Donnerstag, 24. Mai 2012

Auto-Korsos: Ruhestörung oder Lebensfreude?


Auto-Korsos sind eigentlich verboten.
Auto-Korsos sind seit EM-Beginn keine Seltenheit. Doch nicht alles ist erlaubt. Wenn es zu bunt wird, greift die Polizei ein. Fotos: VKZ-Archiv

Vaihingen (ev) – In die Höhe schnellende Benzinpreise – egal, rein ins Auto und ab geht die Post. Die Fußball-Europameisterschaft hat begonnen und mit ihr kommen die Auto-Korsos. Dabei sind die Siegesfeiern mit dem Auto gar nicht erlaubt. Rechtlich heißt es: Es ist verboten – aber verbieten kann man’s nicht.
Es ist 22.45 Uhr. Der Schiedsrichter pfeift ab. Die deutsche Nationalmannschaft hat ihr erstes Spiel der Europameisterschaft gegen Polen mit 2:0 gewonnen. Ein Hauch WM-Stimmung weht durch das Land. Fahnen und Schals werden zusammengepackt, möglichst viele Leute ins Auto gequetscht und dann geht’s los. Grabenstraße – Heilbronner Straße – Hans-Krieg-Straße – Stuttgarter Straße – Aral-Tankstelle und wieder zurück: Das ist ungefähr die Route, die Auto-Korsos durch Vaihingen nehmen. Dabei wird gehupt, warngeblinkt, gesungen, geschrien und gelacht.
Schulpflichtige Kinder, die am nächsten Tag eine Arbeit schreiben, werden wach und haben Schwierigkeiten, wieder einzuschlafen. Auch manch Erwachsener möchte in das Reich der Träume eindringen, denn am nächsten Tag ruft die Arbeit. Doch draußen drücken die Fußball-Fans weiter kräftig auf die Hupe.
Doch ist das überhaupt erlaubt? Sind Autokorsos nun ein schöner Ausdruck gemeinsamer Lebensfreude oder schlicht nächtliche Ruhestörung? Ein Auszug aus Paragraf 30 der Straßenverkehrsordnung: „Bei Benutzung von Fahrzeugen sind unnötiger Lärm und vermeidbare Abgasbelästigungen verboten. Es ist insbesondere verboten, Fahrzeugmotoren unnötig laufen zu lasen und Fahrzeugtüren übermäßig laut zu schließen. Unnützes Hin- und Herfahren ist innerhalb geschlossener Ortschaften verboten, wenn andere belästigt werden.“ Kurzum: Nächtliches Korsofahren ist im Grunde verboten – selbst Strafen kann es geben, doch die Polizei drückt bei den Siegesfeiern gerne mal eine Auge zu – auch wenn eigentlich schon lange Nachtruhe ist.
So halten es die Männer in den grünen Uniformen auch in Vaihingen, zumindest dann, wenn niemand gefährdet wird. „Wir beobachten und schreiten nur in Extremfällen ein“, erklärt Michael Kuhne, Mitglied der Führungsgruppe des Polizeireviers Vaihingen. Ihr Einsatz ist zum Beispiel dann gefragt, wenn Leute aus dem Dachfenster klettern und auf dem Autodach sitzen. „Wenn da eine Kurve kommt, purzelt der runter“, so Kuhne. Der Polizist sieht es auch nicht gerne, wenn die Fenster als Sitzbänke missbraucht werden oder die Fahrer mit Fahnen oder sonstigen Aktionen behindert werden. Wenn er solche Sachen sieht, ermahnt er. Kontrolliert wird aber nur, wer Schlangenlinien fährt oder anderweitig auffällig wird. „Ansonsten sollen die Leute ihre Freude haben.“ Und bisher wären die Fans auch vernünftig gewesen. Sie würden keine Fußgänger gefährden, die Flaggen ordnungsgemäß anbringen und nicht zu dicht auffahren.
Im Einsatz ist die Polizei gerade jeden Tag – mit zusätzlichen Kräften. Türkei, Kroatien, Deutschland, Italien oder Griechenland – jeden Tag ist eine andere Mannschaft mit ihren Fans an der Reihe. Heute spielen wieder die deutschen Jungs und Kuhne ist schon gespannt, wie viele heute unterwegs sein werden.
Bisher war noch recht wenig los und dann waren die Korsos auch nicht lange unterwegs. „Die fahren vielleicht 15 bis 30 Minuten“, dann sei der Spuk vorbei. In Vaihingen sei es eben doch anders wie in Ludwigsburg oder Pforzheim. „Aber vielleicht ändert sich das ganz schnell. Je nachdem, wann die Favoriten ausscheiden.“
Die Korsos werden übrigens meist von jungen Menschen gebildet. „Dabei spielt das Geschlecht keine Rolle und die Nationen feiern eigentlich auch alle gleich“, berichtet Kuhne. Wenn sein Tipp stimmt, dann kommt auf seine Leute vom Polizeirevier noch viel Arbeit zu. „Ich glaube, dass wir mindestens Zweiter werden.“ Das heißt dann also Auto-Korsos bis einschließlich 29. Juni.


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