Riet (ev). Wer einen Herzinfarkt überlebt, sollte sein Leben umkrempeln: keine Zigaretten, gesundes Essen und Sport. Speziell für Herzpatienten gibt es deshalb sogenannte Koronarsportgruppen – auch beim TV Vaihingen. Zu denen gehen aber längst nicht mehr alle nur wegen ihrer Vorerkrankung.
Das Thermometer zeigt 27,5 Grad, die Klamotten kleben in der schwülen Luft am Körper – das sind wahrlich keine Bedingungen, um sich sportlich zu betätigen, vor allem nicht für Menschen mit einer Herzkrankheit. Trotzdem: Solange die Quecksilbersäule die 30-Grad-Marke noch nicht überwunden hat, trifft sich die Koronarsportgruppe des TV Vaihingen jeden Montagabend in Riet.
Der erste Teilnehmer stellt sein Auto bereits eine halbe Stunde vor Beginn des Kurses auf dem Parkplatz der Strudelbachtalhalle ab. 15 Minuten später sind fast alle da. „Heute bleiben wir draußen“, empfängt Annekatrin Romano ihre Gruppe. Das Training läuft an diesem Montag etwas anders ab – wegen des Wetters. Deshalb gehen die Sportler weder in die Halle, wo es viel zu dämpfig ist, noch auf den Fußballplatz. Dort ist nämlich weit und breit kein Schatten. Als Sportstätte dient heute der Parkplatz.
Im vergangenen Jahr ist der Kurs des TVV 25 Jahre alt geworden. Außer den beiden Übungsleiterinnen Rita Ditthard und Annekatrin Romano ist allerdings niemand mehr von Anfang an dabei. Die Koronarsportgruppe wurde 1983 von Dr. Rüdiger Holzberg initiiert. Sozusagen für die sportliche Nachsorge von Herz-Kreislaufpatienten.
„Wo bleibt denn der Arzt?“ Die Sportler auf dem Rieter Parkplatz werden langsam unruhig, auch Romano schaut immer wieder auf ihre Uhr. Passiert ist nichts, aber ohne Arzt kein Sport – das sind die Regeln. Jeden Montagabend kommt ein Arzt und überwacht die Gruppe. „Wir suchen allerdings immer noch Ärzte, die noch mitmachen“, sagt Romano.
Während nun alle auf den Doktor warten, wird der Ruhepuls gemessen. Manche haben das bereits daheim getan. Nach der Konditionseinheit wird noch einmal gemessen – zur Kontrolle. Pulsmessen, Anwesenheit des Arztes – obwohl die Mitglieder des Kurses gefährdet sind, ist in all den Jahren nichts passiert. „Die Konditionseinheiten soll auch jeder in seinem Tempo machen, weil jeder selbst am besten in sich hinein horchen kann“, so Romano. Sie feuert zwar an, quält die Teilnehmer bei der Gymnastik auch ein bisschen („Das geht aber noch tiefer in die Hocke...“), aber insgesamt bestimmen die Sportler das Tempo, vor allem beim Ausdauertraining. Während die ersten im flotten Tempo den Waldweg entlang jagen, laufen die letzten beiden im Spaziertempo hinterher. Jeder wie er kann eben.
Mittlerweile sind aber endlich alle in Bewegung – unter Überwachung natürlich. Annekatrin Romano, die die Gruppe im wöchentlichen Wechsel mit Rita Ditthard betreut, hat heute die Stöcke heraus gekramt. Mit denen wird Gymnastik gemacht: marschieren, Übungen zum Muskelaufbau, dehnen, Koordination... „Seit ich das hier mache, fühle ich mich viel frischer“, sagt Heinz Weber. Der 69-Jährige hatte vor vier Jahren einen Herzinfarkt. Seitdem kommt er fast jeden Montag nach Riet. Die anderen stimmen ihm zu: „Die Sportstunde tut gut.“ Die meisten machen noch nebenher Sport, aber nicht alle. Trotzdem sagt Romano: „Einmal in der Woche Sport ist vielleicht nicht ideal, aber es ist besser als nichts und ich bin der Meinung hier trotzdem enorme Fortschritte feststellen zu können.“
Graue und weiße Haare haben die meisten der Teilnehmer. Im Kurs sind meist zwischen 15 und 20 Leute. Viele sind bereits in Rente, andere müssen nur noch wenige Jahre arbeiten. Das ist der Großteil. Doch es gibt auch andere: Solche, die nicht einmal 50 Jahre alt sind, aber trotzdem bereits einen Infarkt hinter sich haben. Für die es nicht immer leicht. „Zum einen, weil sie sich beweisen wollen, dass sie besser sind als die, die 20 Jahre älter sind“, erklärt Annkatrin Romano. Zum anderen, weil es für sie schwerer ist, ihre Krankheit und die damit verbundene Angst zu akzeptieren „Das ist ein schwieriges Thema“, sagt einer der Teilnehmer.
Trotzdem ist genau das ein positiver Nebeneffekt des Kurses: Die Teilnehmer können sich über ihre Erfahrungen austauschen, gerade wenn jemand neu zur Gruppe stößt.
An diesem Abend ist von Angst und schlechten Gedanken aber wenig zu spüren. Im Gegenteil. Ein Gag jagt den nächsten. Wahrscheinlich liegt es auch Annekatrin Romano und ihren flotten Sprüchen, dass viele immer wieder kommen – auch dann wenn die Krankenkasse schon lange nicht mehr zahlt.
Training: Montags von 17.45 bis 18.45 Uhr und von 18.45 Uhr bis 19.45 Uhr in der Sporthalle in Riet.
Kontakt: Annekatrin Romano, Telefon (07042) 14344.
