Donnerstag, 24. Mai 2012

Zittern mit dem Sohn – Vaihinger bei Olympia


Florian Naroska ist mit der deutschen Wasserball-Nationalmannschaft in China – Eltern fiebern vor dem Fernseher mit.
Gebannt schaut Waldemar Naroska auf den Bildschirm. In Peking kämpft sein Sohn mit der deutschen Wasserball-Nationalmannschaft um Siege. Fotos: Wirth

Er kann nicht mehr ruhig sitzen, richtet sich auf, lehnt sich wieder zurück. Sie hat ihre Hände gefaltet, schaut gebannt auf den Bildschirm und schimpft ab und zu. Hannelore und Waldemar Naroska sitzen vor dem Fernseher. Es ist gerade 11 Uhr – eigentlich noch keine Zeit, um schon in die Röhre zu gucken. Doch momentan ist alles anders. Es ist Olympia. Da klingelt der Wecker auch mal mitten in der Nacht. Verpassen wollen die Naroskas nichts, vor allem nicht die Spiele der deutschen Wasserball-Nationalmannschaft. Denn da spielt ihr Sohn Florian mit.
Schon lange bevor das Spiel gestern angepfiffen wurde, haben in Vaihingen die Vorbereitungen dafür begonnen. „Wo wird das Spiel übertragen?“, lautete die wichtigste Frage. Sohn Jan rief beim Fernsehsender an, das Internet wurde durchforscht, bis feststand „Deutschland – China“ ist auf „einsfestival“ zu sehen. Da standen die Naroskas vor dem nächsten Problem. Bisher stand dieser Sender nicht auf ihrer Programmliste. Selbst der technischversierte Nachbar konnte nicht helfen, aber Hannelore Naroska blieb hartnäckig, bis endlich das Programm auf der Mattscheibe aufleuchtete.

Danach wurden Familie, Freunde und Bekannte informiert. „Es waren bestimmt 20 Leute, die ich angerufen habe“, sagt Hannelore Naroska. Doch selbst dann klingelte immer noch ständig das Telefon. „Naroska?“ – „Auf ,einsfestival‘ oder im Internet!“ und schwups sitzt die gelernte Krankenschwester vor dem PC und gibt den Namen der Seite durch.
Im kleinen Raum nebenan, wo zwei gemütliche Sofas und der Fernseher stehen, passt ihr Mann derweil auf, dass die Wasserball-Übertragung nicht ohne die Vaihinger beginnt. „Es geht los“, ruft er plötzlich. Seine Frau stürzt herbei. Das erste Viertel ist schon fast vorüber. China führt mit 2:0. „Dass kann doch nicht sein“, fluchen die Naroskas. Deutschland erzielt den Anschlusstreffer. Hannelore Naroska schreit auf. „Weiter so! Hopp, hopp!“
Fast immer gucken die Eltern zu, wenn ihr Sohn durchs Wasser pflügt und mit seinen Gegnern um den Ball ringt. Bei nahezu allen Bundesliga-Heimspielen sitzen sie auf der Tribüne – egal ob es früher in Cannstatt war oder in Esslingen. Auch wenn Florian bald für die Berliner Mannschaft Spandau auflaufen wird, werden sie – so oft es ihnen möglich ist – zugucken.

Die Vorrundenspiele bei Olympia gibt’s nur via Bildschirm, aber am Freitag sitzen die Eheleute gemeinsam mit Florians Freundin im Flieger nach China, Karten für ein Wasserballspiel hat der Junior schon besorgt. „Vielleicht bekommen wir auch noch Karten für andere Wettkämpfe“, hofft Mutter Naroska, im Nationalstadion, dem „Vogelnest“, zum Beispiel, oder im tollen Wasserwürfel.

Im Schwimmbecken hat Deutschland mittlerweile den Ausgleich erzielt, geht sogar in Führung – doch nur kurz. „Auf Buben, geht ran! Die sind immer viel zu weit vom Tor entfernt“, analysiert die Mutter. Plötzlich ist Florian Naroska in Großaufnahme zu sehen. Momente, in denen die Eltern Gänsehaut bekommen. Hannelore Naroska sieht ganz genau hin, schaut, in welcher Stimmung Florian ist. Sie kenne doch ihr Kind. „Ganz das Gesicht des Vaters, oder?“, meint die Mutter nicht ohne Stolz in der Stimme.
Stolz – das ist ein Wort, dass die beiden eigentlich nicht so gerne verwenden. „Wir freuen uns sehr für Florian“, sagen sie. Er habe viel Arbeit und Disziplin investiert, in vielen Jahren. Familiär hätte er zum Beispiel einiges wegstecken müssen. So sei er nicht bei der Hochzeit seines Bruders gewesen, auch die Feier zum 50. Geburtstag der Mutter hatte er verpasst.

Dafür hat er jetzt die Eröffnungsfeier der Olympischen Spielen erlebt. Es sei gigantisch für ihn gewesen, berichten die Eltern. Worte habe der Junior keine dafür gefunden. Mutter und Vater haben ihn aber gleich auf dem Bildschirm entdeckt und der Bruder hat alles aufgezeichnet.
Auch wenn die Naroskas noch in Vaihingen sind, sind sie hautnah dabei. Fast täglich meldet sich Florian telefonisch, berichtet vom Leben im olympischen Dorf, vom Aufeinandertreffen mit Basketball-Star Dirk Nowitzki, dem leckeren Essen und den hilfsbereiten Gastgebern.
Und vor dem Fernseher erleben die Eltern das Sportliche mit. Mittlerweile ist das vierte Viertel angebrochen. China hat gerade den 5:5-Ausgleich erzielt. Da klingelt schon wieder das Telefon. Hannelore Naroska scheint zwar so leicht nichts aus der Ruhe bringen zu können, aber dieses Mal klingt sie leicht genervt, als sie einer Arbeitskollegen schnell klar macht, dass sie gerade keine Zeit hat und dass das Spiel auf „einsfestival“ übertragen wird.

Ihr Mann kann schon fast nicht mehr hingucken. Nicht weil Wasserball ein harter Sport ist. Daran haben sich die Eltern gewöhnt. „Ohne Blessuren geht es eben nicht.“ Es liegt daran, dass die Partie nicht hätte spannender sein können. Waldemar Naroska ist während der Partie immer ruhiger geworden. Manchmal hält er es mehr aus, dann geht er mit dem Hund raus.

Dieses Mal bleibt er, knetet nervös seine Hände und rutscht hin und her. 6:5 – ein „Kullertor“. Hannelore Naroska stöhnt. „Da kann man echt Herz-Kreislauf-Probleme bekommen.“ Spannung bis zum Schluss. Deutschland gewinnt, zufrieden sind die Eltern mit dem Team allerdings nicht: „Hauptsache gewonnen“, sind sie sich dann aber einig, während ihr Sohn über 10000 Kilometer weit weg aus dem Becken steigt. Am Donnerstag ist das nächste Spiel mit deutscher Beteiligung. Zeit zum Luftholen. Nach vier Vierteln sind die Eltern nämlich fast so kaputt wie der Sohn – atemlos und ein bisschen verschwitzt.     Eva Wirth


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