Donnerstag, 24. Mai 2012

„Das war eine taktische Arbeitsverweigerung“


Vaihingen (ev) – Die deutsche Nationalmannschaft hat ihr EM-Spiel gegen Kroatien verloren. Über 80 Millionen Hobby-Übungsleiter in Deutschland wissen, was die DFB-Elf braucht. Exemplarisch hat die Vaihinger Kreiszeitung Gerd Hausmann (TSV Nussdorf), Hans-Ulrich Rähmer (TSV Aurich), Achim Glückler (SV Horrheim) und Ferdinand Haupt (SV Illingen), allesamt Trainer aus der Kreisliga, befragt, was Joachim Löw ändern muss, damit Deutschland ins Viertelfinale kommt.

Die Nationalmannschaft hat mit 1:2 gegen Kroatien verloren. Die Reaktionen: Haareraufen und grenzenlose Enttäuschung. Aber was ist falsch gelaufen?
Hausmann: Das ist eine Kopfsache, aber das gibt es im Fußball manchmal. Die Einstellung hat nicht gestimmt. Das Spiel war viel zu langsam.
Glückler: Stimmt. Da war weder Einsatzbereitschaft noch Siegeswillen zu sehen.
Rähmer: Diese Leistung war schon fast blamabel und man hat gesehen, dass unsere Spieler technisch nicht so stark sind. Die Portugiesen können auf diesem Gebiet viel mehr. In dem Spiel gegen Kroatien wurden die Bälle nur nach vorne geschlagen. Das waren Fehler, die regen einen schon in der Kreisliga B auf.
Haupt: Die Mannschaft betont, dass der Titel das Ziel ist und gleich bei der ersten Hürde ist eine taktische Arbeitsverweigerung zu sehen. Das Stellungsspiel war eine Frechheit. Allerdings war das Spiel ein Paradebeispiel dafür, wie es nicht geht. Jetzt haben meine Spieler erlebt, warum ich in der Kabine immer vor einem solchen Verhalten warne.

Da kommt ja einiges zusammen. Auf welchen Positionen hat es denn nicht gestimmt?
Haupt: Meiner Meinung nach hat die Niederlage auf jeden Fall mit der Aufstellung zu tun. Schon vorher wurde viel darüber diskutiert. Bei den Auswechslungen kann ich nicht nachvollziehen, dass Löw Arne Friedrich nicht gebracht und Philipp Lahm auf die linke Seite getan hat. Dann wäre Luka Modric eingeebnet gewesen. Die Spieler reden da ja auch darüber. Vielleicht waren sie einfach unzufrieden mit der Aufstellung und damit, dass Schweinsteiger nicht von Anfang an gespielt hat.
Hausmann: Ich hätte den Jansen raus.
Rähmer: Da hat von der ersten Minute an gar nichts gestimmt. Ich verstehe auch gar nicht, warum David Odonkor bei der EM dabei ist.
Glückler: Michael Ballack wird immer als toller Antreiber und Mittelfeldregisseur dargestellt. Ich finde aber nicht, dass er diesen Anspruch erfüllt. Da sind andere besser. Vielleicht sollte ihm das mal jemand klar machen.

Und wen soll Löw dann im nächsten Spiel aufstellen?

Rähmer: Ich würde da nicht viel ändern. Auch Marcell Jansen würde ich wieder spielen lassen. Das ist ein junger Kerl. Der weiß selbst, dass er nicht gut war. Wenn Löw ihn rausnimmt, verunsichert er ihn noch mehr. Er kann es sich ja noch eine Halbzeit lang angucken und dann immer noch reagieren.
Glückler: Ich würde ebenfalls noch einmal die gleiche Aufstellung wählen, aber an das Ehrgefühl der Spieler appellieren, damit sie ihr gesamtes Leistungsvermögen abrufen.
Haupt: In einem Spiel wie gegen Kroatien wäre es auch eine Möglichkeit, Torsten Frings rauszunehmen und Simon Rolfes als Sechser zu bringen. Dann wäre zumindest das Zentrum dicht.

Klar ist auf jeden Fall, dass Bastian Schweinsteiger nach der Roten Karte gegen Österreich nicht aufläuft. War der Platzverweis berechtigt?
Hausmann: Die Rote Karte kann man geben. Schweinsteiger hat sich in dieser Situation nicht clever verhalten.
Rähmer: Sehe ich genauso. Vor allem hat der Trainer noch vorher gewarnt, sich nicht provozieren zu lassen. Die Karte war berechtigt.
Haupt: Das war eine klare Tätlichkeit. Erschwerend kommt hinzu, dass Schweinsteiger dem vierten Mann noch den Vogel gezeigt hat.
Glückler: Ich sehe das anders. Der Schiedsrichter hat in dieser Situation kein Fingerspitzengefühl gezeigt. Schweinsteiger ist motiviert, darf aber nicht spielen. Dann wird er in eine Partie eingewechselt, die total zerfahren ist. Da kochen die Emotionen schon mal über. Ein erfahrener Schiedsrichter muss so etwas sehen. Gelb hätte gereicht.

Wo steht die deutsche Mannschaft jetzt? Kommt sie ins Viertelfinale oder scheitert sie an Österreich?

Rähmer: Jede Mannschaft hat mal ein schlechtes Spiel. Dann doch lieber in der Vorrunde als später, wenn im K.O.-System gespielt wird. Allerdings bin ich der Meinung, dass auch das Spiel gegen Polen nicht überragend war.
Hausmann: Löw wird die Spieler einzeln und gemeinsam kritisieren, Druck erzeugen und wenn die Deutschen mit dem Rücken zur Wand stehen, dann rufen sie normalerweise ihre Leistung ab. Ich erwarte ein gutes Spiel gegen Österreich.
Glückler: Ich sage schon jahrelang, dass der deutsche Fußball – abgesehen von der WM – nicht attraktiv ist. Während sich die anderen Nationen weiterentwickelt haben, hat die Entwicklung der Deutschen stagniert. Ich sehe lieber ein 0:0 von Spanien oder Italien, als ein 3:2 mit deutscher Beteiligung, denn da bekommen ich trotz der Torflaute mehr geboten. Trotzdem glaube ich, dass wir gegen Österreich gewinnen.

Was sagen Sie allgemein zur Leistung bei der Europameisterschaft?

Hausmann: Mir haben bisher alle Spiele gut gefallen. Die Spiele sind temporeich und dynamisch, die Mannschaften sind taktisch sehr gut geschult, arbeiten hervorragend nach hinten und es sind super Einzelspieler dabei.
Rähmer: Ich fand’s bisher auch super, abgesehen von dem Spiel mit griechischer Beteiligung. Das ist doch lächerlich. Das hat nichts mit modernem Fußball zu tun.

Und wer gewinnt das Turnier?

Glückler: Mein ursprünglicher Tipp war Italien, aber ich glaube auch, dass die Holländer dick dabei sein werden.
Haupt: Mein Tipp gegen Österreich ist ein 3:1-Sieg. Gegen Portugal gewinnen wir dann, weil es ein ganz anderes Spiel wird. Vielleicht war die Niederlage auch Berechnung von Löw, weil er nicht gegen die Tschechen spielen wollte, die bestimmt Platz zwei in Gruppe A belegen werden.
Rähmer: Meine Favoriten sind Portugal und die Niederlande.
Hausmann: Ich hoffe, dass Deutschland gewinnt.


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