Ludwigsburg (nac). Der vorläufige Tiefpunkt bei der EnBW Ludwigsburg ist erreicht. Durch die 74:75-Niederlage bei TBB Trier steht die Mannschaft von Trainer Steven Key erstmals auf einem Abstiegsplatz der Basketball-Bundesliga. Die Gründe für die Krise sind vielfältig. Einige sind aber auch hausgemacht, wie diese Analyse zeigt.
Die Basketballer der EnBW Ludwigsburg sind mit hohen Ansprüchen in diese Bundesligarunde gestartet. Erstmals seit der Saison 2006/2007 wollten sie wieder die Qualifikation für die Play-offs schaffen. Doch davon sind sie weit entfernt. Vielmehr hängt nun das Damoklesschwert Abstieg über der EnBW. Am heutigen Samastag steht daheim ein weiteres Kellerduell auf dem Programm. Die Fraport Skyliners (Tabellenplatz zwölf) gastieren um 19.30 Uhr in der Ludwigsburger Arena. Nach nur fünf Siegen in 19 Spielen – 13 der vergangenen Partien gingen verloren – stehen die Ludwigsburger erstmals auf einem Abstiegsplatz. Für die Misere gibt es vielfältige Gründe. Unsere Analyse beleuchtet fünf verschiedene Aspekte.
Mannschaft: Bei der Zusammenstellung des Teams vor der Saison wurde die Ausgewogenheit des Kaders vernachlässigt. Es fehlt den Ludwigsburger das, was die Amerikaner als „pure shooter“ bezeichnen, ein Scharfschütze. Kein Spieler der EnBW ist ausgewiesener Distanzschütze. Alle – egal, ob Jerry Green, Alex Harris, Mark Dorris, Jeff Greer, David McCray und Johannes Lischka – wollen ihre jeweiligen Gegenspieler mit einem Dribbling in Richtung Korb schlagen. Auch Donatas Zavackas, der mit 45 Prozent eine respektable Quote von jenseits der 6,75-Meter-Linie hat, ist eher jemand, der den Weg zum Korb sucht. Das macht es den gegnerischen Mannschaften leicht, die Ludwigsburger zu verteidigen. Alle Spieler der Konkurrenten können sich in Richtung Zone orientieren, um die Räume eng zu machen. Sie müssen keinem Ludwigsburger weit jenseits der Drei-Punkte-Linie auf den Füßen stehen, weil sie fürchten müssen, er versenkt fünf, sechs oder sogar noch mehr Distanzwürfe in Folge.
Neuzugänge: Bei einigen Verstärkungen lagen die Vereinsverantwortlichen voll daneben. Seth Tarver wurde bereits vor dem ersten Pflichtspiel wieder aussortiert. Der nachverpflichtete Terrel Harris konnte sich ebenfalls nicht durchsetzen. Sein Try-out-Vertrag wurde nach schwachen Auftritten nicht verlängert. In seiner Heimat fühlt sich der Guard mittlerweile wieder richtig wohl. In der Zwischenzeit spielt er in der nordamerikanischen Profiliga NBA für das Topteam der Miami Heat mit Stars wie LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh und hat die Chance auf einen Meisterring in der stärksten Liga der Welt. Auch Mark Dorris, mit vielen Vorschusslorbeeren von Phönix Hagen geholt, konnte noch nicht an seine Leistungen der Vorsaison anknüpfen. Vor der Saison war Markus Jochum überzeugt, dass sich Dorris auch in das mehr reglementierte Spielsystem der EnBW einfügen würde können. Doch der inzwischen entlassene Ludwigsburger Headcoach lag wohl falsch. Dorris braucht seine Freiheiten auf dem Platz, um seine ganze Gefährlichkeit zu entfalten. Und Kurt Looby hat auf der Centerposition auch noch nicht für richtige Entlastung für John Bowler gesorgt. Der als Shotblocker gefürchtete Looby hat zu oft mit Foulproblemen zu kämpfen, was seine Einsatzzeiten limitiert. Und in der Offensive ist er kein Faktor, so dass sein Verteidiger sich auf das Aushelfen konzentrieren kann.
Verletztenmisere: Mit dem engen Kader durften sich die Ludwigsburger keine größeren Verletzungen leisten. Doch genau das ist eingetreten. Aufbauspieler Green, Kopf der Mannschaft auf dem Feld, musste fünf Begegnungen wegen einer Sprunggelenksverletzung pausieren. Flügelspieler Harris fehlte der EnBW zuletzt wegen Rückenproblemen in Trier. Und Dorris plagt sich seit Wochen mit einer Knieverletzung, muss aber nicht im Vollbesitz seiner Kräfte auflaufen, weil Alternativen fehlen. Zu allem Überfluss hat es kurz vor der All-Star-Pause auch noch Bowler erwischt. Für den Center ist die Saison mit einer ausgerenkten Kniescheibe zu Ende. Die Ludwigsburger Verantwortlichen reagierten mit den Nachverpflichtungen von Anthony Fisher und Ermin Jazvin. Der 2,09 Meter große Bosnier Jazvin ist in der Barockstadt kein Unbekannter. Er spielte bereits von 2004 bis 2006 für die EnBW. Und Pointguard Fisher hat zumindest schon Bundesliga-Erfahrung. Er spielte bereits in der Saison 2009/2010 fünf Partien für die Frankfurt Skyliners.
Trainer: Markus Jochum war vor der vergangenen Runde als der Heilsbringer verpflichtet worden. Als aktiver Spieler verbrachte der ehemalige Nationalspieler die meiste Zeit seiner Karriere in der Barockstadt und gilt dort als Institution. Doch auch er trägt eine Mitschuld an der Misere, war er doch für die Zusammenstellung der Mannschaft verantwortlich. Und das war ihm nicht leicht gefallen, hatte er doch bis zu seinem Engagement in Ludwigsburg nur im Frauenbereich bei der KuSG Leimen als Cheftrainer gearbeitet. Außerdem schien mit zunehmendem Saisonverlauf die Chemie zwischen Trainer und Spielern nicht mehr gestimmt zu haben. Jochum coachte so, wie er es als Spieler gewohnt war: Seine Stammspieler hatten eine Einsatzgarantie, egal wie sie trainierten oder spielten. Seit seiner Demission im Dezember 2011 ist sein Assistent Steven Key aufgerückt. Der US-Amerikaner, ebenfalls früher Profi in der Bundesliga, hat bereits Cheftrainererfahrung bei den Gießen 46ers gesammelt. Doch auch er hat bisher nicht die Kehrtwende einleiten können, obwohl er einzementierte Strukturen aufbrach und seine Stars auch mal auf der Bank schmoren ließ. Seine Bilanz: nur ein Sieg aus sieben Spielen.
Nachwuchsspieler: Die Ludwigsburger verfügen mit dem Sportinternat, der Kooperation mit dem Zweitligisten Kirchheim Knights und der eigenen Amateurmannschaft in der Regionalliga Südwest/Süd über eine hervorragende Jugendarbeit. Die U-19-Mannschaft hat in der vergangenen Saison darüber hinaus nur knapp die Teilnahme am Final Four der Nachwuchs-Basketball-Bundesliga (NBBL) verpasst. Doch obwohl die Ludwigsburger Nachwuchsspieler schon für Furore gesorgt haben wie Besnik Bekteshi bei der U-17-WM in Hamburg schenken die EnBW-Trainer ihnen kaum Vertrauen in der Bundesliga. Erst jetzt mit der Verletztenmisere bekommt vor allem Tim Koch seine Minuten. Und der Shooting Guard zahlt das in ihn gesetzte Vertrauen mit guten Leistungen zurück. Es ist zwar immer ein zweischneidiges Schwert, in einer Krisensituation junge Spieler einzubauen. Aber schlechter als die Stammspieler können sie es auch nicht machen. Und wenn es die Stars nicht richten können, vielleicht können es die Jungen.
