Donnerstag, 24. Mai 2012

„Es ist ein Leben wie im Glashaus“




Christina Schwanitz
Die Sersheimer Kugelstoßerin Christina Schwanitz erzählt im Interview, wie es ihr nach den Olympia ergangen ist.

Sersheim – Ein halbes Jahr nach Olympia – wie geht es der Sersheimer Kugelstoßerin Christina Schwanitz nach dem Highlight? Ist der Alltag wieder bei ihr eingekehrt und welche Ziele hat sie überhaupt noch nach der Teilnahme an den Olympischen Spielen? Im Interview mit der Vaihinger Kreiszeitung beantwortet sie unter anderem diese Fragen.

Bei den Olympischen Spielen in Peking erreichten Sie mit 18,27 Metern den elften Platz im Kugelstoß-Finale und waren damals nicht zufrieden. Hat sich das ein halbes Jahr später geändert?
Wir haben mittlerweile die Fehler ausgemacht und analysiert. Unter anderem war die Vorbereitung für den Wettkampf nicht optimal. Es ist schade, dass es im Finale nicht geklappt hat, weil ich in der Früh bei der Qualifikation mit 19,09 Metern noch gezeigt habe, was eigentlich drin ist. Allerdings waren es meine ersten Olympischen Spiele und da ist man zum Gucken da. Mein Trainer hatte gar nichts anderes erwartet.

Ihr Verein, der SV Neckarsulm, ist – obwohl Sie mit Platz elf nicht zufrieden sind – zum Beispiel sehr stolz auf Sie.
Das stimmt. Bei einer Versammlung haben sie immer wieder meinen Wettkampf gezeigt und sich gefreut. Ich saß allerdings da und habe gedacht: „Ja, ich weiß, was ich alles falsch gemacht habe!“

Ihr Verein ist begeistert. Wie reagiert Ihr restliches Umfeld, zum Beispiel Ihre Klassenkameraden in der Berufschule?
Die wussten nicht, dass ich in Peking war. Wenn ich mich vorstelle, sage ich immer, dass ich nebenher ein bisschen Sport mache. Wen es interessiert, der fragt nach. Ich führe teilweise schon fast ein Doppelleben (lacht), denn ich muss meine sportlichen Erfolge nicht an die große Glocke hängen. Außerdem habe ich eine große Klappe, mit der ich viel kompensiere. Mit einem Witz können viele einfach besser umgehen.

Was nehmen Sie von den Spielen mit, abgesehen vom Sportlichen?
Ich habe vom Land zwar nicht sehr viel gesehen, aber es bleiben beeindruckende Bilder. Zum Beispiel, als ich einmal ums Vogelnest laufen musste, weil mich der Taxifahrer auf der falschen Seite raus gelassen hat. Es war dunkel, das Stadion beleuchtet und die Stahlträger waren so breit wie ich. Beeindruckend war auch die Disziplin der Chinesen. Von ihnen kann man wirklich etwas lernen. Insgesamt muss ich sagen: Peking war cool. Das fetzt und das machen wir wieder.

Sie sind nach Peking und dem Medienrummel um die Teilnehmer also nicht in ein Loch gefallen?
Nein. Ich hänge das nicht so hoch. Ich mache eine Ausbildung und gehe zur Schule. Der Sport ist mein zweites Leben. Außerdem gab es 2008 sehr viele schöne Momente. Zum Beispiel habe ich bei meiner ersten Teilnahme am Europa-Cup den Wettkampf gleich gewonnen. Ich kann auf meiner Leistung aufbauen. Ich bin eben ein Optimist. Bei mir ist das Glas immer halb voll.

Vor den Spielen in Peking wurden Sie vom Disziplinarausschuss des DLV verwarnt. Warum?
Weil ich mich zwei Tage zu spät abgemeldet habe. Wir Athleten müssen der Nationalen Anti-Doping-Agentur immer mitteilen, wo wir uns aufhalten. Das habe ich zu spät getan.

Das könnte allerdings böse Folgen haben.
Stimmt. Bei drei Verwarnungen ist das wie ein positiver Dopingtest. Wer drei Mal verwarnt wurde, wird für drei Monate gesperrt. Allerdings verfallen die Verwarnungen am Jahresende.

In Sachen Doping wirft das aber kein gutes Licht auf den Athleten.
Jeder, der mich kennt, der weiß, dass ich Doping absolut verachte. Aber die Leute schauen einen oft so an, als würde man etwas nehmen. Allen klar machen, dass das nicht so ist, kann man aber nie. Bei mir können die Kontrolleure jeder Zeit kommen, die werden nichts finden. Allerdings hat das den Preis, dass mein Leben nicht frei ist.

Inwiefern?
Ich muss im Sechs-Stunden-Rhythmus online eingeben, wo ich mich aufhalte. Nur deshalb habe ich mir einen Computer angeschafft. Es ist ein Leben wie im Glashaus. Ich würde lieber noch bei Mama wohnen, denn dort wird man nicht so stark kontrolliert.

Wie läuft es sonst gerade bei Ihnen?
Es ist sehr viel los, obwohl ich die Hallensaison auslasse. Im Juni stehen die schriftlichen Abschlussprüfungen ins Haus, im September die mündlichen. Dann bin ich mit meiner Lehre im Sersheimer Rathaus fertig. Das ist aber nur ein Grund, weshalb ich die Halle auslasse. Ich bin verletzt. Zum einen an der Hand, die ist überlastet, und zum anderen an der Schulter, die ich mir beim Gewichtheben gezerrt habe.

Dann trainieren Sie gerade gar nicht.
Doch, nur ohne Gerät. Dafür stehen Technik und Kraft auf dem Programm. Die Schulter muss da durch.

Wie sieht denn ein Tag von Christina Schwanitz aus?
Um halb sieben stehe ich auf. Eine Stunde später geht es in die Schule nach Esslingen. Anschließend muss ich nach Plochingen zum Arzt. Das dauert eine Stunde. Bevor ich endlich heim kann, stehen noch drei Stunden Training in Cannstatt und Physiotherapie in Sindelfingen an. Einmal in der Woche muss ich zudem noch zum Ernährungsberater und zwischendurch lernen, essen, einkaufen und den Haushalt machen. Da ist schon einiges an Disziplin notwendig.

Sie haben es vorhin angesprochen? Bald schließen Sie Ihre Lehre ab. Was haben Sie für die Zeit danach geplant?
Gerade bin ich dabei, von Sersheim nach Hohenhaslach zu ziehen. Ich würde nach meiner Ausbildung gerne in die Sportfördergruppe der Bundeswehr. Wenn das klappt, fängt am 1. Oktober die Grundausbildung an. Danach wäre ich in Cannstatt untergebracht, was wegen der Nähe zu meinem Trainer optimal wäre.

Und was sind Ihre Ziele für die Zukunft?
 Ich möchte 20 Meter konstant stoßen und einen guten Platz bei den Leichtathletikweltmeisterschaften in Berlin belegen, meine Ausbildung gut beenden und zur Ruhe kommen.

Und was ist mit den Olympischen Spielen 2012 in London?
Jetzt bleiben wir erst einmal bei Berlin. Das wird dieses Jahr der Saisonhöhepunkt. Dort möchte ich in den Endkampf und dem Publikum tollen Sport bieten.

Fragen von Eva Wirth




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