Im kommenden Jahr geht’s zu den Profis
Cedrik-Marcel Stebe ist nur sehr schwer zu greifen. Der 17-Jährige trainiert im italienischen Florenz, während des ganzen Jahres reist er sonst um die Welt. Ab und an ist er dann auch einmal bei seinen Eltern. So wie vor gut einer Woche, als er für anderthalb Tage in Enzweihingen vorbei schaute. Das war jedoch früher als eigentlich gedacht, denn zuvor war er noch in London beim bedeutendsten Tennis-Turnier in Wimbledon am Start.
Cedrik-Marcel Stebe spielt Tennis. Und das auf sehr hohem Niveau. In dieser Woche wird er auf Platz 15 des ITF-Junior-Rankings – der Bestenliste des internationalen Tennis Verbands – geführt. Damit ist Stebe der bestplatzierte deutsche Jugendspieler und dadurch eine der größten Hoffnungen für die Zukunft. „Vor einiger Zeit war ich einmal Zwölfter“, sagt er. Am 26. Mai dieses Jahres war das. Zurückzuführen ist diese Platzierung auf seine damals erzielten Erfolge im französischen Beaulieu Sur Mer und im italienischen Salsomaggiore. Diese ließen ihn in der Weltrangliste hochschnellen.
Mittlerweile hat Stebe sogar schon ATP-Punkte gesammelt, also bei den Profis. In der ATP-Weltrangliste wird er derzeit auf Platz 976 geführt. „Es gab neun Punkte für den Gewinn des Challenger-Turniers in Braunschweig“, so der Linkshänder. Zudem ein Preisgeld von insgesamt 2200 Euro, 1800 davon für den Einzelsieg. Der Rest war für die Teilnahme am Doppel.
Tennis ist Stebes großes Hobby. Mittlerweile ist es aber vielmehr als das. „Es ist ein Full-Time-Job“, sagt der Teenager. Seine Tage sind durch den Sport mit dem Schläger und der Filzkugel bestimmt. Doch dies scheint genau das zu sein, was er sich vorstellt. Früher habe er einmal Fußball gespielt, doch dann, so mit 12, 13 musste er sich für die eine oder die andere Sportart entscheiden. Er wählte Tennis. „Es war die richtige Entscheidung“, sagt Stebe, der sogar in seiner Freizeit die Matches seiner Freunde auf dem Circuit oder aber auch der Profis anschaut. Vor allem bei Turnieren sei das so – um zwischen den Spielen auszuspannen.
Tennis bestimmt das Leben des jungen Mannes. Seit er dreieinhalb ist, schwingt er den Schläger. Das Meiste habe er dabei von seinem Vater gelernt, der ihm das Racket damals in die Hände gab. Und mittlerweile gehört er zu den besten der Welt seines Alters. Sein großes Ziel heißt nun, sich auch bei den Profis zu etablieren. Dort wird der Enzweihinger ab dem kommenden Jahr um Weltranglistenpunkte kämpfen, denn seine Zeit als Juniorenspieler geht mit dem 31. Dezember dieses Jahres zu Ende.
Zunächst wird Stebe auch auf den kleineren Challenger-Turnieren antreten, um Punkt für Punkt einzuheimsen. Denn diese Zähler bestimmen darüber, ob jemand direkt in ein bestimmtes Turnier einsteigen darf oder sich über die Qualifikation sein Startrecht sichern muss. Und die „Qualis“ sind hart. Zwei, drei Runden stehen da meist an – gegen motivierte Gegner, die alle ins Hauptfeld wollen. Stebe hat keine Angst davor. Respekt vielleicht, aber keine Angst. Das merkt man ihm an. Er scheint sich seiner Sache sicher zu sein. Und die heißt nun einmal, es im Tennis weit zu bringen.
Deshalb setzt Stebe nun ganz auf diese Karte. Die Unterstützung hat er dabei auch aus seinem Elternhaus. „Er will eine Profikarriere einschlagen und das fördern wir auch. Man muss jetzt mal schauen, wie es funktioniert“, sagt seine Mutter Claudia, die ihn zu den meisten Turnieren begleitet.
Einen großen Schritt Richtung Profitum machte der Enzweihinger vergangenes Jahr. Im September zog er alleine nach Florenz, wo er an der Tennis-Akademie von Fabrizio Fanucci, dem Trainer des italienischen Profis Filippo Volandri, trainiert. Auch um den letzten Schliff zu bekommen. Bis auf Sonntag wird dort täglich trainiert: Tennis, Kraft aber auch Fitness und Taktik – praktisch den ganzen Tag lang. „Am Anfang war es hart“, sagt Stebe. Er meint dabei nicht das Programm, sondern die Probleme mit der Sprache. Mittlerweile verstehe und spreche er aber schon ganz gut italienisch. „Im Kino ist es allerdings noch schwierig“, sagt er lachend.
Bleibt bei so einem großen Sportpensum, denn noch Zeit für die Schule? Stebe nickt. „Ja, die Schule gibt’s natürlich auch noch“, sagt der einstige Schüler des Stromberg-Gymnasiums. Er ist nun in der elften Klasse. In Florenz geht er auf eine Privatschule. Doch vermutlich nicht mehr lange. „Voraussichtlich höre ich nach diesem Schuljahr erst einmal auf, wenn es so gut weiterläuft“, sagt Stebe.
Derzeit kann er sich nicht beklagen. In Wimbledon schaffte er es vor gut einer Woche bei den Junioren in die zweite Runde. Auch bei den French Open in Paris war er erstmals am Start. Dort scheiterte er jedoch gleich im Auftaktspiel. „Da war ich sehr nervös“, erinnert sich Stebe. Er hatte sich aufgrund seiner guten Weltranglistenposition für beide Turniere direkt qualifiziert. Dort zu spielen sei eine tolle Erfahrung gewesen. Und natürlich eine, die es zu wiederholen gilt – wenn möglich bald bei den Profis. Vor allem von Wimbledon schwärmt Stebe: „Die Engländer sind so begeistert vom Tennis...“ Und sein Ziel habe er auch erreicht. „Eine Runde gewinnen“, lautete dieses. Die Nervosität sei da auch schon nicht mehr allzu groß gewesen.
Die weiteren Pläne für dieses Jahr sind gemacht. Stebe wird in Kürze noch ein Challenger-Turnier in Rimini spielen und möglicherweise auch noch das ein oder andere Turnier, doch der Blick geht eigentlich nach New York. Er wird nämlich auf alle Fälle bei den US Open antreten. „Und dort will ich ins Halbfinale“, sagt er.
Der kometenhafte Aufstieg von Stebe hat sicher mit seinem Willen zu tun. Bei ihm dreht sich praktisch alles ums Tennis. Wie er sich selbst charakterisiert? „Ich bin ein anpassungsfähiger Spieler, der auf allen Belägen zurecht kommt“, sagt er. Die Begriffe Taktik und mentale Stärke erwähnt er ebenso wie die Tatsache, Linkshänder zu sein.
Stebe hat durch das Tennis schon viel mehr von der Welt gesehen als andere Jugendliche in seinem Alter. Er war in Nord- und Südamerika und praktisch in ganz Europa. Das Leben aus dem Koffer und in Hotels mache ihm nichts aus. Viel eher genieße er es, erklärt Stebe. Dann überlegt er kurz. „Nein, in Asien war ich noch nicht“, sagt er. Und auch in Australien sei er noch nicht gewesen. Sollten die guten Ergebnisse anhalten, könnte sich dies aber bald ändern. Cedrik-Marcel Stebe hätte da sicher am wenigsten dagegen. Jens S. Vöhringer
