Donnerstag, 24. Mai 2012

Wo die Freiheit grenzenlos ist




Eine VKZ-Praktikantin hängt in den Seilen – Melanie Otto hat einen Tandem-Fallschirmsprung mitgemacht und ist begeistert.	Foto: privat
Eine VKZ-Praktikantin hängt in den Seilen – Melanie Otto hat einen Tandem-Fallschirmsprung mitgemacht und ist begeistert. Foto: privat

Illingen/Weinheim (mot). Es ist ja nicht so, dass ich Beschreibungen anderer nicht trauen würde. Aber es gibt Erfahrungen, die man selbst machen muss. Glaubt man dem Liedermacher Reinhard Mey, muss die Freiheit über den Wolken grenzenlos sein. Ein Fallschirmsprung als Garant für Freiheit? Ich habe es ausprobiert und mich aus 3500 Metern in Richtung Erde gestürzt.


Ob es ein Wink des Schicksals war, dass mein erster Anlauf zum Fallschirmspringen aufgrund des schlechten Wetters ins Wasser gefallen war? Nein. Zumindest herrschte beim zweiten Anlauf strahlender Sonnenschein und am Firmament waren nur vereinzelte Wölkchen zu sehen. Auf also zum Sprungplatz nach Weinheim, einem der möglichen Orte für einen Tandemsprung.

Nachdem die Formalitäten geklärt waren, zwängte ich mich in einen grünen Fluganzug. Obwohl etwas zu lang, steigerte dieser die Spannung auf das gleich Kommende. Auf dem Boden absolvierte ich zusammen mit anderen Nervenkitzelwütigen eine Trockenübung zur Flughaltung und versuchte mir krampfhaft die Stellung einzuprägen, wie ich aus dem Flugzeug springen sollte: Kopf in den Nacken, Hände an die Gurte, Hohlkreuz. An sich kein Problem – zumindest auf dem Boden. Schließlich legte mir mein Tandemmaster Ade Hirschauer das Geschirr an und lächelte mir aufmunternd zu. Noch war die Welt für mich in Ordnung. Auch als ich – verpackt wie ein Geschenk – den Weg zum Flugzeug zurücklegte, ließ die Aufregung auf sich warten. Das lag vielleicht auch daran, dass mein Tandemmaster immer direkt neben mir lief und ich wusste, dass Mutter und Schwester nach der Landung auf mich warten würden.

Wesentlich zu meiner Beruhigung trug auch die Tatsache bei, dass Hirschauer, wir er mir auf dem Weg zum Flugzeug erklärte, bereits seit 25 Jahren regelmäßig Fallschirm springt. Er springt also schon sechs Jahre länger, als ich alt bin. Er hat schon ungefähr 5000 Fallschirmsprünge hinter sich. „Da werde ich wohl den einen überstehen“, dachte ich noch und schon saß ich im Flugzeug, einer Cessna 182. Zuvor hatte mir Hirschauer die Gurte richtig festgezogen.
Schon von außen sah das Sportflugzeug, das uns auf die gewünschte Höhe bringen würde, nicht gerade Vertrauen erweckend aus. Der Flug toppte jedoch alles: Es war laut, warm und eng. Auf keinen Fall zu vergleichen mit einem Linienflug. Dadurch, dass man die ganze Zeit den Wind rauschen hörte, war der Flug viel intensiver. Obwohl wir wie die Ölsardinen gequetscht im Rückraum der Maschine saßen – mein Tandemmaster und ich, ein anderes Paar und ein weiterer Springer – genoss ich die Aussicht.

Schon in 1000 Metern Höhe wirkte die Welt unter uns unendlich klein und das Leben dort unten schien unerreichbar weit weg. Trotz Smalltalk, bei dem wir uns gegenseitig anbrüllten, um gegen die Lautstärke des Windes anzukommen und einer beeindruckenden Aussicht auf Mannheim und die Dörfer im Umkreis, kam es mir wie eine Ewigkeit vor, bis der Zeiger des Höhenmessgeräts die 3500-Meter-Marke anzeigte. Später erfuhr ich, dass wir gerade einmal knappe 20 Minuten benötigt hatten, um diese Höhe zu erreichen.
Ganz nach dem Motto „Ladies first“, war es an mir, das Flugzeug als Erste zu verlassen. Vielen Dank. Es folgten die schlimmsten 20 Sekunden des Tages: Die Luke war geöffnet, der Wind rauschte unaufhörlich und ich musste auf das Trittbrett in 3500 Meter Höhe steigen. Obwohl mein Tandemmaster direkt an meinen Rücken gebunden war und ich eigentlich völlig schwindelfrei bin, stellte das definitiv eine Herausforderung dar. Zum Glück ging jetzt alles ganz schnell: kaum dass ich es versah, drückte uns der Wind vom Flugzeug weg und wir fielen der Erde entgegen.

Es war ein überwältigendes Gefühl. Vor lauter Adrenalin konnte ich weder schreien noch der Landschaft große Beachtung schenken. Im wahrsten Sinne des Wortes war es atemberaubend. Und prompt vergaß ich den Kopf in den Nacken zu legen. Hirschauer erklärte mir später, dass wir im freien Fall mit 200 Kilometer pro Stunde ungefähr 40 Sekunden lang auf die Erde zu fielen. Wie viele Kilometer wir in diesen 40 Sekunden zurücklegten, will ich lieber gar nicht wissen. Definitiv weiß ich jetzt aber, dass es ist ein Wahnsinnsgefühl ist, so atemberaubend wie unbeschreiblich.

Schneller als ich mich ans Fallen gewöhnen konnte, öffnete der Master den Schirm, der unseren Fall auf knapp 25 Kilometer pro Stunde bremste. Dementsprechend hart war auch der Ruck, als sich der Schirm öffnete. Das konnte mich nun aber auch nicht mehr schocken, außerdem hatte mich mein Tandemmaster vorgewarnt. Er ermöglichte mir nun eine bequemere Sitzhaltung, indem er die Beingurte lockerte. In dieser Haltung schwebten wir Mutter Erde entgegen und endlich hatte ich Zeit, die Landschaft aus der Vogelperspektive zu genießen.

Nach einer Weile drückte mir Hirschauer die Steuerseile in die Hand und überließ mir das Lenken. Gar nicht so leicht den 26 Quadratmeter großen Schirm in eine Richtung zu ziehen. Wir flogen Linkskurven, drehten uns rechts im Kreis und waren wahrscheinlich beide froh, dass uns nicht schlecht wurde. Nun konnten wir auch wieder den Flugplatz ausmachen, den wir zuvor aufgrund der Höhe aus den Augen verloren hatten. Schon von Weitem sah ich meine Mutter und Schwester aufgeregt winken. Nach ungefähr sieben Minuten endete mein erster Tandemsprung mit einer etwas unsanften, aber dafür umso witzigeren Landung, auf meinem Hinterteil. Kurz nach mir hatte auch der andere Tandempassagier, Matthias Deuchler, wieder festen Boden unter den Füßen. Im Flugzeug hatte dieser einen sehr entspannten Eindruck gemacht, jetzt war ihm die Begeisterung anzusehen.

Info und Kontakt beispielsweise unter www.sky-dive.de. Sprungplätze gibt es unter anderem in Mühlacker, Bruchsal, Malmsheim und Sinsheim. Wer an einem Tandemsprung teilnehmen möchte, sollte zwischen 10 und 90 Jahre alt sein, maximal 95 Kilogramm wiegen und mindestens 1,40 Meter groß sein.



Fallschirmspringen als Sportart - einige Disziplinen kurz erklärt

Zielspringen
Der Athlet versucht nach dem Absprung aus 1000 Metern über Grund durch feinfühliges Steuern des Schirms, mit der Ferse einen Punkt von nur zwei Zentimetern Durchmesser zu treffen. Abweichungen werden gemessen und direkt verglichen.

Stilspringen
Stil- oder Figurenspringen ist eine Freifalldisziplin. Der Sportler absolviert ein festgelegtes Bewegungsprogramm mit Drehungen und Saltos. Die Sprunghöhe beträgt 2200 Meter über Grund, es werden Geschwindigkeiten von mehr als 350 Kilometer pro Stunde erreicht. Die Figuren werden aufgezeichnet und anschließend bewertet.
Kappenfliegen
Über einem künstlich angelegten Wassergraben oder einem offenen Gewässer beschleunigen die Athleten durch eine Steilkurve in Bodennähe. Dann durchfliegen sie parallel zum Boden einen Parcours und sammeln dort Punkte.

Formationsspringen
Die am weitesten verbreitete Disziplin hat zum Inhalt, dass mehrere Springer im freien Fall verschiedene Formationen zeigen. Bei Viererformationen ist die Absetzhöhe etwa 3000 Meter, bei Sechserformationen etwa 4000 Meter. Am Ende der Freifallphase trennt sich die Gruppe, so dass jeder sicher und ungehindert landen kann. (rkü)




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