss in jeder Situation wissen, was jeder Muskel in seinem Körper macht und dann explodiert alles auf einmal.“
Der Sport und die Liebe zur Kugel haben Christina Schwanitz immer wieder geholfen, zum Beispiel, als sie 2001 von Freiberg (Sachsen) ins Schwabenländle zog und niemanden hier kannte. „Alles war neu und anders, nur das Gefühl im Ring – das ist überall gleich“, erinnert sich Schwanitz. Die Kugel diskutiere auch nie, ließe sich immer wieder wegstoßen und käme doch immer wieder zurück.
Doch genauso wie es Zufall war, dass Schwanitz zum Kugelstoßen gekommen ist, ist es Glück, dass sie den Sport heute noch ausüben kann. Als Schwanitz 2004/2005 ihre persönliche Bestweite auf 18,84 Meter ausbauen konnte und sich Erfolge wie am Laufband einstellten, wie zum Beispiel ein neunter Platz bei der Weltmeisterschaft in Helsinki, ein zweiter Rang bei der Junioren-DM, ein dritter Platz bei der U20-Weltmeisterschaft..., da musste Christina Schwanitz unters Messer. Der Grund: eine Fehlstellung der großen Zehen, wodurch sich das Gelenk entzündet hatte. Zwei Operationen sollten Abhilfe schaffen. Doch die Füße hielten anschließend der Belastung nicht stand. Christina Schwanitz musste drei weitere Male operiert werden. Erst seit dem vergangenen Jahr kann die Athletin wieder trainieren und findet nun auch langsam wieder zurück zu ihrer alten Stärke.
Während Schwanitz ihre Konkurrentinnen vor dem Bildschirm verfolgte und ihre Verletzung auskurierte, musste sie sich auch um ihre Zukunft kümmern. Wie sollte es nach dem Realschulabschluss weitergehen? „Eigentlich wollte ich zur Bundeswehr, doch aufgrund der Verletzungen war ich spät dran und wurde nicht in die Sportfördergruppe aufgenommen“, erinnert sich Schwanitz. Doch Jürgen Scholz, Präsident des Württembergischen Leichtathletik-Verbandes und Bürgermeister von Sersheim, schlug ihr vor, sich in der kleinen Gemeinde zwischen Vaihingen und Bietigheim in der Verwaltung zu bewerben. Die Voraussetzungen für die Ausbildung zur Sekretäranwärterin (gehobener Dienst) brachte sie mit. Sie bekam die Stelle und suchte sich in Sersheim eine Wohnung.
Mittlerweile sieht der Alltag für Christina Schwanitz so aus, dass sie zwischen Sersheim, Heilbronn, wo ihr Freund wohnt, und Stuttgart pendelt. In der Landeshauptstadt übt sie drei bis vier Mal die Woche drei bis fünf Stunden täglich mit ihrem Trainer Peter Ogiolda – für ihre großen Ziele.
Die ehrgeizige Athletin möchte zunächst einmal in Valencia unter den ersten acht landen und nach der langen Auszeit wieder Routine bekommen. „Irgendwann einmal möchte ich 21 Meter stoßen“, sagt Schwanitz. Der Weltrekord liegt bei 22,63 Meter. Den Ehrgeiz hat die 22-Jährige und unterstreicht ihre Ziele mit einem Zitat: „Es gibt 1000 Gründe, warum man sein Ziel nicht erreicht hat, aber nur einen, warum man gewonnen hat: man ist besser als alle anderen.“ Eva Wirth


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