Donnerstag, 24. Mai 2012

„Das ist doch die aus dem Rathaus“




„Das ist doch die aus dem Rathaus“
Leichtathletik-WM: Die Kugelstoßerin Christina Schwanitz startet bei der WM und einige Sersheimer fiebern mit

Sersheim (ev).  Ein Frau kommt aus dem Supermarkt und verstaut ihre  
Einkäufe im Auto. Vor dem Eiscafé sitzen ein paar ältere Männer und  
trinken Kaffee. Es ist Freitagvormittag in Sersheim. Es ist ruhig. Es  
sind Sommerferien.

Ganz anders in Berlin. Heute beginnt hier die Leichtathletik-
Weltmeisterschaft. Sportler, Fans und Journalisten tummeln sich in  
der Hauptstadt. Mitten drin ist Christina Schwanitz, die  
Kugelstoßerin, die momentan noch Auszubildende im Sersheimer Rathaus  
ist und bis vor Kurzem auch noch in der Gemeinde lebte, ehe sie nach  
Hohenhaslach zog. Am Sonntag kurz nach zehn wird sie im Ring stehen  
und versuchen, sich für das Finale am Sonntagabend (20.20 Uhr) zu  
qualifizieren.

Und was sagen die Sersheimer dazu? Werden Sie am Sonntag vor dem  
Fernseher sitzen, vielleicht sogar beim Public Viewing? Der Vaihinger  
Kreiszeitung ist von solch einer Veranstaltung nichts bekannt. Auch  
am Info-Point am Sersheimer Markplatz sind lediglich die Testspiele  
des ortsansässigen VfR und ein paar andere Mitteilungen aus der Welt  
der Vereine angepinnt.

Gerade kommt eine Frau kommt aus der Sparkasse. „Kennen Sie Christina  
Schwanitz?“ Die Dame aus Sersheim verneint. Erst als das Stichwort  
Kugelstoßen fällt, fällt der Groschen. „Ach, das ist doch die aus dem  
Rathaus!“ Sie wird die Leichtathletik-WM verfolgen, vielleicht auch  
den Kugelstoßwettbewerb. „Mal schaun“, sagt die Sersheimer und eilt  
weiter.

Christina Schwanitz – auf Anhieb wissen viele in der Gemeinde  
zwischen Bietigheim und Vaihingen nichts mit dem Namen anzufangen.  
„Wenn es um Fußball gegangen wäre, hätte ich mehr gewusst“, sagt  
Giuseppe. „Ich habe mit Sport nicht viel zu tun“, sagt Andreas  
Kochendörfer. Jetzt da er aber weiß, dass Schwanitz in Sersheim  
arbeitet, will er am Sonntag zuschauen und die Daumen drücken.
„Christina Schwanitz. Irgendetwas sagt mir der Name“, meint Gudrun  
Schleßmann. Auch sie braucht das Stichwort Kugelstoßen, bevor es  
Klick macht. Doch dann erinnert sie sich sogar daran, dass der  
Wettkampf am Sonntag stattfindet. „Es ist doch schön, wenn so eine  
berühmte Persönlichkeit im selben Ort wohnt“, sagt Schleßmann.
Wer suchte, der findet. Auch richtige Fans. „Natürlich kenne ich  
Christina Schwanitz“, sagt Stefan Schweizer. Nicht persönlich, aber  
er habe sie schon ein paar Mal in Sersheim und im Fernsehen gesehen.  
„Eigentlich drücke ich allen deutschen Athleten die Daumen, doch mit  
ihr hofft man natürlich mehr“, sagt der Sersheimer. Sein Tipp: „Eine  
Medaille gibt’s nicht, aber einen Versuch über 19 Meter.“

Schwanitz’ persönliche Bestweite liegt bei 19,31 Meter. 2005 holte  
sie bei der WM in Helsinki Platz neun, in Peking bei den Olympischen  
Spielen wurde sie Elfte. In Berlin will sie die Qualifikation  
überstehen und liebäugelt mit einem Platz in den Top Zehn. Zu den  
Favoriten zählt sie aber nicht. Viel zugetraut wird zum Beispiel der  
Weltranglistenersten aus Neuseeland Valerie Vili. Sie bringt 20,69  
Meter als Referenz mit.

Dass es nicht Edelmetall wird, das sehen auch die Mitarbeiter im  
Sersheimer Rathaus so. Bis Ende September ist Schwanitz dort noch in  
der Ausbildung. Sylvia Gögel will am Sonntag auf jeden Fall  
zuschauen, erst morgens und dann abends. „Ich gehe doch mal davon  
aus, dass sie da am Start ist“, sagt Gögel. Auch ihre Kollegin Andrea  
Kretschmer will nun – da sie von dem Wettkampftermin weiß –  
zuschauen. Trotzdem: WM-Fieber ist bei den beiden noch nicht  
ausgebrochen. „Wir sind ja auch die Fußball-Mütter.“

Ein Stockwerk weiter unten bei Iris Dieterich ist die Sachlage  
ähnlich. Die Gemeindemitarbeiterin ist zwar sehr sportinteressiert  
und wird auch die WM verfolgen, Schwanitz-Fieber ist allerdings nicht  
ausgebrochen. „Bisher hatte ich eher mit der Personalsache Schwanitz  
zu tun“, erklärt Dieterich. Denn die Athletin musste für diverse  
Wettkämpfe freigestellt werden, unter anderem für Peking.
Die Euphorie hält sich in Sersheim in Grenzen, doch wenn Christina  
Schwanitz am Sonntag einen guten Tag erwischt und einen Klasse Stoß  
zuwege bringt, dann kennen am Montag ihren Namen sicherlich noch mehr  
Leute, auch in Sersheim.




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