„Ich will Europa- und Weltmeister werden“
10/07 2010
„Ich will Europa- und Weltmeister werden“
Vaihingen (mot). Michael Lesic hat es geschafft. Er trat bei den Special Olympics an, den Olympischen Spielen für Menschen mit geistiger Behinderung – und überzeugte. Außerdem ist er amtierender Deutscher Meister. Der 17-jährige Vaihinger weiß genau, was er will.
Der Platz vor der Bühne ist gefüllt. Rund 200 Zuschauer warten bei den Special Olympics auf Michael Lesic’ Vorführung. Kein Wunder, dass der Vaihinger etwas aufgeregt ist. Ein letzter Tipp vonTrainer Mücahit Demirel, dann muss er auf die Bühne. Lesic zeigt einen Demonstrationswettkampf im Kata und wird mit der besten Punktzahl belohnt. Bei der Disziplin Kata kämpft der Karateka in einer Abfolge genau festgelegter Angriffs- und Abwehrtechniken gegen imaginäre Gegner, die sich aus verschiedenen Richtungen nähern. Außerdem erhält er die goldene Plakette des Deutschen Karate Verbands, die er stolz präsentiert.
Die Vorarbeit zu diesem Triumph legte Lesic Anfang des Jahres bei der deutschen Karate-Meisterschaft für Menschen mit Handicap in Völklingen (Saarland). Hier setzte er sich gegen acht Konkurrenten durch und wurde daraufhin zu den Special Olympics nach Bremen eingeladen. Karate war eine der 20 Sportarten, in denen insgesamt mehr als 4500 Athletinnen und Athleten antraten.
„Wie ich zum Karate gekommen bin? Mein Vater hat früher Karate gemacht“, erklärt Michael Lesic. „Da wollte ich das auch probieren“. Aus dem Probieren ist zwischenzeitlich mehr geworden. Seit zehn Jahren trainiert Lesic einmal wöchentlich in Eberdingen. „Eigentlich zweimal“, setzt sein Trainer Demirel an. „Aber Schule geht vor“, beendet Lesic den Satz und lacht.
Seit zehn Jahren studiert Demirel diese Abläufe mit Lesic ein und versucht, dessen Auftritte zu perfektionieren. „Wir befinden uns auf dem richtigen Weg. Außerdem erkennt man relativ früh, welches Potenzial in welchem Schüler steckt. Michael hat den nötigen Ehrgeiz “, sagt Demirel über seinen Schützling. Aber auch Spaß zu haben sei wichtig, ergänzt Demirel: „Der Spaßfaktor steht an höchster Stelle.“ Ehrgeiz und Spaß sind also die Grundvoraussetzungen. Die Bereitschaft, hart zu trainieren – bis jeder Ablauf perfekt sitzt – das Mittel zum Erfolg. Bei Lesic ist diese Bereitschaft förmlich zu spüren. Der Reiz und die Motivation besteht für ihn darin, an Turnieren teilzunehmen: „Ich will Europa- und Weltmeister werden.“
Probleme wegen seiner Lernschwäche gibt es keine: „Man muss nur etwas mehr Geduld haben, bis jeder Ablauf genau sitzt“ erklärt Demirel seine Arbeit mit Lesic. „Aber ich habe auch 25 Jahre gebraucht, bis ich alles konnte“, ergänzt er lachend. Karate erfordere einfach Disziplin, da sind sich Demirel und Arthur Bastian einig. Nicht nur das, meint der Vositzende des Goju- Ryu-Karatevereins Vaihingen: „Karate formt den Charakter, stärkt das Selbstbewusstsein, und man lernt, mit sich selbst umzugehen.“ Demirel habe das bei Lesic beobachtet: „Von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat wird er selbstbewusster.“ Zeit also, Karate endgültig aus den Versenkungen der japanischen Kampfkünste zu holen. Das ist Bastians Ziel. „Es ist wichtig, dass behinderte Sportler als gleichberechtigt angesehen werden.“
Auch Lesic hat Ziele: „Nächstes Jahr muss ich meinen Titel verteidigen“ sagt er. Außerdem will er seinen blauen Gürtel gegen einen braunen oder schwarzen eintauschen. Dazu muss er einen Lehrgang mit Prüfung absolvieren. Demirel wird ihn auch in diesen Vorhaben unterstützen und fördern: „Es ist wichtig, Michael Ziele zu setzen und ihm Vertrauen entgegenzubringen. Er kann jederzeit mit Problemen zu uns kommen oder anrufen“, bietet Demirel an. Das nächste Ziel lautet Bayern-Cup. Hier tritt Lesic Ende September in Sonthofen auch gegen internationale Gegner an.
