Vaihingen (jsv) – Manche Kinder bekommen „ihren“ Sport praktisch in die Wiege gelegt. Bei Dominik und Marcel Raab ist das sicher so. „Ich bin schon schwanger auf dem Boule-Platz gestanden“, sagt Heike Raab, die Mutter der Zwillinge. Vor beinahe 17 Jahren war das. Und anscheinend hat es sich auf den späteren sportlichen Werdegang der beiden Schüler ausgewirkt. Denn beide spielen, wie auch die Mutter und Vater Rudolf, seit jeher Boule – mit erstaunlichem Erfolg. In der Oberliga-Mannschaft des BC Illingen sind Dominik und Marcel Raab die treibende Kraft und hatten großen Anteil daran, dass der Verein in dieser Saison die Klasse gehalten hat. Auch Heike Raab spielt für Illingen, ihr Mann allerdings für den 1. BC Eisingen in der Bezirksliga.
Ein Leben ohne Boule können sich die Raabs nicht mehr vorstellen. Die Eltern begannen vor gut 20 Jahren mit dieser aus Frankreich stammenden Sportart. „Ich habe früher Handball gespielt und musste wegen einer Verletzung aufhören“, sagt Heike Raab. Zusammen mit ihrem Mann versuchte sie sich im Boule und seither hat dies beide nicht mehr losgelassen.
Anders gestaltet sich die Lage bei den Söhnen. Sie kennen gar kein anderes Leben, da Boule stets dazu gehört hat. Ihr erster gemeinsamer Erfolg datiert aus dem Jahr 2000. Damals starteten sie als Achtjährige bei den Landesmeisterschaften. Die beiden Jüngsten wurden Dritter. Ein Jahr später gewannen sie erstmals den Landestitel. Mittlerweile sind solche Erfolge fast schon an der Tagesordnung, schließlich ist Marcel bereits Jugendnationalspieler und Dominik im baden-württembergischen Kader. Ihre wichtigsten Trophäen haben die beiden in ihren Zimmern fein säuberlich in Regalen stehen. „Wir haben oben noch einige Kisten voll“, sagt Dominik. Darin sind die Pokale verstaut, die sich in den vergangenen Jahren angesammelt haben.
Auch im Wohnzimmer der Raabs stehen viele Pokale. „Die sind von meinem Mann“, erläutert Heike Raab. Ein Leben für den Sport oder besser gesagt fürs Boule – die Raabs machen es möglich. Auch wer in ihren Garten in Lienzingen kommt, sieht dort auf Anhieb etwas, das nicht alltäglich ist. Anstatt wie üblich eine Terrasse, ist eine Boule-Bahn zu finden – damit jederzeit trainiert werden kann.
Die Wochenenden stehen ganz im Sinne von Boule. „Wir sind immer unterwegs. Es ist jedes Wochenende ein Turnier“, sagt Heike Raab. Und wenn nicht, dann stehen Ligaspiele sowie deutsche oder Landesmeisterschaften an. Kommen da andere Interessen nicht zu kurz? Marcel schüttelt den Kopf. Er spiele noch Basketball. Partys seien ihm nicht so wichtig. Er wolle Boulen, vor allem beim derzeitigen Erfolg. Sein Bruder geht zum Ausgleich ins Sportstudio. Als Hobbys nennen die beiden Fußball, Tischtennis und Volleyball.
Naheliegend ist natürlich auch die Frage nach der Schule und wie alles unter einen Hut zu bringen sei. „Das ist schon stressig“, sagt Marcel, der in dieser Saison einen Riesensatz in der baden-württembergischen Rangliste gemacht hat. Von Platz 359 ist er mittlerweile auf Rang 49 aller Boule-Spieler im „Ländle“ hochgeschnellt. Im A-Kader der Junioren ist er die Nummer eins, Bruder Dominik wird an acht geführt. „Marcel musste sich zeigen und viel spielen“, hakt seine Mutter ein. Denn Marcel hatte gute Chancen, bei den Europameisterschaften vom 8. bis 10. August in der Nähe des holländischen Utrecht dabei zu sein. Er sei derzeit auch der Beste in seinem Alter, sagt Mutter Heike, die außerdem im baden-württembergischen Boule Verband, als Trainerin fungiert. Dennoch wird Marcel nicht mitgenommen. „Das hat sportpolitische Gründe“, so seine Mutter. Mehr will sie dazu nicht sagen.
In Deutschland ist Boule seit etwa 25 Jahren populär, schätzt Heike Raab. Unerreicht seien die Franzosen, die praktisch bei allen größeren Turnieren gewinnen. „Das sind die Besten“, betonen Dominik, Heike und Marcel Raab immer wieder. „Weshalb das so ist, wissen wir nicht, aber es ist Fakt“, unterstreicht Marcel. Es gebe sogar einige wenige Franzosen, die vom Boule leben könnten, aber die seien an einer Hand abzuzählen.
In Frankreich spielen 15 Millionen Menschen Boule
Heike Raab veranschaulicht diese Aussagen an einem Beispiel. In Frankreich spielen zirka 15 Millionen Menschen Boule. Dort ist es Volkssport. Und es gibt dort sogar Boule-Akademien, an denen wie hierzulande im Fußball diese Sportart besonders gefördert wird. Im Nachbarland gebe es 390000 Lizenznehmer, in Deutschland 15000. Baden-Württemberg sei dabei führend, in Punkto Zahlen und Qualität. Hier sind 5000 Spieler im Verband.
Um Boule auch in Deutschland populärer zu machen, benötige man mehr Unterstützung, sagt Heike Raab. Ein Problem dabei: Der Ruf der Sportart. Boule sei als Altherrensport verschrieen, sagt Dominik. Dabei sei ein Spieltag alles andere als entspannend. Meist sind dabei zwei Begegnungen zu bestreiten. Bis zu sechs Stunden stehen die Spieler dann an sowie auf der Bahn und müssen vorwiegend auch einen klaren Kopf behalten. Denn Boule ist Denksport. Und sehr stark von der Taktik geprägt. „Ohne Taktik kann man es vergessen“, sagt Marcel, der zudem die technischen Fertigkeiten hervorhebt, die von Nöten sind.
Ein großer Sprung steht für die Zwillinge im kommenden Jahr an. Dann werden sie nämlich nicht mehr als Junioren geführt, sondern steigen in die Kategorie der 17- bis 23-Jährigen auf, die sich „Espoirs“ nennt. Sicher eine Umstellung, aber auch kein Neuland. Zumal beide seit sie 13 sind in der ersten Mannschaft des BC Illingen an den Start gehen. Dort spielen sie weiterhin zusammen Doublette oder Triplette, also in Zweier oder Dreierteams. Bei Turnieren haben sie jedoch meist andere Partner. „Das wollten wir so“, erläutert Dominik. Zu oft hätten sie sich gestritten. Auch der baden-württembergische Jugendtrainer Reto Berner trennte die beiden.
Bei der Frage nach einer neuen Herausforderung halten sich die 16-jährigen Zwillinge bedeckt. Sicher wäre es toll, einmal in der Württembergliga zu spielen. Am liebsten mit Illingen, sagt Marcel. Zwar habe es auch schon Anfragen von höherklassigen Vereinen gegeben, doch ein Wechsel komme derzeit nicht in Frage. Auch weil der BC Illingen die beiden bisher immer unterstützt hat. „Das ist ein Geben und Nehmen“, sagt Heike Raab.
Außer den beiden Söhnen haben auch die Eltern schon Erfolge erzielt. Rudolf Raab war Deutscher Vizemeister und Landesmeister. Heike Raab hat unter anderem schon im Mixed bei einigen Turnieren gewonnen und war dort auch Landesmeisterin sowie Dritte bei einer deutschen Meisterschaft.
Ein ganz besonderes Ereignis steht für Familie Raab Mitte August an. Dann geht es in den Sommerurlaub ins französische Millau, zu einem großen Bouleturnier. „Da wird dann fünf Tage lang Boule gespielt“, freuen sich die Raabs.
