Sersheim – Jürgen Scholz ist Bürgermeister in Sersheim und Präsident des Württembergischen Leichtathletik-Verbands (WLV). Morgen, wenn die Kugelstoßerin Christina Schwanitz an den Start geht, guckt er aus zweierlei Hinsicht ganz genau hin, denn Christina Schwanitz ist nicht nur eine der baden-württembergischen Athleten, sie kommt zudem aus Sersheim. Was er dazu sagt und was er sonst von den Olympischen Spielen hält, erzählt er im VKZ-Interview.
Sie haben ja gar keinen Fernseher in Ihrem Büro? Interessieren Sie die Olympischen Spiele nicht?
Doch, natürlich. Ich verfolge alles über den PC. Ein Live-Ticker hält mich auf dem Laufenden.
Warum sind Sie eigentlich nicht in Peking?
Dafür ist der Deutsche Leichtathletik-Verband zuständig. Außerdem leiste ich gerade Basisarbeit. Am Wochenende finden in Thüringen die Süddeutschen Meisterschaften statt. Da bin ich dann vor Ort. China hat mich auch gar nicht gereizt. Es soll heiß und feucht sein. Da schwitzt man nur so viel.
Aber im Olympia-Fieber sind Sie?
Das ist falsch ausgedrückt. Ich interessiere mich dafür, sonst würde wohl kaum der Live-Ticker während der Arbeitszeit laufen. Ich habe mir auch zum ersten Mal überhaupt eine Eröffnungsfeier angeschaut und ich fand es richtig toll.
Woran liegt es denn, dass bei vielen gar keine olympische Stimmung aufkommen will?
Ich denke, dass die Faszination größer wäre, wenn die Zeitverschiebung nicht wäre und die Wettkämpfe zu Zeiten kommen würden, mit denen wir Mitteleuropäer uns leichter tun.
Was machen Sie eigentlich heute Nacht um drei Uhr?
Da bin ich schon in Thüringen, aber wahrscheinlich sitze ich vor dem Fernseher, auch wenn es schwer fällt.
Wegen des Kugelstoß-Wettbewerbs, an dem Christina Schwanitz teilnimmt?
Genau. Und ein paar Stunden später sitze ich wahrscheinlich wieder davor – wenn es sich mit den Süddeutschen kombinieren lässt.
Dann gehen Sie davon aus, dass sich Christina Schwanitz für das Finale qualifiziert.
Ja, sie hat so ein Pfund drauf, dass sie eigentlich sicher unter die ersten Zwölf kommen müsste.
Und dann?
Das kommt darauf an, wie sie in den Wettkampf kommt. Ich denke, Platz acht wäre ein Traumergebnis für sie, vor allem, wenn man den Weg betrachtet, den Christina gegangen ist.
Christina Schwanitz ist Auszubildende bei Ihnen im Rathaus. Wie ist es, wenn Sie ihr auf dem Gang begegnen?
Natürlich frage ich ab und zu, wie es im Training läuft, aber ich versuche mich wenig einzumischen. Wir haben auch im Vorfeld keine Abschiedsfeier gemacht. Da hatte sie bestimmt anderes zu tun. Einen offiziellen Empfang gibt es, wenn sie zurück kommt.
Im Vorfeld der Olympischen Spiele war sie sicherlich oft freigestellt. Gibt es da keine bösen Worte der Kollegen, weil sie Christinas Arbeit mitmachen müssen?
Bei einer Auszubildenden fällt das nicht so ins Gewicht. Außerdem gönnen es ihr alle und freuen sich mit ihr.
Wie ist es eigentlich für einen Bürgermeister, wenn einer seiner Bürger bei Olympia ist?
Das ist etwas ganz Besonderes, vor allem, weil es auch das erste Mal ist. Ich habe das mal in Kornwestheim mit einem Ringer erlebt. Über den hat man noch viele Jahre gesprochen.
Sind Sie denn schon ein bisschen nervös?
Noch nicht. Die Anspannung wird noch kommen, wenn die Leichtathletik-Wettbewerbe beginnen. Es sind ja einige Athleten aus Baden-Württemberg dabei.
Wer hat denn Chancen, vorne dabei zu sein?
Grundsätzlich hoffe ich, dass wir gut abschneiden. Mit wir meine ich die Deutschen im Allgemeinen und die Baden-Württemberger im Besonderen. Aber zu Ihrer Frage: Christina Obergföll, die an ihrem Geburtstag startet und Steffi Nerius haben gute Chancen und Nadine Kleinert kann eine Bronze-Medaille holen, wenn sie gut in den Wettkampf kommt.
Als WLV-Präsident und Ex-Leichtathlet interessiert Sie die Leichtathletik sicherlich besonders, wie sieht es mit anderen Sportarten aus?
Ich habe Fechten, Kanu, Ringen und einiges anderes angeguckt. Das ist das Tolle an Olympia. Man schaut auch Sportarten, die man sonst eher nicht beachtet.
Stört es nicht, dass es immer wieder Gerüchte um Doping gibt?
Das ist das Schlimme an den Spielen. Höchstleistungen werden immer gleich kritisch betrachtet. Freude sieht anders aus.
Ist die Skepsis nicht berechtigt?
Wenn die Bestleistungen so eklatant sind schon. Normalerweise verbessern sich Bestweiten und -zeiten nur langsam. Ich hoffe, dass die Sportler sauber sind und sich wirklich nur von Cornflakes ernähren.
Gerade die Leichtathletik ist immer wieder von Doping betroffen...
...dabei gibt es hier die größte Kontrolldichte.
Sie freuen sich also trotzdem?
Natürlich. Ich werde mir jetzt auch noch mehr Olympia anschauen. Ich habe jetzt ja Urlaub.
Interview: Eva Wirth
