Vaihingen/Gündelbach (ev) – 1:0 gewonnen – gegen Österreich. Deutschland ist im Viertelfinale der Fußball-Europameisterschaft. Die Fan-Gesänge nach dem knappen Sieg schienen aus tiefster Seele zu kommen – egal ob vor der Großbildleinwand beim FC Gündelbach oder beim Autokorso nach dem Spiel, der durch ganz Vaihingen ging.
Es geht ums Viertelfinale – oder um nichts. „I werd narrisch!“ Seit Tagen geht’s nur noch um Cordoba. Dann die Erinnerung an das Spiel gegen Kroatien – die EM kann doch für das deutsche Team nach drei Spielen nicht schon vorbei sein. Da hilft nur noch eins: der Geist von 2006 muss heraufbeschworen werden. Und wie? Ganz einfach: Fußballgucken mit Freunden.
Beim FC Gündelbach ist eine große Leinwand aufgebaut. Die Fans suchen sich langsam einen Sitzplatz. Schwarz, Rot, Gold und ein bisschen weiß – das sind die Farben des Abends. Trikots, Gürtel, Fahnen – die Outfits können schon einmal mit denen der Weltmeisterschaft mithalten. Die Stimmung ist dagegen eher nervös. Spannung liegt in der Luft, als die ersten Töne der Nationalhymne erklingen. Hand aufs Herz und mitgegrölt.
Arne Friedrich hat den ersten Zweikampf gewonnen und Mario Gomez... „Was macht Gomez da?“ Unfassbar. Nichts. Fast alle Stühle im Gündelbacher Vereinsheim sind leer, denn die Fans sind aufgesprungen. „Den kann man doch gar nicht vergeben“, meint sogar der Gündelbacher Torwart Thorsten Krumm.
15 Minuten sind vorbei, eine halbe Stunde ist rum - alle sitzen wie hypnotisiert vor der Leinwand. Die Augen starr auf den Ball gerichtet – alles rund um die Fan-Gemeinde scheint unwichtig zu sein. „Grauenvoll. Wann kommt endlich die Reaktion auf das Kroatien-Spiel? Die Österreicher sind zu stark“ – Zuversicht sieht anders aus. Die Hände gehen zum Eckball in die Höhe, das „O“ wird lang gezogen, um bei der Flanke laut aufzubrausen. Aber nicht einmal das will gelingen. Die Ecke wird kurz gespielt, die Flanke verkümmert – die Stimmung könnte besser sein.
Halbzeit. Die einen holen Nachschub zum Trinken oder entleeren ihre volle Blase, die anderen rennen raus und ziehen sich nervös eine Zigarette rein. Das Spiel geht weiter. Die rund 80 Leute nehmen wieder ihre Position ein.
„Achtung, ruhender Ball“ – Michael Ballack macht das Tor. Alle springen auf, die Hand wird zur Faust geballt, Fangesänge werden angestimmt, die Anspannung herausgeschrien. Noch sind 30 Minuten zu stolpern. Dann, endlich der Schlusspfiff.
Die ersten sind schon weg – Autokorso. Auf nach Vaihingen. „Deutschland, Deutschland“, schallt es durch die Nacht, ein Hupkonzert erfüllt die Stadt. Mehrere Hundert Fahrzeuge formieren sich zum Autokorso. Schwarz-rot-goldene Fahnen werden aus den Autos gestreckt. Die Aral-Tankstelle wird von der Polizei abgesperrt, die Fans stellen ihre Fahrzeuge auf dem Parkplatz nebenan ab und pilgern zu Fuß zur Tankstelle. Fahnen werden geschwenkt, Jungs umarmen sich, Mädchen fachsimpeln – es ist fast wie beim Sommermärchen 2006. Wäre da nicht der Gedanke an den nächsten Donnerstag. Deutschland trifft im Viertelfinale auf Portugal. Da muss eine deutliche Leistungssteigerung her. Die EM kann doch nicht schon nach vier Spielen vorbei sein. Da hilft nur eins: Fußballgucken mit Freunden. Mein Platz ist auf jeden Fall schon reserviert.
