Ein Vaihinger schuftet als Sanitäter bei der EM
Wien/Vaihingen (ev) – Klaus-Dieter Berner aus Vaihingen lehnt am Rot-Kreuz-Einsatzfahrzeug. In der Hand hält er ein schwarzes Walkie-Talkie, das ständig ächzende Geräusche von sich gibt. Berner ist dieser Tage ein gefragter Mann, denn der Rettungs-Assistent ist gerade in Wien bei der Fußball-Europameisterschaft im Einsatz und unterstützt dort das Österreichische Rote Kreuz.
Fußball und Berner – normalerweise ist das keine dicke Freundschaft. „Ich weiß gerade noch, dass Bayern München Meister geworden ist“, meint er selbst. Trotzdem ist Berner nun bei der Fußball-Europameisterschaft. Ein Kollege habe ihn gefragt, ob sie nicht gemeinsam das Abenteuer EM wagen sollten. Zunächst war Berner von der Idee nicht sonderlich angetan. Trotzdem beschäftigte er sich hinterher ständig mit dem Thema, bis er sich kurz vor knapp beworben hat.
Am 14. Juni ging’s los. Er, zwei weitere Leute vom Rot-Kreuz-Kreisverband Ludwigsburg und ein Vaihinger Mannschaftstransportwagen machten sich auf den Weg in die österreichische Hauptstadt.
Sonnenstich, Kreislaufkollaps und allerlei Verletzungen, die man sich beim übermäßigem Jubeln zuziehen kann, standen die nächsten Tage auf dem Programm. Das sind Dinge, mit denen der Vaihinger eigentlich fast täglich konfrontiert wird, denn im „normalen“ Leben arbeitet er hauptamtlich in der Rettungswache in Bietigheim-Bissingen.
In Wien kamen zu Sonnenstich und Co. aber noch organisatorische Aufgaben. Berner war Leiter eines Zuges. Das heißt, dass er an die 25 Leute, die in seiner Einheit waren, Aufgaben verteilte. „Das ist das Interessante an dieser Aufgabe. Ich habe die Möglichkeit, mir Führungsqualitäten anzueignen“, erklärt der 29-Jährige. Zudem war er der Kontingentsführer aller baden-württembergischen Einsatzkräfte und somit Ansprechpartner für die Rot-Kreuzler, aber auch für die deutsche Leitung vor Ort. Die Arbeit sei eine einmalige Chance, die so schnell wahrscheinlich nicht wieder kommen werde.
Aus Deutschland waren bis Stand Donnerstag 605 Einsatzkräfte in Österreich vor Ort. Diese haben bisher 157 300 Helferstunden geleistet – ehrenamtlich versteht sich.
Die Sanitätskräfte aus Bayern und Baden-Württemberg sind in Wien zentral in einem ehemaligen Großbetrieb untergebracht. Wohn- und Sanitärcontainer dienen als Bereitstellungsraum für die Einsatzeinheiten. Die Einheiten werden im Rahmen ihres Einsatzauftrags bei Public- Viewing-Veranstaltungen und anderen Sanitätsdiensten eingesetzt. Zusätzlich stehen bis zum Montag Einsatzeinheiten im Schichtbetrieb für größere Schadenslagen in Alarmbereitschaft.
Ein Arbeitstag eines Rot Kreuzlers bei der EM hat ungefähr 13 Stunden. Allerdings gab’s am Rathaus, auf der Burg und dem Heldenplatz – drei Stationen an denen Berner schon zum Einsatz kam – nicht nur Arbeit. Während den Bereitschaftsdiensten sei es bisher eher ruhig zugegangen und von den Österreichern werden die Deutschen hervorragend versorgt. Warmes sowie kaltes Essen, gekühlte Getränke und selbst Eis, das nie ausgeht – „uns fehlt es an nichts. Wir werden betüttelt, als wenn wir rohe Eier wären“, schmunzelt Berner.
Auch das Rahmenprogramm begeisterte ihn. Vor dem Spiel Deutschland gegen Österreich kickten zum Beispiel schon die Sanis gegeneinander. „Allerdings haben bei uns die Gastgeber gewonnen. Wahrscheinlich, weil ich mitgespielt habe“, witzelt der Vaihinger. Er scheint mittlerweile Gefallen am runden Leder gefunden zu haben, denn er setzte sich dafür ein, dass seine Leute das letzte Gruppenspiel in Zivil auf dem Wiener Rathausplatz angucken durften und Berner war mitten drin.
Nach fünf Tagen rief dann allerdings die Heimat wieder. Berners Einsatz war erst einmal beendet. Doch als sich ihm erneut die Gelegenheit bot, nach Wien zu reisen, schnappte er wieder zu. „Zum Glück hat mich mein Chef unterstützt und mir noch einmal Urlaub gegeben. Eigentlich hätten wir nämlich alle beim Jubiläum des Kreisverbandes in Ludwigsburg im Einsatz sein müssen“, erklärt er. Da der Chef allerdings auch den Nutzen gesehen hat, ließ er seinen Rettungsassistenten ziehen.
Der ist in Wien mittlerweile zum Führungsassistenten der Gesamteinsatzleitung in Wien für alle deutschen Kräfte aufgestiegen. Bis Sonntag hängt Klaus-Dieter Berner in Wien noch an seinem Walkie-Talkie. Beim Endspiel wird es noch einmal viel zu tun geben – organisatorisch versteht sich. „Patienten wird mein Team hoffentlich nicht viele haben.“ Und weil Berner mittlerweile vom EM-Fieber infiziert ist, geht er am Sonntag selbst ins Wiener Stadion, feuert die deutsche Mannschaft an und fährt er erst am Montag zurück. „Denn am Sonntag wird es bestimmt spät werden, wenn Deutschland Europameister wird“, prognostiziert Klaus-Dieter Berner.
