Vaihingen (jsv) – Florian Naroska bekommt auch jetzt noch teilweise Gänsehaut, wenn er an Olympia denkt. Vor allem die Eröffnungsfeier sei unbeschreiblich toll gewesen, erinnert sich der Vaihinger, der seit Montag wieder zurück in Deutschland ist. Zuvor war er mit der Wasserball-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Peking. Gestern stattete der 26-Jährige, den viele nur Bam Bam nennen, der Vaihinger Kreiszeitung einen Besuch ab.
Knapp vier Wochen war Naroska mit dem deutschen Team unterwegs. Zuerst sieben Tage im Trainingslager in Singapur und dann eben in Peking. Viel von China hat er nicht gesehen. Einmal sei er auf der Chinesischen Mauer und zudem auch auf dem Platz des Himmlischen Friedens gewesen, sagt er. Doch das war es dann auch schon. Die Konzentration auf die Spiele mit der Wasserball-Nationalmannschaft sowie die Vorbereitung darauf standen im Vordergrund. „Wir hatten jeden zweiten Tag ein Spiel, da blieb nicht allzu viel Zeit für anderes“, sagt der 1,98 Meter große Modellathlet.
Deshalb habe er auch kaum andere Sportarten sehen können. „Ins Vogelnest bin ich am Ende leider nicht mehr. Für die Veranstaltungen im Stadion habe ich keine Karten mehr bekommen. Ich hätte natürlich gerne noch viel mehr andere Sportarten gesehen, aber das ging nicht“, so Naroska. Sein Dasein als Zuschauer beschränkte sich deshalb auf das Hockeyfinale Deutschland gegen Spanien (1:0) und das Handball-Spiel Deutschland gegen Russland (24:24).
Mit dem Ergebnis bei seinen ersten Olympischen Spielen ist Naroska alles andere als zufrieden. „Sportlich war das eine Enttäuschung“, sagt er. Platz fünf bis acht hatten die deutschen Wasserballer nach dem fünften Rang 2004 in Athen ins Visier genommen – letztlich wurden sie Zehnter. „Wir haben auf der ganzen Linie versagt“, nimmt Verteidigungs-Spezialist Naroska kein Blatt vor den Mund. Nach Platz acht bei seiner ersten Weltmeisterschaft 2005 in Montreal, Platz neun bei den europäischen Titelkämpfen in Belgrad 2006 sowie Rang acht (WM in Melbourne) und zuletzt im Juni bei der EM im spanischen Malaga, wollte Naroska mit der Mannschaft auch in der chinesischen Hauptstadt Peking etwas reißen.
Es gelang aber nicht. Woran es gelegen hat, kann er hingegen nicht genau sagen, schließlich sei das Potenzial allemal da. „Irgendetwas ist falsch gelaufen. Vielleicht waren das aber einfach auch nur zu viele Highlights in diesem Jahr“, mutmaßt Naroska. Denn 2008 standen die Europameisterschafts- und die Olympia-Qualifikation sowie die beiden anschließenden Titelkämpfe an. Das sei sicher auch ein mentales Problem gewesen, meint er. Außerdem sei das Olympiaturnier, bei dem sich Ungarn gegen den Überraschungsfinalisten USA mit 14:10 durchsetzte, auch wieder extrem gut besetzt gewesen.
Da half auch die Unterstützung seiner Eltern Hannelore und Waldemar sowie Freundin Nina nicht, die alle nach China gereist waren. „Wir hatten nur zwei gute Spiele. Gegen Serbien, wo wir lange geführt haben, am Ende aber 7:11 verloren und gegen Italien, das wir 8:7 geschlagen haben“, sagt Florian Naroska. Zwar folgte noch ein 6:5-Erfolg über Gastgeber China, bei dem die Halle brechend voll gewesen sei, doch das sollte es dann auch schon gewesen sein. „Wir haben uns nicht gut gefühlt. Wir sind nicht ins Turnier gekommen und haben es zudem nicht geschafft, eine geschlossene Mannschaftsleistung abzuliefern. Vielleicht war der Kopf nach all den Ereignissen einfach zu voll mit Wasserball“, führt der Vaihinger weiter aus. Trotz des sportlichen Misserfolgs will er das Erlebnis „Olympia“ auf keinen Fall missen. „Es ist das Größte für einen Sportler, da dabei zu sein – und es war natürlich auch immer mein Ziel.“
Wenn Naroska von dem in Peking Erlebten erzählt, glänzen seine Augen. Auf einmal zeigt er auch seinen rechten Arm. „Da ist sie wieder, die Gänsehaut“, sagt er und blickt nochmals auf die Eröffnungsfeier zurück. „Die ist bombastisch gewesen“, erzählt er. Es habe lange gedauert, bis die deutschen Olympia-Teilnehmer endlich im Stadion ankamen. Begonnen hatte ihr Marsch in einer Turnhalle. Dann ging es rund 200 Meter Richtung Stadion und als sich der letzte Tunnel vor dem Einlaufen allmählich dem Ende zuneigte, habe er regelrecht gemerkt, bei Olympia angekommen zu sein, erzählt Naroska. Als dann das Olympische Feuer anging, war dieses Gefühl letztendlich da.
Dieses hielt dann auch die darauf folgenden zwei Wochen an, schließlich wohnte er im olympischen Dorf, umgeben von Sportlern. „Auch das ist einzigartig“, sagt Naroska, der als Center in der Verteidigung der Nationalmannschaft gesetzt ist.
Und wie hat die Wasserratte Olympia an sich erlebt? „Das war perfekt organisiert. Da ist nichts schief gegangen.“ Deshalb wundert es ihn auch nicht, dass er beispielsweise gar nichts von Protesten oder anderen Aktivitäten mitbekommen habe. „Uns wurde im Vorfeld bei einer Sicherheitseinführung gesagt, wir sollen keine Laptops benutzen und uns auch nicht wundern, wenn einmal etwas aus dem Zimmer verschwindet“, sagt er. Dies sei schon das ein oder andere Mal vorgekommen. Bei irgendwelchen Aufschrieben beispielsweise. Doch tags darauf seien diese dann wieder am alten Platz gelegen.
Es stellt sich natürlich auch die Frage wie ein Olympionike den Schritt zurück in den Alltag meistert. „Erst einmal mache ich zwei Wochen Urlaub“, erzählt Naroska. Danach geht es dann aber gleich turbulent weiter, denn fortan wird er für den deutschen Vorzeigeklub Wasserfreunde Spandau 04 Berlin spielen. Es steht also ein Umzug von seinem derzeitigen Wohnort Stuttgart in die Hauptstadt an. „Es ist der Zeitpunkt gekommen, hier unsere Zelte abzubrechen“, so Naroska, der im vergangenen Jahr für den SSV Esslingen ins Wasser ging. Baldmöglichst will er sich nun mit seiner Freundin in Berlin auf Wohnungssuche begeben.
Mit Spannung erwartet der gelernte Zimmermann den neuen Lebensabschnitt. In der dritten Septemberwoche geht das Training bei Spandau los. Zunächst hat Naroska einen Vertrag über ein Jahr mit einer Option für weitere Spielzeiten unterschrieben, doch was für ihn danach kommt, will er noch nicht festlegen. „Das lasse ich auf mich zukommen“, sagt er. Auch ein Wechsel ins Ausland liege dabei sicher im Bereich des Möglichen. Schließlich lasse sich in Italien viel mehr Geld verdienen als hierzulande, wo Wasserball eine oft unbeachtete Randsportart ist.
Vom Wechsel nach Berlin erwartet Naroska, dass er sich nochmals sportlich weiterentwickelt. Zumal Spandau im Europapokal spielt. Und das sei eben enorm wichtig und auch noch einmal verlockend. Auch im Hinblick auf Olympia 2012 in London? „Das weiß ich jetzt noch nicht, aber sicher wäre das wieder reizvoll“, so Florian Naroska.
