Donnerstag, 24. Mai 2012

„Es werden keine sauberen Spiele“


Olympische Spiele in Peking
Die Expertenrunde von links: Helmut Digel, Rainer Brechtken, Moderator Carlo Thränhardt, Harald Felzen und Christian Keller .Foto: Vöhringer

Ludwigsburg (jsv) – Die Olympischen Spiele steigen vom 8. bis zum 24. August in der chinesischen Hauptstadt Peking. Was erwartet die Sportler und die Funktionäre dort? Was kommt auf die Zuschauer zu? Und wie steht es eigentlich um die Zukunft der Spiele und ihrer Idee? Über all dies wurde beim Sparkassen Forum Sport in Ludwigsburg in illustrer Runde diskutiert.
Jens S. Vöhringer
Das Thema Tibet habe er bewusst nicht angesprochen, verriet Professor Helmut Digel den 300 Anwesenden in seinem Schlusswort. Der Direktor des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Tübingen sprach sich während der Veranstaltung „Wie steht es um die Zukunft der Olympischen Spiele und ihrer Idee?“ hingegen immer wieder dafür aus, dass die chinesischen Sportler nicht schon im Vorfeld als Betrüger abgestempelt werden dürften.
„Es werden keine sauberen Spiele“, machte sich Digel, der zudem Ehrenpräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes ist, nichts vor. „Aber wir dürfen nicht mit dem Finger auf die anderen zeigen.“ Schließlich werde auch hierzulande gedopt. Und zunächst müsse man eben vor der eigenen Türe kehren. Als Beispiele erwähnte er Jan Ulrich und Katrin Krabbe. Der Fingerzeig auf China sei auch deshalb nicht gerechtfertigt, weil sich der Olympia-Ausrichter beim Thema Doping an den internationalen Maßstab angepasst habe und ausländische Kontrolleure mittlerweile auch kein Visum mehr bräuchten, um einzureisen, so Digel.
Was sicher zu bedenken sei, ist, dass Sportler hierzulande viel bessere Möglichkeiten hätten, als beispielsweise in China. Dort gibt es für sie oftmals keine andere Chance, als über den Sport ihr Leben zu finanzieren. In Deutschland könnten sich die Sportler auch wegen der diversen Fördermittel ein zweites Standbein aufbauen. Digel: „Zum Glück. Aber genau dort müssen wir ansetzen. Wir brauchen präventive, intelligente Lösungen, um Doping zu bekämpfen.“
Ein anderes Thema war der Leistungsgedanke, der hierzulande das Einzige zu sein scheint, was zählt. „Ich habe den Eindruck, es wird die nationale Katastrophe erklärt, wenn wir in der Leichtathletik keine Medaille holen oder aber wie zuletzt bei der Fußball-EM Zweiter werden“, ging Digel auf die oftmals überzogene Erwartungshaltung ein.
„Ich wäre nie zu Olympischen Spielen geschickt worden, wenn ich keine Endlauf-Chance gehabt hätte“, blickte der vierfache Olympia-Teilnehmer Christian Keller auf seine Karriere zurück. „Wir haben hierzulande den Anspruch, zu gewinnen“, fügte er an. Zumal die Förderung im deutschen Sport auf Leistung basiere. Keller selbst arbeitete neben seiner Schwimm-Karriere acht Stunden am Tag. Für viel mehr außerhalb des Sports und des Berufs blieb da nicht Zeit. „Deshalb bin ich Hochspringer geworden“, schob Moderator Carlo Thränhardt ein. Der seit 1988 amtierende Europarekordhalter im Hochsprung (2,42 Meter) gab der Veranstaltung mit seinen lockeren Sprüchen eine besondere Note.
Leistung solle nicht nur in Form von Medaillen gemessen werden, meinte auch der Präsident des Schwäbischen und des Deutschen Turnerbunds, Rainer Brechtken. „Ich halte nichts von Medaillenzählerei. Es geht um die vernünftige Balance“, sagte er. Seine Turner würden 35 Stunden pro Woche trainieren. Und wenn da am Ende Platz zehn herausspränge, sei das keine Enttäuschung. Zumal die anderen Länder aufgeholt haben. Und ein Fabian Hambüchen falle auch nicht so vom Himmel. „Er ist ein Glücksfall“, so Brechtken.
Die Situation weltweit im Sport habe sich geändert. Deshalb seien auch die Medaillengewinne der deutschen Athleten seit 1988 stets zurück gegangen, führte Digel aus: „In allen Ländern wird mittlerweile viel in den Hochleistungssport investiert.“ Und viele Länder konzentrieren sich nicht mehr auf das vollständige Angebot an Disziplinen, sondern selektieren, wo sie ganz gezielt fördern können, hat er erkannt.
Trotz all der Diskussionen freuen sich alle Experten auf das Großereignis in Peking. Schließlich sei es für Sportler das Größte, bei Olympia dabei zu sein. Abzuwarten bleibe allerdings sicher, wie die Spiele überhaupt nach außen getragen werden dürften – auch pressefreiheitlich. Nach anderthalb mit Information gefüllten Stunden beendete Harald Felzen, Mitglied des Vorstands der Kreissparkasse Ludwigsburg, die Diskussionsrunde.


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