Anpfiff – Der Weg zum Schiedsrichter
20 Fragen in 40 MinutenDie Schiedsrichtergruppe Vaihingen jammert, dass es keinen Nachwuchs gibt, die Vereine schimpfen, wenn sonntags kein Schiri kommt – kann es denn wirklich so schwer sein, ein Fußballspiel zu leiten? VKZ-Redakteurin Eva Wirth geht dieser Frage in einem Selbsttest nach und besuchte einen Schiedsrichter-Neulingskurs. Bevor die 18 Teilnehmer allerdings zur Pfeife greifen dürfen, steht eine Theorieprüfung an.
Nervös spielen meine Finger auf meinem Oberschenkel Klavier. Ich kann meine Hände nicht stillhalten. Mein Magen fühlt sich währenddessen so an, als wenn die Achterbahn den höchsten Punkt überwunden hat und nach unten saust. Hätte ich doch nur mehr gelernt...
Gelernt habe ich tatsächlich nicht sehr viel. Gestern Morgen im Wartezimmer beim Arzt habe ich in unserem Regelordner gestöbert – so wie das halt in einer Praxis möglich ist. Heute in der Mittagspause habe ich meine Kollegen genervt: bitte fragt mich ab. Das war’s: mehr habe ich nicht getan.
Jetzt bereue ich es. Der Rest der Gruppe scheint die Sache lockerer zu sehen. Eine kurze Wiederholung wünscht außer mir niemand mehr. Die Prüfung wird im Vereinsheim des SV Horrheim stattfinden. Dort hat Lehrgangsleiter Hans-Jürgen Ferenz die Möglichkeit, uns weiter auseinander zu setzen.
Andreas und ich suchen uns gemeinsam einen Tisch. Neben ihm saß ich schon während des ganzen Lehrgangs. Dann werden die Prüfungsbögen verteilt. Mein Herz pocht gegen die Rippen, als möchte es die Knochen wegsprengen. Namen und Datum in die entsprechende Kästchen eintragen – wenigstens zwei Fragen sind richtig beantwortet – Galgenhumor.
Frage 1: Ein Spieler läuft unerlaubt aufs Spielfeld. Da steht noch ein bisschen mehr Text, aber die Antwort ist klar: Gelbe Karte und indirekter Freistoß am Ballort. Frage 2 ist auch in Ordnung. Dem ballführenden Spieler wird beim Kampf um den Ball hinten in die Beine getreten. Klare Sache: Rote Karte.
Die Fragen sind Baldrian für meinen Puls. Konzentriert gehe ich Frage um Frage durch.
Neben Hans-Jürgen Ferenz laufen auch Schiedsrichtereinteiler Eckhart Streckfuß und Jungschiedsrichterbetreuer Walter Buck durch die Reihen. Ich habe gerade die zweite Seite durch, als Bucks Finger auf Frage 7 deutet. Ich schaue ihn an, er schüttelt den Kopf. Natürlich! Meine Begründung ist falsch. Wie konnte ich das nur verwechseln? Zwei Kuli-Striche und die neue und hoffentlich richtige Antwort steht.
Auch bei Nummer 11 bin ich mir nicht sicher. Ich würde auf Freistoß entscheiden, aber indirekt oder direkt? Ballort oder Tatort? Gelb ist auf jeden Fall sicher. Ich spähe auf das Blatt meines Nebensitzers. Andreas hat indirekt und Ballort aufgeschrieben. Indirekt könnte stimmen, aber Ballort ist, glaube ich, falsch. Ich lasse Platz für die Antwort und mache weiter. Die liebsten Fragen sind mir die mit den Ja-/und Nein-Kästchen. 20 Minuten von insgesamt 40 sind schon rum. Ich habe die letzte der 20 Fragen beantwortet.
Also noch einmal von vorne – langsam und konzentriert. Peinlich, was ich da entdecke. Meine Entscheidung: Tor und Abstoß. Schnell mache ich aus dem b ein n. Hat zum Glück niemand gesehen. Dafür sieht Ferenz etwas anderes: „Ts, ts, ts. Da steht Elfmeter“, murrt er. Ok, einen Elfmeter gibt es in der Fachsprache nicht. Ich streiche meine Antwort durch und schreibe Strafstoß hin. Ob das wohl ein Fehler gewesen wäre?
Dann ist alles ausgefüllt. Ich nicke Andreas zu. „Ich habe nur eine Rote Karte“, flüstert er mir zu. Ich habe drei, antworte ich. Bei Frage 2, 6 und 16 gibt es einen Platzverweis. Dann schaut Walter Buck wieder bei uns vorbei. Andreas hat bei Frage 8 ein w notiert. „Das schreibst du lieber aus“, sagt Buck. „Ich war mir nicht sicher“, erwidert Andreas. „Schreib es lieber aus!!!“ Andreas hat den Hinweis verstanden.
Eigentlich bin ich fertig und mit meinen Antworten zufrieden, aber ich traue mich nicht, Ferenz den Bogen zu übergeben. Vielleicht entdecke ich ja noch was. Irgendwann nimmt er mir den Test aus der Hand. Wird schon passen.
Eigentlich habe ich ein gutes Gefühl, aber so ganz sicher bin ich nicht. Peinlich, wenn ich durchfallen würde. Es ist doch eine von diesen vermeintlich leichten Prüfungen. In der Ecke sitzt Ferenz, Seite um Seite, Bogen um Bogen kämpft er sich durch unsere Ausführungen. Die Sekunden auf der Uhr bewegen sich langsamer als ein Auto im Stau. „Bei einem sieht es gar nicht gut aus“, heißt es. Bei wem? Bei mir? Kann man da noch was machen?
Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, gibt Ferenz das Zeichen: Er ist fertig. „Bei drei musste ich schon schwer nach Punkten suchen“, schimpft er zunächst ein bisschen. „Aber, es haben alle bestanden.“ Die drei Sorgenkinder bekommen ihre Unterlagen zuerst. Volle Punktzahl habe keiner, fährt Ferenz fort. 59,5 von möglichen 60 ist das beste Resultat. Ferenz kommt auf mich zu und übergibt mir den Bogen. Ich bin Lehrgangsbeste. Das sowieso, ich bin ja die einzige Frau, aber ich bin auch besser als all die männlichen Jung-Schiedsrichter. „Ich rede kein Wort mehr mit dir“, raunt mir Harald Feierabend zu. „Und du wolltest noch eine Wiederholung.“
Während ich mein Glück noch gar nicht fassen kann und mich gerade noch abhalten kann, den ganzen Kurs zu umarmen, bekommen Lukas Knödler (59 Punkte), Kai Schlosser (58) und alle anderen ihre Tests ebenfalls zurück.
„Ich bin Schiedsrichterin“, frohlocke ich. Naja, noch nicht ganz. Die Prüfung habe ich zwar in der Tasche, aber das erste Spiel steht mir noch bevor. Und man weiß ja, Theorie ist nicht gleich Praxis. Wieder fangen meine Finger an, nervös zu zucken... Irgendwann in den nächsten zwei Monaten wird es so weit sein: Ich pfeife mein erstes Spiel. Man darf gespannt sein. Eva Wirth
