Donnerstag, 24. Mai 2012

Mit dem Kopf voraus in die Sprunggrube


Sportabzeichen
Mit Eifer bei der Sache: Martin Holzäpfel beim Weitsprung auf dem Sportgelände am Alten Postweg. Foto: Wirth

Vaihingen (ev) – Höher, schneller, weiter – in der Leichtathletik geht es um Sekunden und Zentimeter – auch beim Sportabzeichen. Jeden Montag üben die Leichtathletik-Fans von und mit dem Team des TV Vaihingen, um geforderte Weiten zu erfüllen. Aber nicht nur sie kämpfen um die begehrten Urkunden, auch ein Teil der Sportgruppe der Lebenshilfe Vaihingen-Mühlacker legt jedes Jahr die Sportabzeichen-Prüfung ab. In dieser Woche standen 50-Meter-Lauf und Weitsprung auf dem Programm.
Direkt von der Arbeit in die Umkleidekabine, Sporthose übergestreift und in die Turnschuhe geschlüpft. „Heute machen wir das Sportabzeichen“, freut sich Silvia Schmidt. Sie war schon einige Male dabei und weiß, was auf sie zukommt. Im Gegensatz zu Jenny Solar. Die 22-Jährige wirkt bei ihrer Premiere ein wenig nervös.
Auf dem Sportgelände am Alten Postweg warten schon die Prüfer Hannelore und Wilfried Schenk. Als erstes geht es auf die Tartanbahn. Noch sind die Sportler frisch. Eine Warmmachrunde, dehnen. Dann geht’s auch schon los.
Jenny Solar, Silvia Schmidt und Doris Kunde sind die ersten drei, die auf die Strecke sollen. Während Silvia und Doris sich schon an die Startlinie begeben, geniert sich Jenny noch ein wenig. Die Sprint-Disziplin erscheint ihr wohl etwas unheimlich. „Komm. Das ist nicht schwer. Du musst nur da vor laufen, wo der Mann mit dem weißen T-Shirt steht“, meint eine der beiden Betreuerinnen. Jenny lacht, ziert sich nicht mehr und stellt sich an die Seite von den anderen beiden.
 Auf einen Start aus den Blöcken wird verzichtet. Die Lebenshilfe-Sportler rennen aus dem Stand los. „Auf die Plätze – fertig – los!“ Unter lauten Anfeuerungsrufen sprinten die drei Frauen los. Nur wenige Augenblicke später haben sie die Ziellinie überquert – und rennen weiter. „Stopp. Ihr könnt zurückkommen“, ruft Wilfried Schenk hinterher. Er hat schon seinen Bleistift gezückt und liest von seiner Stopp-Uhr die Zeiten ab. 11,3 Sekunden, sieben Zehntel unter der geforderten Zeit: Silvia Schmidt hat ihre Pflicht im ersten Durchgang bereits erfüllt. Auch beim zweiten Start bleibt sie unter zwölf Sekunden. Die anderen beiden, die in der Altersklasse 18 bis 29 Jahre 10,3 Sekunden sprinten sollen, müssen noch ein wenig schneller werden.
Jetzt sind aber erst einmal die anderen an der Reihe, denn die Sportgruppe besteht nicht nur aus Sportabzeichenabsolventen. „Nicht alle besitzen die Fähigkeiten, sich den Prüfungen zu stellen“, erklärt Rosemarie Bernhart, die die Gruppe leitet. Bei den meisten ist das Schwimmen das Problem. Zwar können sich fast alle im Wasser fortbewegen, aber 50 Meter frei am Stück zu schwimmen ist für viele zu schwer. Beim 50-Meter-Sprint holen aber auch sie das Letzte aus sich heraus. Die Zeiten können sich sehen lassen.
„Ich brauch noch Pause“, murrt Doris Kunde, als sie wieder an der Reihe ist. Sie nimmt noch einen kräftigen Schluck aus ihrer Trinkflasche. Dann springt sie auf: „Jetzt geht’s wieder.“ Dieses Mal sprintet sie gemeinsam mit Martin Holzäpfel und Jenny Solar. Martin, der Jüngste im Trio, läuft vorne weg: 9,1 Sekunden. Soll erfüllt. Auch Doris Kunde schafft dieses Mal die geforderte Zeit von 10,3. Nur Jenny bleibt knapp drüber.
„Kein Problem“, meint Rosemarie Bernhart: „Wir laufen ja noch einmal, weil andere verletzt waren, beziehungsweise keine Zeit hatten.“ Laut ihr ist der Sprint die schwierigste Disziplin für die Menschen mit geistiger Behinderung. „Da ist Motivation ganz wichtig.“ Vor allem, wenn die Sportler einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich haben. „Lust auf Bewegung ist da nicht immer vorhanden und beim Sportabzeichen werden teilweise Höchstleistungen von unseren Sportlern verlangt“, so Bernhart.
Nach dem Lauf geht es zur Sprunggrube. Erst einmal wird aus dem Stand gesprungen. Wilfried Schenk zeigt, wie es geht. Er geht in die Knie und springt in den Sand.
„Anfangs war es für die Sportler eine Überwindung, in die Grube zu springen“, erzählt Bernhart. Deshalb ist es immer gut, es zu zeigen und ihnen die Angst zu nehmen. Die Strategie scheint zu funktionieren. Furcht scheint keiner zu haben. Silvia Schmidt schafft ihre Weite gleich auf Anhieb. „Ich hab das ja auch schon oft gemacht“, sagt sie beschwichtigend.
Doris Kunde versucht es zwischendurch noch mit Anlauf, doch an den geforderten 2,50 Metern, beziehungsweise an den 1,30 Metern (aus dem Stand) scheitern sie und Jenny Solar. Martin Holzäpfel schafft es nur knapp – allerdings mit seiner ganz eigenen Technik. Während er bei seinem ersten Versuch noch die Schenk-Variante nachahmt, springt er das zweite Mal mit Kopf und Armen voraus. Auch beim dritten Versuch wählt er die Kopfsprung-Technik. Dieses Mal mit Erfolg. Die Weite: 1,53 Meter.
Die Sportstunde ist zu Ende. Das Sportabzeichen aber noch lange nicht. Am 16. August wandern die Lebenshilfe-Sportler bei der S-VKZ-Tour mit. „Die elf Kilometer sind noch einmal eine große Herausforderung“, meint Bernhart. Der Höhepunkt kommt aber noch: die Übergabe der Urkunde und Ehrennadeln. Dabei kommen Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Ein großartiges Erlebnis für die Sportler, was schon die Wertschätzung der Urkunden und Nadeln zeigt. „Eine unserer Frauen hat all ihre Urkunden eingerahmt und im Zimmer aufgehängt. Ein anderer hat sein Nädelchen an seinem besten Jackett befestigt und ist äußerst stolz darauf“, berichtet Bernhart, die sich sicher ist, dass auch dieses Jahr alle sechs Sportabzeichenanwärter am Ende ihre Auszeichnung erhalten werden.


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