Freitag, 25. Mai 2012

Parkour – der kürzeste Weg ist das Ziel




In der Halle wurden die Techniken erklärt – an Mauern werden sie nun getestet. Sportredakteurin Eva Wirth hat an einem Einsteigerkurs teilgenommen.	Foto: Baumann
In der Halle wurden die Techniken erklärt – an Mauern werden sie nun getestet. Sportredakteurin Eva Wirth hat an einem Einsteigerkurs teilgenommen. Foto: Baumann

Stuttgart (ev). Spektakuläre Sprünge, waghalsige Kletterpartien: Parkour ist das effiziente Überwinden von Hindernissen. Doch es ist mehr als das Springen über Podeste, Gräben und Mauern – Parkour dient auch dem Überwinden von Blockaden im Kopf. Eine Trendsportart im Selbstversuch.

Tarzan tat es, Spiderman sowieso, und ich soll es nun auch machen – allerdings ohne Liane und Spinnfaden. Das Ziel: ohne Umweg von A nach B kommen. Keine Mauer, kein Zaun, keine Absperrung sollen mich aufhalten. Parkour ist die Kunst, sich einfach gerade fortzubewegen – ohne sich lange mit Barrieren zu befassen. Der Schwäbischer Turnerbund (STB) bietet einen Lehrgang für Einsteiger an.

An genau diesem nehme ich teil und stehe nun in einer Sporthalle auf dem Uni-Gelände in Vaihingen. Ich visiere eine Sprossenwand an, an der eine blaue Turnmatte lehnt – das Hindernis. Rund herum liegen Matten, Sven Waibel und Thien Nguyen, die Trainer, stehen bereit, falls der Versuch scheitert. Ich atme tief durch, konzentriere mich ganz auf das Ende der Matte, auf die drei verbliebenen Sprossen – dann renne ich los. Das Geheimnis ist, nicht zu springen, sondern einfach so zu tun, als renne man weiter. So wurde es uns erklärt.

Tatsächlich: Ein Schritt gegen die Matte und, ehe ich mich versehe, bin ich oben auf der Sprossenwand und muss nur noch hinunterspringen. Gut gemacht. Ich klopfe mir im Geiste auf die Schulter. Doch ich weiß, dass dies noch lange nicht Parkour war. Wer den Suchbegriff im Internet bei www.youtube.de eingibt, dem werden mehrere Zigtausend Treffer angezeigt. Die Amateurvideos dokumentieren die typischen Manöver der Traceure – wie Parkourläufer auch genannt werden. Sie hüpfen scheinbar mühelos über Vordächer, hangeln sich an Zäunen entlang und landen punktgenau auf Treppenabsätzen. Davon bin ich an diesem Tag allerdings noch weit entfernt.

Auch wenn ich das fast einen Moment lang vergessen hatte, bei der nächsten Übung wird es mir wieder deutlich vor Augen geführt. Die Aufgabe: über Kästen und Bänke auf einen Sprungtisch rennen, abspringen und an der Sprossenwand in einer affenähnlichen Stellung hängen bleiben. Es ist nur ein halber Meter, den wir überwinden müssen. Für mich ist das genug. „Was ist, wenn ich stolpere, die Trainer mich nicht auffangen?“, geht es mir durch den Kopf. „Es geht darum, sich nicht zu überfordern und seine Grenzen zu kennen“, hatte Sven Waibel am Anfang erklärt. Doch Parkour ist auch eine Herausforderung. Also versuche ich, die Barrieren als Chance zu verstehen, und springe.

Koordination, Reaktion, Instinkte und Kreativität. Mehr braucht es nicht. Parkour ist kostenlos. Man benötigt keine spezielle Ausrüstung, und es ist immer und überall anwendbar, in freier Natur und in jeder Stadtlandschaft. Trostlose Betonburgen werden zu kreativen Spielplätzen. Das lernen wir, als wir die Halle verlassen und auf dem Uni-Gelände auf Geländern balancieren, über Abgrenzungssteine springen und Wände überwinden. Was in der Halle noch wunderbar geklappt hat, funktioniert draußen gar nicht. Nur zwei unserer Gruppe kommen die Mauer hinauf. Die Kraft ist weg. Nach einem halben Tag Parkour spüre ich jeden Muskel. Die Oberarme brennen, und meine Oberschenkel kündigen einen Muskelkater an, den ich wohl noch einige Tage spüren werde.

Als wir uns zehn Minuten später geschmeidig über eine kleine Mauer schwingen, passiert es: Ich bleibe mit dem Fuß an der Kante hängen, kann mich aber gerade noch abfangen. Aufgeraute Handflächen gehören zu Parkour wohl dazu. Es ist ein Wettkampf mit sich selbst. Ich muss lernen, mich einzuschätzen, mir zu vertrauen – ich muss mich kennenlernen und ehrlich zu mir sein, darf mich nicht überschätzen – sonst gibt es blaue Flecken und Schrammen.

Wettkämpfe mit anderen gibt es in diesem Sport nicht, gerade um zu verhindern, dass man sich selbst überschätzt. Parkour will einem Techniken an die Hand geben, um sich im Ernstfall aus dem Staub zu mache, zum Beispiel wenn unerwartet ein bissiger Kampfhund auftaucht. „Oder wenn ein Haus brennt“, erklärt Waibel. Salti, Radschläge und andere Showelemente gehören nicht dazu, auch wenn sie in Videos immer wieder gezeigt werden.
Viel Wert legt Sven Waibel darauf, dass Parkour keine wilde Hatz durch fremde Vorgärten ist. „Parkour heißt, seine Umwelt zu nutzen, nicht zu verändern, geschweige denn zu zerstören“, erklärt er . Man müsse nur den Blick dafür entwickeln, was man machen kann. Den habe ich jetzt: Die Großstadt sehe ich mit anderen Augen. Bis ich Parkour allerdings kann, dauert es noch.




Seitenanfang