Donnerstag, 24. Mai 2012

Anpfiff – Der Weg zum Schiedsrichter


VKZ-Redakteurin Eva Wirth macht den Selbsttest und wird Schiedsrichterin.
Hans-Jürgen Ferenz (Mitte) und seine Schüler. 19 Teilnehmer hat der Schiedsrichter-Neulingskurs in Horrheim. Bevor die Neu-Schiris allerdings pfeifen dürfen, müssen sie zuerst Theorie pauken. Foto: Wirth

Horrheim (ev) – Die Schiedsrichtergruppe Vaihingen jammert, dass es keinen Nachwuchs gibt, die Vereine schimpfen, wenn sonntags kein Schiri kommt – kann es denn wirklich so schwer sein, ein Fußballspiel zu leiten? VKZ-Redakteurin Eva Wirth geht dieser Frage in einem Selbsttest nach und besucht seit Samstag einen Schiedsrichter-Neulingskurs.
„Wieso habe ich eigentlich immer solche idiotischen Einfälle? Die nächsten zwei Wochenende heißt es, die Schulbank drücken. Wie schwer wohl die Prüfung ist? Schaffe ich das und wie wird es wohl erst, wenn ich selbst auf dem Platz stehe?“ Mit solchen und vielen ähnlichen Gedanken beschäftige ich mich, als ich in meinem Auto sitze und es in Richtung Horrheim bewege. Das Ziel: Das Vereinsheim, in dem der Schiedsrichter-Neulingskurs stattfindet.
 Kurz vor Weihnachten kam mir nämlich die grandiose Idee, selbst Schiedrichter zu werden, um vielleicht den einen oder anderen Grund zu entdecken, warum der Unparteiische eine aussterbende Spezies zu sein scheint. Auch wenn die Idee am Anfang brillant schien, mittlerweile bereue ich es, mich darauf eingelassen zu haben. Zwei Wochenende sind verschenkt und obwohl ich normalerweise sagen möchte, dass ich das Fußballregelwerk beherrsche, habe ich das Gefühl, dass ich momentan nicht einmal mehr weiß, was Abseits ist.
Das Vereinsheim taucht vor mir auf. Zurück kann ich jetzt nimmer. Papier und Stift sind da – dann ab in die Höhle des Löwen. Drinnen wuselt es nur so von Schiedsrichtern und solchen, die es werden wollen. „Da, bedien dich“, sagt eine bekannte Stimme hinter mir. Walter Buck, Jungschiedsrichterbetreuer, deutet auf den ersten Tisch. Ordner, Zettel, Kuli, ein kleines Büchlein – das sieht nach viel Lesearbeit aus. Widerstandslos nehme ich alles und suche mir einen Platz.
Ich sitze neben Andi. Wie ich später erfahre, ist er vom TSV Kleinglattbach. Insgesamt hat der Kurs in diesem Jahr 19 Teilnehmer – überwiegend Männer versteht sich. Die einzige Ausnahme bin ich. Das kann ja lustig werden. Ansonsten sind viele Jungs da, die meiner Meinung nach noch keinen Führerschein besitzen und einige Männer, die den Kurs nur besuchen, damit sie ihren Trainerschein machen können.
Unser Lehrgangsleiter Hans-Jürgen Ferenz hat mittlerweile seinen Laptop angeworfen. „Die Voraussetzungen, um Schiedsrichter zu werden“, beginnt er seinen Vortrag. „Man muss 14 Jahre alt sein.“ Okay, diese Bedingung erfülle ich. „Die Mitgliedschaft in einem Verein.“ Auch dieses Kriterium schließt mich nicht aus. Die restlichen Punkte beziehen sich direkt auf den Kurs: Disziplin und Mitarbeit sind gefordert, nur während einer Einheit darf man fehlen – und die Hausaufgaben müssen erledigt werden. Hausaufgaben gibt es auch? Nicht nur ich schaue ungläubig. „Ja, und wenn wir mit dem Stoff nicht durchkommen, dann gibt es nächsten Mittwoch einen Sondertermin.“ Ob Hans-Jürgen Ferenz wohl immer so streng ist?
Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, denn jetzt geht’s wirklich los. „Jedes Spiel hat zwei gleichlange Hälften.“ Hoffentlich bleibt der Kurs auf diesem Niveau. Tatsächlich ist es so, dass ich vieles von dem, was ich höre, eigentlich schon kenne. Vieles ist logisch und dass ein Ball zwischen 410 und 450 Gramm wiegen darf, werde ich wohl auch noch in meinen Kopf bekommen. Doch es gibt auch Einiges, das mir bisher fremd war. Zum Beispiel wusste ich nicht, dass ein Fußballspiel auch ohne Tornetze stattfinden kann.
Die vier Stunden sind dann auch mehr oder weniger relativ schnell rum und auch die Aufgaben für zu Hause bleiben im Rahmen: Wir sollen nacharbeiten, was wir gelernt haben.
Langsam öffne ich meine Augen. Der Radiowecker auf meinem Nachtisch dudelt so fröhlich vor sich hin, als hätte er gerade im Lotto gewonnen. Langsam sortiere ich meine Gedanken. Es ist Sonntag. Die Uhr zeigt noch nicht einmal eine acht an – und ich soll aufstehen? Der Schiedsrichterkurs – ich bin in der Wirklichkeit angekommen – auch wenn meine Augen das Licht immer noch als Feind wahrnehmen.
Um 9 Uhr muss ich in Horrheim sein. „Und bitte pünktlich“, sagte Ferenz einen Tag zuvor. Viel Zeit zum Trödeln bleibt mir also nicht. Frühstück, duschen, anziehen und los. Mist, die Autoscheiben sind gefroren. Kratzen muss sein. Immer wieder flitzt mein Blick panisch auf die Uhr. Nur noch zehn Minuten. Endlich sind die Scheiben frei. Eine Minute vor neun erreiche ich meinen Stuhl neben Andi – und ich bin nicht die letzte.
Alle haben irgendwie dunkle Ringe unter den Augen. Hans-Jürgen Ferenz kennt aber kein Erbarmen. Wiederholung von Samstag. Wie entscheide ich, ob der Platz bespielbar ist? Wie viele Spieler müssen bei Spielbeginn auf dem Feld stehen? Wie bestrafe ich einen Spieler, der unerlaubt auf das Feld läuft? Das einen Tag zuvor Gelernte ist zum Glück noch da.
Heute geht es um Spielfortsetzungen. Eckball, Einwurf, Abstoß – ich wusste gar nicht, wie lange man darüber reden kann. Drei Stunden, eine kleine Pause inklusive, dann ist auch der zweite Teil rum. Dieses Mal gibt’s Arbeitsblätter als Hausaufgabe. Mein Vorsatz steht: ich werde die Aufgaben auf jeden Fall erledigen. Aber nicht gleich. Morgen vielleicht. Sieben Stunden Regelkunde an zwei Tagen sind ja auch genug für ein Wochenende...


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