Donnerstag, 24. Mai 2012

Als Deutscher Meister zu Olympia




Auf dem Sprung zur Deutschen Meisterschaft: Hürdenläufer Felix Franz in Ulm	Foto: Görlitz
Auf dem Sprung zur Deutschen Meisterschaft: Hürdenläufer Felix Franz in Ulm Foto: Görlitz

Kleinglattbach (rkü). Der 17 Jahre alte Leichtathlet Felix Franz aus Kleinglattbach ist Deutscher Meister über 400 Meter Hürden. Weil er in seiner Altersklasse die europäische Jahresbestleistung hält, ging er als Favorit in den Wettbewerb – und er hielt dem Druck stand. Am Donnerstag startet das Talent mit 70 weiteren Sportlern aus Deutschland zu den Olympischen Jugendspielen in Singapur.

Felix Franz hat am Wochenende einen der Höhepunkte seiner sportlichen Karriere erlebt. Deutscher Meister wurde er zum ersten Mal. In Ulm setzte er sich gegen 22 Altersgenossen der Jahrgänge 1993 und 1994 durch. Mit dem Rennen ist er dennoch nicht ganz zufrieden. „Bahn sechs, das ist ziemlich weit außen und für mich eine schlechte Bahn“, berichtet der 17-Jährige. „Eigentlich wollte ich nach der Hürde kurze Schritte machen und gut in die nächste rein kommen, aber dann ist im Finale alles anders geworden.“ Gereicht hat es trotzdem, Felix Franz ist Deutscher Meister.

Wichtig für einen guten Wettkampf ist dem Kleinglattbacher nicht nur, gesundheitlich und von der Kondition her topfit zu sein. Auch die Konzentration spielt eine große Rolle. Bei der Jugend-DM in Ulm war genau dies ein wenig problematisch. Aufgrund seiner hervorragenden Leistungen in diesem Jahr ging Franz als Favorit ins Rennen. „Ich habe den Kopf frei gehabt, bis ich ins Stadion gekommen bin“, sagt er. Dann wurden die Athleten kurz vor dem Start vorgestellt. „Das ging bei mir bestimmt drei Minuten lang und das hat bestimmt nicht dazu beigetragen, dass ich ruhiger geworden bin. Das ganze Stadion hat auf mich geschaut.“ Ungewohnt, unangenehm, auf jeden Fall nicht leistungsfördernd. So kam es, dass der 17-Jährige 1,8 Sekunden über seiner persönlichen Bestleistung blieb. Doch die war so gut, dass es dennoch zum Sieg reichte. Drei Zehntel vor dem Zweiten Max Scheible (TV Grenzach) lief Franz über die Ziellinie. Er spielte seine Stärke im Endspurt aus, nachdem er ausgangs der letzten Kurve noch hinten lag.

„Ich habe mich besonders darüber gefreut, dass ich dann auch noch zum besten B-Jugendlichen der deutschen Meisterschaft bestimmt worden bin und den Ehrenpreis der ,Freunde der Leichtathletik‘ bekommen habe“, sagt der Kleinglattbacher, der seine ersten Lebensjahre in Bietigheim verbracht hat. Darum startet er noch heute für den TSV Bietigheim (LG Neckar-Enz), bei dem er sehr gute Trainingsmöglichkeiten hat (siehe Artikel unten auf dieser Seite).
Dass Felix Franz zum Hürdenläufer der Spitzenklasse wurde, hat sich erst vor wenigen Jahren abgezeichnet. Mit viereinhalb Jahren fand er zur Leichtathletik und galt seitdem als vielseitiges Talent. Verschiedene Laufdisziplinen und den Hochsprung mag der junge Mann besonders gern. Springen soll er jetzt allerdings nicht mehr, um den Rücken zu schonen. Momentan ist er der zweitschnellste deutsche Jugendliche über 400 Meter. Seine Bestzeit im 200-Meter-Sprint bedeutet derzeit Rang sechs.

„Als Schüler bin ich die 300 Meter Hürden einfach mal zum Spaß gelaufen“, erinnert er sich. Dabei kam er ganz nah an den württembergischen Rekord. Von diesem Moment an legte er mehr Wert auf diese Disziplin. „Ich habe dann einmal die Woche was für die Hürden getan“, sagt er einfach. „Im zweiten Jahr bin ich Süddeutscher Meister bei den A-Schülern geworden.“ Das Training wurde intensiviert. 2009 wurde er Dritter bei der deutschen Meisterschaft der B-Jugend. Damals war er im jüngeren Jahrgang. Jetzt im älteren Jahrgang holte er den Titel. Im Mai hat er bei den Europäischen Jugendspielen in Moskau aufhorchen lassen. Er stellte einen deutschen Jugendrekord auf und erbrachte zugleich die Jahresbestleistung im europaweiten Vergleich. 51,07 Sekunden für die 400 Meter Hürden, das war eine Fabelzeit. „Wir hatten gehofft, dass ich dieses Jahr die 52 Sekunden schaffe“, sagt Franz rückblickend.

Der Sieg in Moskau war für den 17-Jährigen gleichbedeutend mit der Startberechtigung für die Olympischen Jugendspiele in Singapur. Diese beginnen am kommenden Wochenende und werden zum ersten Mal ausgetragen. Mehr als 3000 junge Sportler im Alter von 14 bis 18 Jahren kämpfen in zahlreichen Disziplinen um Medaillen. Der Wettbewerb soll künftig alle vier Jahre stattfinden, aber deutlich kleiner gehalten werden als die Olympischen Spiele der Erwachsenen. Die deutsche Mannschaft umfasst 70 Athleten, die am Donnerstag von Frankfurt aus nach Singapur fliegen. Felix Franz freut sich sehr darauf. „Da wohnen wir nicht in einem Hotel, sondern im Olympischen Dorf, Athleten aus vielen Ländern zusammen.“ Bis zum ersten Vorlauf am 19. August wird Franz trainieren – und sich erst einmal an das tropische Wetter mit 35 Grad Celsius und sehr hoher Luftfeuchtigkeit gewöhnen. An sich mag er es warm, aber nicht tropisch heiß. Der Endlauf steht am 23. August an. In diesem Lauf dabei zu sein, ist das erste Ziel des Kleinglattbachers. „Mein Traum ist natürlich schon eine Medaille bei Olympischen Spielen“, sagt er dann.

Ob alle Faktoren stimmen, die für einen Erfolg notwendig sind, zeigt sich erst unmittelbar vor dem Lauf. 400 Meter Hürden, das bedeutet vor allem auf den letzten Metern eine enorme Kraftanstrengung, für die entsprechende Motivation nötig ist. „Im Nationaltrikot zu laufen, spornt einen auch ziemlich an – finde zumindest ich“, sagt der 17-Jährige.
Im Spitzensport wird der junge Leichtathlet immer wieder auch mit dem Thema Doping konfrontiert. Noch gehört er nicht zu denjenigen, die rund um die Uhr für Dopingkontrolleure erreichbar sein müssen. Aber es zählt der Grundsatz, dass bei großen Wettbewerben mindestens der Sieger und ein zufällig bestimmter weiterer Teilnehmer des Endlaufs zur Dopingkontrolle müssen. Zu seiner eigenen Einstellung sagt Franz: „Ich könnte nicht auf dem Siegerpodest stehen und lachen, wenn ich gedopt hätte.“




Trainingseifer mit Verstand als Schlüssel zum Erfolg

Sechs Trainingseinheiten pro Woche sind für Felix Franz völlig normal. Nach der Schule geht es mit dem Zug ab nach Bietigheim ins Training. Auch Samstag und Sonntag stehen Trainingseinheiten auf dem Programm. Das Leichtathletik-Talent aus Kleinglattbach tut viel dafür, Höchstleistungen zu erbringen. Doch der 17-Jährige und sein Trainer Thomas Riegraf (LG Neckar-Enz) wissen: Wenn sie dem jungen Körper zu viel zumuten, erreichen sie allenfalls einen kurzfristigen Erfolg.

„Mein Körper ist doch gerade mal mit der Wachstumsphase fertig“, erklärt Felix Franz. „Das ist alles noch nicht stabilisiert und soll jetzt nicht extrem belastet werden.“ Eine ausgewogene Mischung ist das Erfolgsrezept. Trainingseinheiten sind notwendig, aber sie müssen dem Körper auch die Möglichkeit geben, sich zu regenerieren. Im Gegensatz zu manch anderem Talent, das sich früh verausgabt hat, bleiben Franz somit noch Steigerungsmöglichkeiten. Wenn er nächstes Jahr bei der A-Jugend startet oder später bei den Erwachsenen, sind zusätzliche Einheiten notwendig, um weitere Fortschritte zu erzielen. Die Laktaktschwelle herabzusetzen, die Sauerstoffaufnahme zu verbessern, den Muskel größer und leistungsfähiger auszuformen – all das sind Dinge, mit denen es das Gespann Franz/Riegraf nicht übertreiben will.

Trotz dieser selbst auferlegten Zurückhaltung gibt es immer wieder freudige Überraschungen. Das Leistungsvermögen des 17-Jährigen hat sich kräftig erhöht und er hat obendrein dem Druck standgehalten, den die Favoritenrolle bei der deutschen Meisterschaft mit sich gebracht hat. Und das, obwohl die DM gar kein zentraler Punkt im Trainingskalender des Kleinglattbachers war. „Die Vorbereitung auf eine zweigeteilte Saison ist sehr schwierig“, gibt er zu bedenken. Für die Europäischen Jugendspiele in Moskau wollte er im Mai topfit sein. Dieses Vorhaben ist gelungen, er lief eine Rekordzeit für seine Altersgruppe. Dann folgte eine Pause, um bei den Olympischen Jugendspielen Ende August wieder fit zu sein. „Die deutsche Meisterschaft habe ich in der Vorbereitung gerne mitgenommen“, sagt Franz. Dass er sie gewonnen hat, dürfte auch an der Ausnahmestellung liegen, die er in seiner Altersklasse hat. „Meine Bestzeit lag 2,5 Sekunden unter der meiner Konkurrenz“, erklärt er. Da war es für den Ausgang des Rennens ohne Bedeutung, dass er unter seinen Möglichkeiten blieb und nur um drei Zehntel die Nase vorn hatte. Er hofft darauf, in Singapur wieder auf den Punkt fit zu sein.

Ein größeres Problem ist für Felix Franz, dass er in einem Jahr sein Abitur am Friedrich-Abel-Gymnasium machen will und einen Teil seiner Trainingszeit ins Lernen investieren sollte. „Ich brauche kein Super-Bomben-Abi“, verkündet der Sportler. Aber den Schnitt leichtfertig vermasseln will er sich auch nicht. Darum plant er, in der Wintersaison 2010/2011 kürzer zu treten. „Zum Glück ist das Abi im März und das Trainingslager für die Sommersaison kurz danach in den Osterferien.“ Dann kann er wieder richtig Gas geben. Sein nächstes Ziel sind die U-20-Europameisterschaften im kommenden Jahr.

Bis dahin wird er noch ungezählte Kilometer unter die Spikes nehmen. Besonders reizvoll findet er die Technik, die Hürden zu überwinden. Runde für Runde. „Dir stehen zehn Hürden im Weg. Wenn du eine mitnimmst, dann war’s das.“ Der Zeitverlust im Rennen wäre zu groß. Im Training gehören blaue Flecken und Schürfwunden dazu. „Ich habe nicht mitgezählt“, sagt Franz. „Aber ich bin mindestens 100 Mal gestolpert und dabei sind bestimmt 20 Hürden zu Bruch gegangen.“ Er selbst blieb von ernsthaften Sportverletzungen bisher verschont.




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