Donnerstag, 24. Mai 2012

Trainer sehen Technische Zone mit Skepsis




Hier geht es in Zukunft besonders eng zu. Auf dem Sportplatz des SV Riet gibt es keine Möglichkeit, eine Technische Zone mit deutlichem Abstand zum Spielfeld einzurichten.	Foto: Sattler
Hier geht es in Zukunft besonders eng zu. Auf dem Sportplatz des SV Riet gibt es keine Möglichkeit, eine Technische Zone mit deutlichem Abstand zum Spielfeld einzurichten. Foto: Sattler

Vaihingen (sv). Fußballtrainer haben den Ruf, an der Seitenlinie in manchen Spielen mehr Meter zurückzulegen als einige ihrer Schützlinge. Dieses Image scheint aber dem Tode geweiht zu sein. Denn auch in den unteren Amateurklassen wird die Technische Zone ab der kommenden Saison zur Pflicht.

Die Szenen aus dem Wiener Praterstadion sind vielen eingefleischten Fußballfans noch gut im Gedächtnis. Am 16. Juni 2008 trafen dort die deutsche und die österreichische Nationalmannschaft aufeinander und noch bevor der erste Ball im Tor gelandet war, kam es zu einer denkwürdigen Szene. Bundestrainer Joachim Löw und sein österreichisches Pendant Josef Hickersberger gerieten in einer Diskussion aneinander und wurden vom spanischen Referee Manuel Mejuto Gonzales auf die Tribüne geschickt. Grund für die Verbannung: Beide Trainer hatten ihre Coaching-Zone unerlaubterweise verlassen.

Es ist ein Szenario, das sich so zukünftig auch in Aurich oder Riet abspielen könnte. Denn der Württembergische Fußballverband (WFV) hat beschlossen, dass die Technische Zone – wie der Bereich offiziell heißt – künftig auch in den unteren Amateurklassen verpflichtend einzuzeichnen ist.
„Die Technische Zone erstreckt sich in einem Abstand von zehn Metern zur Mittellinie über sechs Meter und reicht in der Regel bis einen Meter an die Seitenlinie heran“, heißt es in einem von Verbands-Schiedsrichterlehrwart Horst Ebel aufgesetzten Erläuterungsschreiben. Falls es nicht genügend Platz hierfür gibt, darf die Zone ausnahmsweise auch direkt an der Seitenlinie enden. Dann seien, so das offizielle WFV-Dokument, nur die Begrenzungslinien an den Seiten zu markieren. Neben den auf dem Spielberichtsbogen aufgeführten Auswechselspielern dürfen sich außerdem acht Mannschaftsbetreuer hier aufhalten.

Hans-Ulrich Rähmer, Trainer des TSV Enzweihingen, ist dafür bekannt, bei seinem Job an der Seitenlinie einige Meter zurückzulegen. Dementsprechend wenig hält er von der neuen Regelung: „Mir ist es ohnehin ein Rätsel, wie diese Zone auf kleineren Sportplätzen markiert werden soll“, sagt Rähmer. Er wirft dem Verband vor, mit der Neuregelung abkassieren zu wollen: „Sobald ich diese beiden markierten Bereiche nicht habe, gibt es eine Meldung im Spielbericht und dann wird’s teuer.“
Insgesamt wird die Größe der Fußballplätze in den unteren Amateurklassen oft als Argument gegen die Einführung der Technischen Zone angeführt. Auf dem ein oder anderen Sportgelände, so der Tenor, würde der Platz zwischen Barriere und Außenlinie weniger als einen Meter betragen – zu klein, um einen Bereich abzugrenzen.

Auch Siegfried Blum, Übungsleiter beim TSV Kleinglattbach, sieht die Reform eher mit Skepsis: „Ich halte nicht arg viel von dem Ganzen. Für den Amateurbereich ist diese Coaching-Zone eher Belastung als Wohltat.“
Der Kleinglattbacher sieht ein ähnliches Problem wie Rähmer: „Wenn wir einen Meter Abstand halten müssen, stehen wir auf vielen Sportplätzen schon hinter der Barriere. Und wenn wir dann behelfsmäßig nur die seitlichen Begrenzungen markieren, ändert sich an der derzeitigen Situation ja kaum etwas.“ Blum fragt sich, wie er künftig Anweisungen geben soll: „Es gibt ja Momente im Spiel, in denen man beispielsweise seinen Verteidigern etwas sagen muss. Jetzt müssen die den weiten Weg zur Auswechselbank laufen.“

Ein ehemaliger Coach outet sich hingegen als Freund der neu eingeführten Zone. „Ich war als Trainer immer sehr emotional dabei, diese Regelung wäre also nichts für mich gewesen“, gibt Eckhart Streckfuss zu. Mittlerweile hat der Sternenfelser aber die Seite gewechselt und ist Obmann der Schiedsrichtergruppe Vaihingen. Als Unparteiischer begrüßt er die Coaching-Zone sehr. „Der Schiedsrichter muss jetzt nicht immer danach schauen, wo die Trainer gerade sind. Manchmal sind die ja laufbereiter als ihre Spieler und stehen dann irgendwann an der Eckfahne und brüllen ‚Abseits!‘“, erläutert der Vaihinger Obmann die Vorteile der neuen Regelung.
Angst, dass sich einer seiner Schützlinge mehr um das Geschehen in der Technischen Zone als um das auf dem Platz kümmern könnte, hat Streckfuss nicht: „Das wird darauf hinauslaufen, dass es von unserer Seite im Spiel eine einmalige Ansage gibt. Die kann man sogar schon in der Kabine machen.“ Viel wichtiger sei es darauf zu achten, dass jeder Schiedsrichter die Regelung konsequent umsetze.

Dieser geradlinigen Durchsetzung könnte allerdings ein Faktor im Wege stehen. Spiele im Bezirk Enz/Murr werden nämlich unter anderem auch von Schiedsrichtern aus Baden geleitet. Dort gibt es diese Technische Zone in den unteren Klassen (noch) nicht. Gerhard Schwörer, Vorsitzender des Fußballkreises Pforzheim, gibt sich allerdings zuversichtlich, dass dies kein allzu großer Stolperstein sein soll: „Ronny Zimmermann, Präsident des Badischen Fußballverbandes, steht in engem Kontakt mit seinen Kollegen aus Württemberg und Südbaden. Ich hoffe, dass von dieser Stelle derlei Änderungen diskutiert und an die Basis weitergegeben werden.“

Thomas Proksch, der beim WFV die Abteilung Spielbetrieb leitet, verteidigt die Einführung der Coaching-Zone: „In Bayern wurde diese Anweisung im vergangenen Jahr für alle Amateurklassen eingeführt und der Verband hat damit gute Erfahrungen gemacht.“ Proksch hofft darauf, „den Brennpunkt in der Nähe der Trainerbänke“ so zu entschärfen.
Den Bedenken einiger Vereinsverantwortlicher, der Platz reiche nicht für die Installation eines solchen Bereichs aus, kann er nicht folgen: „Zur Not nimmt man zwei Markierungskegel rechts und links, eine Bierbank und schon kann man auf jedem Dorfsportplatz eine Technische Zone einrichten.“ Proksch weißt zudem darauf hin, dass es nach wie vor erlaubt sei, die beiden Auswechselbänke auf gegenüberliegenden Seiten zu installieren.

Ob die Neuregelung tatsächlich den gewünschten Erfolg hat, müssen hitzige Partien während der Saison zeigen. Trainer Rähmer weiß jedenfalls schon jetzt: „Der Rasen in meiner Coaching-Zone wird relativ schnell zertreten sein.“ Aber das ist zu seinem Glück ja nach wie vor erlaubt.






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