Der Süddeutsche Fußball-Verband (SFV) hat einen neuen Schiedsrichterobmann. Mit Helmut Geyer, der in Hessigheim wohnt und aus Markgröningen stammt, stellt der Bezirk Enz/Murr nun einen der wichtigsten Männer im deutschen Schiedsrichterwesen. Grund genug für VKZ-Mitarbeiter Sven Sattler, sich mit Geyer zu unterhalten.
Herr Geyer, als neuer Schiedsrichterobmann des Süddeutschen Fußball-Verbandes sind Sie der Nachfolger des in die Schlagzeilen geratenen Manfred Amerell. Er soll einem Schiedsrichter gegen sexuelle Gefälligkeiten zum Aufstieg verholfen haben. Wie oft werden Ihnen denn eigentlich Fragen zu seiner Person gestellt?
Zu meiner eigenen Überraschung gar nicht.
Und wenn doch, was würden Sie antworten?
Amerell hat in den letzten Jahren seiner Tätigkeit sicherlich viel Positives für die Schiedsrichterei bewirkt. Durch die Affäre, die nun zutage getreten ist, hat er dem Schiedsrichterwesen natürlich auch Schaden zugefügt. Die Wertung über Amerell kann zum heutigen Zeitpunkt sicherlich nicht abschließend gefällt werden.
Nun soll es ja nicht um Amerell, sondern um Sie gehen. Was ist denn das Neue an ihrer Aufgabe beim SFV?
Neu sind für mich auf jeden Fall die Dimensionen, da ich statt für einen nun für fünf oder im weiteren Sinne beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) sogar für 21 Landesverbände zuständig bin. Das ist die neue Herausforderung, die sich mir stellt.
Können Sie Ihre Arbeit dort so beschreiben, dass es sich auch jemand vorstellen kann, der sich mit der Schiedsrichterei nicht auskennt?
Momentan geht es im Tagesgeschäft um die Ansetzung von Schiedsrichtern für Freundschaftsspiele. In der Punktrunde müssen Schiedsrichter begleitet und beurteilt werden. Am Ende der Runde wird entschieden, wer in eine höhere Spielklasse aufsteigt oder wer in der kommenden Saison eine Liga tiefer als bislang eingestuft wird.
Entscheiden Sie also, wer in der Regionalliga pfeifen darf und wer nicht?
Nein, das ist nie die Entscheidung eines Einzelnen, sondern der DFB-Schiedsrichterkommission, die 14 Personen umfasst, oder des SFV-Schiedsrichterausschusses, in dem insgesamt sechs Personen sitzen.
Genau diese 14-köpfige Schiedsrichterkommission ist ja neu eingesetzt worden. Welche anderen Aufgaben hat sie?
Das Aufgabenfeld in der Schiedsrichterei ist vielfältig. Neben dem bereits Genannten geht es um die Aus- und Weiterbildung der Unparteiischen, so stehen im Sommer immer die Lehrgänge aller Spielklassen an. Außerdem pflegt sie Kontakte zu den internationalen und den benachbarten Fußballverbänden. Auch ganz banale Dinge wie Fragen zur Regelauslegung landen bei der Kommission.
Vorsitzender dieser Schiedsrichterkommission ist der ehemalige Bundesliga-Referee Herbert Fandel. In den Medien wird er gern als Reformer angepriesen. Welche Reformen wird das Schiedsrichterwesen erfahren?
Neue Leute haben neue Ideen. Zunächst wurden aufgrund der Affäre um Amerell administrative Veränderungen vorgenommen. Als Regionalobmann, wie ich es nun bin, war man früher viel stärker ins Tagesgeschäft, sprich in die Schiedsrichter- und auch Beobachtereinteilung, eingebunden. Dies ist nun nicht mehr der Fall. Jetzt sollen wir das Bindeglied zwischen Kommission und Landesverbänden darstellen. Dazu wurden auch Personen ausgetauscht. Im Bereich der Beobachter wurde deutlich verjüngt. Allerdings wird auch niemand alles auf den Kopf stellen wollen.
Gibt es irgendeinen Reformvorschlag, der Ihnen besonders am Herzen liegt?
Wir haben in den vergangenen Jahren verstärkt auf sehr junge Schiedsrichter gesetzt. Es ist ja bereits der Vorwurf durch die Lande gezogen, wir wären dem Jugendwahn verfallen. Mittlerweile haben wir – nicht zuletzt durch die Affäre Amerell – die Erfahrung gemacht, dass man jungen Referees die Zeit geben muss, die Persönlichkeit zu entwickeln, die wir von jemandem erwarten, der später einmal in der Bundesliga pfeifen soll. Wir müssen beide Möglichkeiten anbieten: Das junge Talent muss seinen Weg machen können, aber auch der erfahrene Unparteiische soll noch an die Tür zu höheren Spielklassen klopfen dürfen.
Sie haben gerade das Schlagwort „Persönlichkeit“ genannt. Inwiefern unterscheidet sich die Persönlichkeit eines Bundesliga-Schiedsrichters von der eines Kollegen, der nur in der Kreisliga pfeifen darf?
Eigentlich brauchen wir diese spezielle Schiedsrichter-Persönlichkeit in allen Klassen. Unparteiische müssen sich präsentieren und artikulieren können. Da spielen Charakterzüge wie Gerechtigkeitssinn und Fairness natürlich eine große Rolle. Leider gibt es da in den unteren Klassen noch gewisse Defizite.
Ab der kommenden Saison beobachten Sie dann genau diese Bundesliga-Referees. Wie muss man sich das vorstellen? Sitzen Sie auf der Ehrentribüne und genießen Ihr Mittagessen, während Ihr Schützling zwischen den Grundlinien hin und her wetzt?
Spielbeobachtungen gibt es von der Bundesliga bis zur Bezirksliga. In allen Spielklassen wird weitgehend nach den gleichen Kriterien bewertet. So wie also der Bezirksliga-Schiri von seinem Beobachter begleitet und beurteilt wird, wird das auch in der Bundesliga gehandhabt. Nur sind die Reisedistanzen eben länger als in der Bezirksliga. Deshalb gibt es ab und zu auch einmal ein Mittagessen – aber bestimmt nicht während des Spiels (schmunzelt).
Im Fernsehen werden Szenen aus der Bundesliga oftmals in der Superzeitlupe entschlüsselt. Dürfen Sie die dann auch zurate ziehen?
Mittlerweile hat man als Beobachter im bezahlten Fußball das Recht, Entscheidungen mit Hilfe von Fernsehbildern zu überprüfen und zu hinterfragen. Klar ist, dass man als Beobachter die Szene aber zunächst einmal in Echtgeschwindigkeit mit den eigenen Augen sieht und sich da eine erste Meinung bildet – so wie der Schiedsrichter auch.
Apropos Fernsehbilder: Nach dem nicht gegebenen, aber regulären Tor der Engländer gegen Deutschland wurde wiederholt die Forderung nach technischen Hilfen im Fußball laut. Was halten Sie davon?
Bis dato hat der Weltfußballverband Fifa jegliche technische Hilfen gänzlich abgelehnt. Die DFB-Schiedsrichtergremien hatten eher die Meinung, dass man beispielsweise einen Chip im Ball begrüßen würde. Ein nicht anerkanntes Tor wie im WM-Achtelfinale sollte es eigentlich nicht geben.
Und wie sieht es mit dem Videobeweis aus? Sie erinnern sich doch bestimmt an das Handspiel von Thierry Henry, das Frankreich zur WM-Qualifikation verhalf?
Dieses Handspiel war eine Szene aus der laufenden Begegnung. Für einen Videobeweis müsste man das Spiel unterbrechen. Aber: Wer schaut sich dann die Bilder an und bewertet sie? Wie wird das Spiel fortgesetzt, wenn man sich geirrt hat? Diese Fragen machen es schwierig, eine abschließende Meinung zu finden. Beachten muss man außerdem, dass von der Bundesliga bis zur Bambini-Kreisstaffel die gleichen Regeln gelten. Es ist in gewissem Maße auch der Reiz des Fußballs, dass es banale Regeln gibt, die fast jedes Kind kennt.
Tatsächlich pfeifen die allermeisten Unparteiischen nicht in großen Stadien, sondern sonntags auf den lokalen Sportplätzen – sowieso ohne technische Hilfen und meist sogar ohne Linienrichter. Dazu gibt es eine interessante Statistik. 2003 gab es 5900 Unparteiische in Württemberg, heute sind es 1000 mehr. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Als ich 2003 als württembergischer Verbands-Schiedsrichterobmann angefangen habe, hatten wir rückläufige Zahlen. Wir haben damals gegensteuern müssen und haben – wie das leider oft nur funktioniert – durch Bußgelder die Vereine mehr oder weniger dazu gezwungen, mehr Werbung für das Amt in Schwarz zu machen. Mit etwa 7000 Schiedsrichtern haben wir eine Zahl erreicht, bei der wir behaupten können, dass wir den Aktiven- und Jugendspielbetrieb fast vollständig besetzen können.
Können Sie in Ihrem neuen Amt diese Entwicklung auf ganz Süddeutschland übertragen?
Der bayrische Landesverband, der die meisten Unparteiischen in Deutschland stellt, verzeichnet auch Zuwächse. Da besteht zum Beispiel keine Notwendigkeit. Ansonsten gibt es natürlich immer Werbemaßnahmen über den DFB. Ich erinnere nur an das Plakat „Faszination Schiedsrichter“ mit dem Konterfei von Fandel. Erfahrungsgemäß ist es am besten, wenn die örtliche Schiedsrichtergruppe das Heft in die Hand nimmt und persönlich neue Leute wirbt. Diese Kärrnerarbeit muss tatsächlich an der Basis betrieben werden.
Aber an der Basis liegt doch die Schwierigkeit. Noch immer erfährt der Schiedsrichter oftmals nur eine geringe Wertschätzung. Die Sprüche, die auf den Sportplätzen fallen, schrecken sicherlich einige Interessierte ab.
Das ist ein ganz schwieriges Unterfangen. Ein Stück weit gehören Emotionen ja auch zum Spiel. Ein großes Problem entsteht, wenn Zuschauer wegen Kleinigkeiten oder Regelunkenntnis mit dem Referee hadern. Da haben wir aber sowohl als Schiedsrichter als auch als Gremium nur wenig Chancen, einzugreifen.
Kommen wir nochmals zurück zu Ihrer Person. Ihre Aufgabe als Bundesliga-Beobachter beginnt mit dem Saisonstart im August. Was machen Sie denn in der Zwischenzeit?
Die Ansetzung von Schiedsrichterteams für den ungeregelten Freundschaftsspielbetrieb nimmt viel Zeit in Anspruch, weil jeden Tag auf einem anderen Sportplatz ein Spiel besetzt werden muss.
Also haben Sie auch keine Zeit, sich Sorgen zu machen, dass Sie ausschließlich als Amerell-Nachfolger in die Annalen eingehen könnten?
Nein, da muss ich mir auch keine Sorgen machen. Außerdem sollten wir den Blick immer nach vorne und nicht zurück richten. Wir sind gut aufgestellt im Schiedsrichterwesen, sowohl in Württemberg, als auch im SFV und im DFB. Deshalb muss es mir da überhaupt nicht bange werden.
