Jury sieht kleine Fehler des Vaihinger Paars nicht
21/01 2010
Jury sieht kleine Fehler des Vaihinger Paars nicht
Vaihingen (nac). Die Spannung steigt ins Unermessliche. Martin und Martina Raus stehen gespannt auf dem Podium. Platz fünf wird vorgelesen. Es ist nicht ihr Name. Platz vier wird vorgelesen. Wieder nicht ihr Name. Auch der dritte Rang geht nicht an die Vaihinger. Der 50-Jährige und die 42-Jährige sind Vizeweltmeister im Country- und Western-Paartanzen.
Zwei Tage sind zwischen dem Wettkampf und der Siegerehrung vergangen. „Die Anspannung ist riesig“, berichtet Martin Raus. „Und die Aussagen von anderen Tänzern machen einen nur nervös. Die Einschätzungen gehen so weit auseinander.“ Und seine Frau Martina ergänzt: „In den zwei Tagen lassen die Jury-Mitglieder nichts raus.“ Und dann wird ihr Name als zweitletzter vorgelesen – Vizeweltmeister im Country- und Western-Paartanzen der World Country Dance Federation (WCDF). Sie mussten nur den Amerikanern Dorsey Napier und Helene Callmyr in ihrer Klasse Diamond Combined den Vortritt lassen – Altersklasse 40+ in den Leistungsklassen Novice (C-Klasse), Intermediate (B-Klasse) und Advanced (A-Klasse), die bei der WM in einer Gruppe zusammengefasst sind.
Umso größer ist die Erleichterung nach der Siegerehrung. Die ganze Anspannung fällt plötzlich von den Vaihingern ab. „Ich bin schlagartig müde geworden und wollte nur noch da raus“, erzählt Martina Raus. Und ihr Mann pflichtet ihr bei: „Jeder wollte uns gratulieren. Aber innerlich sagt man sich: Ich brauch erst einmal zehn Minuten, um das zu verarbeiten.“
Rund eine halbe Stunde hat sich das Tanzpaar in sein Zimmer zurückgezogen. Die Weltmeisterschaften fanden im Hotel De Koningshof im niederländischen Veldhofen bei Eindhoven statt. Danach wurde der Titel ausgiebig gefeiert. „Irgendwann kam ein Mann zu mir, hat mich in den Arm genommen und gesagt: ‚Ihr habt richtig gut getanzt‘“, sagt Martina Raus. „Erst mein Mann sagte mir später, dass das ein Juror war.“ „Und so eine Aussage ist nochmal eine Extra-Auszeichnung“, ergänzt der.
Dabei waren der gelernte Verkehrsfachwirt und die Krankenschwester überzeugt gewesen, dass sie zu viele Fehler gemacht hatten, um weit vorne zu landen. „Gleich im ersten Tanz bin ich in den Fransen des Kleids meiner Frau hängen geblieben“, erzählt Martin Raus. „Einmal sind wir von einem anderen Paar von der Tanzfläche gedrängt worden und mussten dadurch neu ansetzen. Und beim Walzer bin ich meiner Frau direkt vor den Juroren auf das Kleid getreten.“ Doch die kleinen Fehler, die für die Tänzer selbst fast den Weltuntergang bedeuteten, wurden von der Jury milde bewertet. Den Walzer sowie die Polka hat das Vaihinger Paar gewonnen. Zweiter wurde es in den Tänzen Triple-Two-Step und Westcoast-Swing. Auf Platz drei sahen die Juroren die Vaihinger in den Tänzen Two-Step und Eastcoast-Swing. Und auf Rang vier landeten sie in den Tänzen Nightclub-Two-Step und Cha-Cha-Cha.
Ausruhen auf den Lorbeeren gibt es für die Vaihinger nicht. Martin Raus: „Nach jedem Wettkampf denken wir über das Aufhören nach. Aber wenige Tage später sind wir wieder im Training.“ Als nächstes Ziel haben sie die Titelverteidigung bei der offenen deutschen Meisterschaft Ende März in Berlin angepeilt. Die vergangenen vier Jahre kam kein Paar an den Vaihingern vorbei. Außerdem will das Ehepaar ein regionales Tanzturnier für Country-und Western-Tänzer in Süddeutschland organisieren. „Das O.k. vom Verband haben wir“, sagt Martina Raus. „Aber dieses Jahr wird es wohl noch nichts. Der Verband hat viele Vorgaben, die wir einhalten müssen. Aber 2011 klappt es hoffentlich.“ Und als Fernziel steht die Weltmeisterschaft 2011 zwischen Weihnachten und Silvester im italienischen Mailand an.
Martin und Martina Raus sind Tänzer aus Leidenschaft und seit 2002 ein Paar auf dem Parkett. Der gebürtige Sulzbacher kam vor über 20 Jahren zum Country- und Westerntanzen. „Die Musikrichtung hat mir schon immer gefallen, und Freunde haben Linedance gemacht“, erinnert sich Martin Raus. „Mir hat das eigentlich überhaupt nicht gefallen. Ich habe das immer als Dressurtanzen abgetan.“ Seine Freunde hätten immer dagegengehalten: „Dir gefällt es nur nicht, weil du es nicht kannst.“ Daraufhin hat Martin Raus einige Zeit zugeschaut und dann mitgetanzt. „Irgendwann hat mich das Fieber gepackt“, erzählt der 50-Jährige.
Seine Frau Martina war schon immer tanzbegeistert. „Ich habe viel ausprobiert: Ballett, Standard- und Lateinturniere und auch mal eine Garde“, berichtet die Krankenschwester. Als sie eine Familie gegründet hat, hat sie aber eine Pause eingelegt. Doch irgendwann kribbelte es wieder in den Füßen. „Ein Freund hat mich zum Squaredance mitgenommen. Doch das fand ich ganz schlimm. Dass der Caller immer die Tanzfiguren angesagt hat, hat mich irgendwie nervös gemacht“, erinnert sich Martina Raus. Die Countrymusik hat sie aber nicht losgelassen. In Joe’s Country Hall in Renningen fand sie zum Linedance und dann auch in die Showtanztruppe von Martin Raus. „Linedance macht Spaß. Aber irgendwann kam die Steigerung zum Paartanzen. Das war einfach das nächste, was ich machen wollte“, sagt der Vaihinger. Aus der Beigeisterung zum Tanzen wurde bald mehr. Heute gibt das Paar bei der Tanzsportgemeinschaft Bietigheim, bei den Diggers Pforzheim und beim 1. TC Ludwigsburg Unterricht in Linedance. Paartanzstunden geben die beiden Vaihinger nur auf Anfrage.
Wissenswertes rund um Country- und Western-Tanzen
Country- und Western-Tanz
Unter dem Begriff Country- und Western-Tanz werden Tanzarten und Tänze zusammengefasst, die ihren Ursprung in den USA haben oder dort wesentlich geprägt wurden. Dazu gehören die Tanzformen Linedance, Squaredance und Paartanz.
Squaredance
Die Figuren basieren auf traditionellen Volkstänzen der verschiedenen Völker, die in die USA eingewandert sind. Jeweils vier Tanzpaare stehen sich in einem Square (englisch für Quadrat) gegenüber und führen zur Musik Bewegungen oder Figurenfolgen aus, die durch Ansagen von einem sogenannten Caller vorgegeben werden.
Linedance
Beim Linedance tanzen Menschen in Reihen vor- und nebeneinander. Der Stil entwickelte sich im 20. Jahrhunderts hauptsächlich in den USA. In der Regel gibt es zu jedem Musikstück eine spezielle Choreographie. Während Anfänger mit rund 20 Tänzen zu fast jeder Musik passende Schrittfolgen finden, beherrschen Fortgeschrittene oft mehrere hundert Tänze.
Paartanz
Dies ist ein Tanz, der von zwei Personen – in der Regel Mann und Frau – gemeinsam zu einer festgelegten Choreografie getanzt wird. Bei der Western- und Country-Paartanz-WM werden folgende Tänze gezeigt: Triple-Two-Step, Polka, Nightclub-Two-Step, Cha-Cha-Cha, Walzer, Two-Step, Eastcoast-Swing (Jive), Westcoast-Swing.
Two-Step
Der Two-Step (englisch für Wechselschritt) ist ein Paartanz, der vor allem in den Südstaaten der USA beliebt ist und nach schneller Cajun-Musik getanzt wird. Er hat Ähnlichkeit mit der Polka.
Jive oder Eastcoast-Swing
Jive ist eine Bezeichnung für einen Tanz, der vielfältige verwandte Vorläufer afroamerikanischen Ursprungs hat. Dazu gehören zu Beginn der 1930er Jahre Lindy Hop, Blues, Swing, in den 1940ern der Boogie-Woogie, Jitterbug, gefolgt in den 1950ern vom Rock ’n’ Roll. Charakteristisch für alle diese Tanzformen war und ist heute noch die stimulierende Musik.
Nightclub-Two-Step
Der Tanz wurde 1965 von dem damals 15 Jahre alten Buddy Schwimmer erfunden. Charakteristisch für den heutigen Nightclub-Two-Step sind seine fließenden Bewegungen. Seine Figuren ähneln den Rumba-, Samba- und Salsa-Figuren.
