Donnerstag, 24. Mai 2012

Der Himmel in Peking scheint viel höher


Peking
Noch nicht im Olympia-Fieber: Da Bing Chin mit Sohn Phillip (links) und seine Frau Li Hong Wang mit Sohn Felix. Fotos: jsv

Vaihingen (jsv) – In Baden-Württemberg leben laut statistischem Landesamt 11139 Chinesen, im Kreis Ludwigsburg sind es 484. Und rund eine Handvoll Familien sind in Vaihingen ansässig. Eine davon haben wir im Vorfeld der Olympischen Spiele in Peking besucht.
Es ist schon etwas Besonderes, dass die 29. Auflage der Olympischen Spiele erstmals in China stattfindet. Das wissen auch Da Bing Chin und seine Frau Li Hong Wang. „Wir sind stolz, dass die Spiele nach China vergeben wurden“, sagen sie. Dennoch: Die große Olympia-Euphorie ist bei den beiden noch nicht ausgebrochen. Auch bei ihren beiden Söhnen Phillip, der auf chinesisch Yi Hao heißt, und Felix (Yi Hui) nicht. Sicher auch, weil die beiden mit sechs und drei Jahren noch zu klein dafür sind und wenn, dann lieber Kinderfernsehen schauen als Sport, wie Phillip, der Ältere, sagt.
Doch die Eltern müssten doch eigentlich Olympia schauen, vor allem, weil sich ihr Land damit zum ersten Mal der Weltöffentlichkeit präsentiert. Chin winkt ab. Er schaue schon gern Fußball und sicher auch den ein oder anderen Wettbewerb in Peking, aber extra nachts aufzustehen – „nein, das mache ich nicht. Wenn, dann schaue ich, wenn ich mal Zeit habe oder zufällig hängen bleibe“, sagt er. Ähnlich verhält sich das bei seiner Frau, die mit Sport ebenfalls kaum etwas am Hut hat. Kein Wunder also, dass den beiden außer dem in China omnipräsenten Basketballer Yao Ming auf Anhieb kein weiterer chinesischer Sportler einfällt. „Nein, da muss ich passen“, sagt Shin nach längerem Überlegen. Und auch Wasserballer Florian Naroska und Kugelstoßerin Christina, die beiden Olympioniken aus der näheren Umgebung, sind ihnen kein Begriff.
Der Bessere
soll gewinnen
Chin hält es aus sportlicher Sicht olympisch. „Der Bessere soll gewinnen“, sagt er. Zwei Präferenzen hat er aber doch, schließlich ist der 30-Jährige in China geboren, lebt mittlerweile seit 19 Jahren in Deutschland und hat auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Seit vier Jahren lebt er nun mit seiner Familie in Vaihingen, nachdem er zuvor 15 Jahre in Berlin zu Hause war. „Ob China oder Deutschland, das ist mir eigentlich egal“, schränkt er seinen persönlichen Favoritenkreis ein. Dann fallen ihm auf einmal doch noch einige sportspezifische Sachen ein. „Auf die chinesische Frauen-Fußball-Nationalmannschaft bin ich stolz. Die ist 1999 in den USA Vizeweltmeister geworden“, sagt er. Im gleichen Atemzug erwähnt er die typischen Sportarten, in denen China seit Jahrzehnten glänzt, wie Tischtennis und Federball.
Chins Frau kommt aus Peking. Sie prophezeit ebenso wie ihr Mann harte Olympische Spiele für die Athleten. Denn die klimatischen Bedingungen würden Menschen, die sie nicht gewohnt sind, schon arg zu schaffen machen. Außer permanenten 35 Grad Celsius herrscht in Peking eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit.
Seit 2000 lebt Wang in Deutschland, wo sie damals in Berlin Japanisch und Germanistik studiert hat. Aus Berlin kennt sie auch ihren Mann. Anders als bei diesem ist Wangs Familie noch in China. Diese besucht sie ab und an. Erst im vergangenen Jahr war sie für vier Wochen mit ihrem Sohn Phillip in Peking. Und dort schaute sie sich die Olympiaspielstätten an. „Die sind sehr schön und gelungen“, sagt sie. Den Kontakt zu ihrer Familie pflegt sie via Internet oder per Telefon. Und daher weiß sie auch, dass die meisten Chinesen „Olympia schauen“ und sehr stolz auf die Veranstaltung sind.
Eine andere Kultur mit
ganz anderen Werten
Zum Thema Politik und China will sich das Ehepaar am besten gar nicht äußern. Von Politik verstehe ich nicht viel“, sagt Wang. Man müsse eben einfach verstehen, dass es sich um eine ganz andere Kultur, mit ganz anderen Werten handele. Man dürfe China nicht immer nur aus westlicher Sicht sehen. Und wenn man das täte und zudem die Hintergründe richtig kennen würde, würde man auch einiges ganz anders deuten und viel besser verstehen. Ähnlich verhalte es sich beim Thema Tibet – denn auch hier gibt es zwei verschiedene Meinungen, die aufeinander treffen Die zuletzt negativen Presseberichte können sie deshalb auch nicht nachvollziehen.
Das Ehepaar Chin und Wang betreibt zwei chinesische Restaurants – eins in Sachsenheim und eins in Vaihingen. Für Wang sei der Umzug hierher eine enorme Umstellung gewesen. Vor allem, weil Peking eben „ganz anders“ ist. Dennoch gefällt es ihr hier mittlerweile sehr gut. Eine Sache vermisst sie aber doch, denn Peking vermittele ein ganz besonderes Gefühl. „Der Himmel scheint dort viel höher“, sagt sie und verbindet damit eine Art Freiheit. Und auch ihre Familie und Landsleute vermisst sie natürlich. Diese beschreibt sie abschließend noch als sehr zurückhaltend und weniger offen, als beispielsweise die Menschen in Deutschland. Trotzdem sind sich Li Hong Wang und Da Bing Chin sicher, dass es tolle Olympische Spiele für alle Beteiligten und Zuschauer werden.


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