Sersheim (ev). Ein Frau kommt aus dem Supermarkt und verstaut ihre
Einkäufe im Auto. Vor dem Eiscafé sitzen ein paar ältere Männer und
trinken Kaffee. Es ist Freitagvormittag in Sersheim. Es ist ruhig. Es
sind Sommerferien.
Ganz anders in Berlin. Heute beginnt hier die Leichtathletik-
Weltmeisterschaft. Sportler, Fans und Journalisten tummeln sich in
der Hauptstadt. Mitten drin ist Christina Schwanitz, die
Kugelstoßerin, die momentan noch Auszubildende im Sersheimer Rathaus
ist und bis vor Kurzem auch noch in der Gemeinde lebte, ehe sie nach
Hohenhaslach zog. Am Sonntag kurz nach zehn wird sie im Ring stehen
und versuchen, sich für das Finale am Sonntagabend (20.20 Uhr) zu
qualifizieren.
Und was sagen die Sersheimer dazu? Werden Sie am Sonntag vor dem
Fernseher sitzen, vielleicht sogar beim Public Viewing? Der Vaihinger
Kreiszeitung ist von solch einer Veranstaltung nichts bekannt. Auch
am Info-Point am Sersheimer Markplatz sind lediglich die Testspiele
des ortsansässigen VfR und ein paar andere Mitteilungen aus der Welt
der Vereine angepinnt.
Gerade kommt eine Frau kommt aus der Sparkasse. „Kennen Sie Christina
Schwanitz?“ Die Dame aus Sersheim verneint. Erst als das Stichwort
Kugelstoßen fällt, fällt der Groschen. „Ach, das ist doch die aus dem
Rathaus!“ Sie wird die Leichtathletik-WM verfolgen, vielleicht auch
den Kugelstoßwettbewerb. „Mal schaun“, sagt die Sersheimer und eilt
weiter.
Christina Schwanitz – auf Anhieb wissen viele in der Gemeinde
zwischen Bietigheim und Vaihingen nichts mit dem Namen anzufangen.
„Wenn es um Fußball gegangen wäre, hätte ich mehr gewusst“, sagt
Giuseppe. „Ich habe mit Sport nicht viel zu tun“, sagt Andreas
Kochendörfer. Jetzt da er aber weiß, dass Schwanitz in Sersheim
arbeitet, will er am Sonntag zuschauen und die Daumen drücken.
„Christina Schwanitz. Irgendetwas sagt mir der Name“, meint Gudrun
Schleßmann. Auch sie braucht das Stichwort Kugelstoßen, bevor es
Klick macht. Doch dann erinnert sie sich sogar daran, dass der
Wettkampf am Sonntag stattfindet. „Es ist doch schön, wenn so eine
berühmte Persönlichkeit im selben Ort wohnt“, sagt Schleßmann.
Wer suchte, der findet. Auch richtige Fans. „Natürlich kenne ich
Christina Schwanitz“, sagt Stefan Schweizer. Nicht persönlich, aber
er habe sie schon ein paar Mal in Sersheim und im Fernsehen gesehen.
„Eigentlich drücke ich allen deutschen Athleten die Daumen, doch mit
ihr hofft man natürlich mehr“, sagt der Sersheimer. Sein Tipp: „Eine
Medaille gibt’s nicht, aber einen Versuch über 19 Meter.“
Schwanitz’ persönliche Bestweite liegt bei 19,31 Meter. 2005 holte
sie bei der WM in Helsinki Platz neun, in Peking bei den Olympischen
Spielen wurde sie Elfte. In Berlin will sie die Qualifikation
überstehen und liebäugelt mit einem Platz in den Top Zehn. Zu den
Favoriten zählt sie aber nicht. Viel zugetraut wird zum Beispiel der
Weltranglistenersten aus Neuseeland Valerie Vili. Sie bringt 20,69
Meter als Referenz mit.
Dass es nicht Edelmetall wird, das sehen auch die Mitarbeiter im
Sersheimer Rathaus so. Bis Ende September ist Schwanitz dort noch in
der Ausbildung. Sylvia Gögel will am Sonntag auf jeden Fall
zuschauen, erst morgens und dann abends. „Ich gehe doch mal davon
aus, dass sie da am Start ist“, sagt Gögel. Auch ihre Kollegin Andrea
Kretschmer will nun – da sie von dem Wettkampftermin weiß –
zuschauen. Trotzdem: WM-Fieber ist bei den beiden noch nicht
ausgebrochen. „Wir sind ja auch die Fußball-Mütter.“
Ein Stockwerk weiter unten bei Iris Dieterich ist die Sachlage
ähnlich. Die Gemeindemitarbeiterin ist zwar sehr sportinteressiert
und wird auch die WM verfolgen, Schwanitz-Fieber ist allerdings nicht
ausgebrochen. „Bisher hatte ich eher mit der Personalsache Schwanitz
zu tun“, erklärt Dieterich. Denn die Athletin musste für diverse
Wettkämpfe freigestellt werden, unter anderem für Peking.
Die Euphorie hält sich in Sersheim in Grenzen, doch wenn Christina
Schwanitz am Sonntag einen guten Tag erwischt und einen Klasse Stoß
zuwege bringt, dann kennen am Montag ihren Namen sicherlich noch mehr
Leute, auch in Sersheim.
