Donnerstag, 24. Mai 2012

Erster Treffer nach 67 Sekunden




Fabian Calovi aus Südtirol hat bei den Bietigheim Steelers nicht nur in sportlicher Hinsicht eine neue Heimat gefunden.	Foto: Otto
Fabian Calovi aus Südtirol hat bei den Bietigheim Steelers nicht nur in sportlicher Hinsicht eine neue Heimat gefunden. Foto: Otto

Bietigheim/Vaihingen (mot). 67 Sekunden – genau so lange hat Fabian Calovi gebraucht, um sein erstes Tor in der 2. Eishockey-Bundesliga zu schießen. Ein Kontakt, ein Schuss, ein Tor. Und noch mehr: Das bedeutete für ihn das Ticket in den Steelers-Mannschaftskader der nächsten Saison. Trotz allem bleibt Calovi auf dem Boden. Besser gesagt auf dem Eis.

„Du musst selbst an dich glauben. Und ich habe daran geglaubt, dass ich ein Tor schieße“, sagt Fabian Calovi über seinen erfolgreichen Debüteinsatz in der ersten Mannschaft der Steelers. So abgeklärt, wie es klingt, ist der 19-Jährige jedoch (noch) nicht. „In der Nacht vor dem Spiel habe ich kein Auge zugemacht“, erklärt Calovi. „Und auch beim Einlauflied hatte ich totales Herzklopfen.“ Kein Wunder bei mehr als 6 000 Zuschauern in der Schwenninger Helios Arena. Das Spiel gegen den Erzrivalen Schwenningen gewannen die Bietigheimer Eishockeycracks mit 4:3 – auch dank Calovis Tor.

Wie er zum Eishockey gekommen ist? „Mein Vater hatte eine Wurstbude vor der Eishalle in Bozen in Südtirol. Er hat meinen Bruder und mich einfach mal ins Training geschickt. Damals war ich vier Jahre alt.“ Mit sechzehn hat er seiner Heimat Südtirol den Rücken gekehrt. „Ein Freund von mir beschloss damals, nach Deutschland zu gehen. Ich brauchte Abstand und außerdem ist die Jugendarbeit, was Eishockey angeht, in Baden-Württemberg am besten organisiert“, schildert Calovi seine Beweggründe, ins Ländle zu kommen. „Außerdem gibt’s in Italien nur Fußball. Im Fußball bin ich aber nunmal total untalentiert“, scherzt er. Bei den Steelers hat er in der Jugendmannschaft angefangen. „Ich habe einfach angerufen und bin dann zum Probetraining eingeladen worden.“ Seine Eltern blieben in Südtirol, weshalb Calovi anfangs im Internat der Steelers auf Schloss Kaltenstein in Vaihingen wohnte. Zur Schule ging er in Bietigheim. Hinzu kamen dreimal Training pro Tag: „Ich bin gerade heimgekommen, habe mein Zeug fürs Training gepackt und musste schon wieder los, um den Bus zu erreichen. Ich war einfach die ganze Zeit unterwegs“, sagt Calovi.

Klar, dass da nicht viel Zeit zum Lernen blieb. Vor zwei Jahren zog Calovi nach Bietigheim. Das Abitur schaffte er trotzdem nicht. Ob das Eishockey es wert sei, das Abitur zu verhauen? Nach kurzem Überlegen sagt er: „Natürlich sind Training und Spiele ein großer Zeitaufwand. Letztes Jahr fehlte mir aber größtenteils die Motivation zu lernen. Das will ich im nächsten Schuljahr ändern. Ich sehe es als Chance. Hätte ich dieses Jahr bestanden, hätte ich einen schlechten Abischnitt. Deshalb bereue ich nichts und mache es lieber noch einmal.“

Mit seinen 19 Jahren gehört Calovi zu den Jüngsten. Der älteste Spieler der Bietigheimer ist 40 Jahre. Der gebürtige Italiener versteht sich mit allen gut. „Oft machen wir auch nach dem Training was zusammen.“ Ob der 19-Jährige in seiner Mannschaft eine Ersatzfamilie sieht? Er lacht: „Es sind meine Freunde. Eine Familie habe ich ja schon. Vor den älteren Spielern habe ich aber Respekt.“ Wie sein Leben in zehn Jahren aussehen wird, kann Calovi sich derzeit nur schwer vorstellen. „Auf jeden Fall möchte ich solange wie möglich Eishockey spielen. Und auch in Bietigheim gefällt es mir. Die Leute hier sind nett.“ Ansonsten lautet seine Devise: „Das Beste geben und so weit wie möglich kommen.“ Bis jetzt hat Calovi diese Zielsetzung erfolgreich umgesetzt. Macht er so weiter, muss er sich daran gewöhnen, dass ihn Leute auf der Straße erkennen. „Im Freibad gucken mich oft Leute an. Und die Mutter von einem Klassenkameraden hat mich mal nach einem Foto gefragt.“ Bescheiden fügt der 19-Jährige hinzu: „Eigentlich mache ich nichts anderes als bisher. Ich bin immer noch der gleiche Mensch.“

Aber bekanntlich hat ja jede Medaille ihre Kehrseite. „Meine Eltern sehe ich nur alle vier bis fünf Monate. Meine Mutter leidet sehr darunter und es gibt nichts schlimmeres als die eigene Mutter weinen zu sehen. Wenn wir eine Woche frei bekommen, fahre ich nach Südtirol und besuche meine Familie.“ Ansonsten kommt der 19-Jährige gut zurecht. Die Tatsache, dass fast täglich Tiefkühlpizza auf seinem Speiseplan steht, scheint ihn nicht zu stören. Am wichtigsten sind ihm seine Freunde. So oft es geht, verabredet er sich mit ihnen. Bei den sommerlichen Temperaturen der vergangenen Wochen am liebsten, um ins Freibad zu gehen. „Es gibt Tage, da bin ich aber einfach viel zu kaputt nach dem Training und froh, zu Hause zu sein. Mit vielen bleibe ich deshalb über die Internetplattform Facebook in Kontakt.“

Und wie sieht’s mit Zeit für eine Freundin aus? Calovi lacht und antwortet nach kurzem Überlegen: „Eine Freundin habe ich keine. Zeit finden würde ich aber schon irgendwie. Sie dürfte halt nicht enttäuscht sein, wenn ich mal keine Zeit habe, weil ich ins Training muss.“ Dreimal am Tag steht Training auf dem Programm – an vier Tagen pro Woche. Was genau macht nun aber den Reiz am Eishockey aus, um all das in Kauf zu nehmen? „Ich bin praktisch mit Eishockey aufgewachsen. Wenn ich dann auf dem Eis stehe, weiß ich warum ich das alles mache. Das ist es echt wert. Nur meine Zähne möchte ich gerne behalten“, lacht Calovi und zeigt sein strahlendes und vor allem vollständiges Gebiss.




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