Wattebäusche, Trampolin und Lippenbremse
- Wer pustet die Wattebäuschchen am schnellsten.
(jsv) So richtig Lust habe er vorher nicht gehabt, verrät Tim. Doch das sei am Anfang immer so, ergänzt er. „Wenn ich dann da bin, macht es mir schon Spaß“, sagt der Siebenjährige. Und das hatte man ihm Minuten vorher auch angemerkt. Putzmunter war er durch die Enzweihinger Turnhalle geflitzt; keine Spur davon zu sehen, dass er ab und an Probleme mit dem Atmen hat.
Tim aus Hohenhaslach ist einer der Teilnehmer am Asthmaturnen, das jeden Dienstag in Enzweihingen für zwei Gruppen angeboten wird: morgens für Vorschulkinder und nachmittags für Grundschüler. Asthma und Sport – passt das denn überhaupt zusammen? „Ja sicher“, sagt Ellen Rödl. Die Übungsleiterin ist seit acht Jahren für die Gruppe zuständig. „Die Kinder sollen Lernen, dass sie hin und wieder langsam machen müssen“, sagt sie. Das sei genau dann der Fall, wenn sie merken, dass sie keine Luft mehr bekommen. Und da gilt es dann auf eine ganz bestimmte Weise zu Atmen, zu inhalieren oder gegebenenfalls auch Medikamente einzunehmen.
Eine Stunde lang gehen die Einheiten. Ehe sie beginnen nimmt Rödl von jedem der Kinder den „Peak-Flow-Wert“. Dieser wird mit einem Gerät gemessen, das Auskunft über die Spitzengeschwindigkeit der Luft beim Ausatmen gibt. Dreimal muss jedes Kind in das „Peak-Flow-Gerät“ blasen. „300, letztes Mal hattest du 340, das ist gut“, sagt sie zum Zehnjährigen Ruben, dem Ältesten der Gruppe. Dann trägt sie den Höchstwert in eine Tabelle ein. Dies tut sie vor und nach der Einheit, denn auf diese Weise können die individuellen Werte der einzelnen Kinder ermittelt werden. Sie sind bei allen verschieden und hängen von Alter, Gewicht und Körpergröße ab.
Dann geht es los. Jedes Kind bekommt einen Wattebausch. Dieser soll durch Pusten von der einen auf die andere Seite der Halle befördert werden. Schnell machen sich die Schüler dran, die Aufgabe zu erledigen. Bei den einen geht es schneller, die anderen brauchen etwas länger. Die Anstrengung ist ihnen anzuhören. Tief schnaufen müssen sie alle. „Jetzt macht ihr erst einmal Pause und trinkt auch etwas“, ruft ihnen Rödl zu. Denn die Flüssigkeitszunahme ist von größter Bedeutung bei Asthmatikern. Zum ersten Mal steht nun auch die Lippenbremse an. Diese besondere Atmentechnik wiederholt Rödl ein ums andere Mal während der einen Stunde. Sie basiert darauf, langsam durch die Nase einzuatmen und dann ruhig mit geschlossenen Lippen auszuatmen, um wieder „runterzukommen“.
Daraufhin geht es auf eine Matte. Die Kinder sollen den in der Mitte liegenden Wattebausch in die gegensätzliche Richtung pusten. Das Programm der Übungsleiterin ist vielfältig. An diesem Dienstagnachmittag muss sie es jedoch umstellen, da nur fünf Kinder gekommen sind. „Eigentlich wollte ich Stationen machen, doch das geht so nicht“, sagt sie nach dem Wattebausch-Pusten.
Es gilt also umzuplanen. „Koordination, Beine, Bauch und so weiter, alles wird abgedeckt“ , so Rödl. Und ab und an wird auch Fußball gespielt. Doch zum Leidwesen von Tim steht das in dieser Einheit nicht auf dem Programm. Rödl: „Das spielen sie eh die ganze Zeit.“
Dafür wird ein Trampolin aufgebaut. Doch zuvor kommt noch eine ärztliche Kontrolle dran. Die Gruppe steht unter der Obhut der Kinderärzte Dr. Arnold Schwarz und Dr. Andreas Zinser. Sie haben sie auch ins Leben gerufen und schicken die Kinder zu Rödl. Auch Tims Mutter wurde durch den Kinderarzt aufs Asthmaturnen aufmerksam. Voraussetzung für eine Teilnahme ist die Mitgliedschaft beim TSV Enzweihingen, denn der Verein sorgt dafür, dass die Halle genutzt werden kann.
Die Werte der Kinder stimmen – also ab aufs Trampolin. Begeistert springen die Kleinen auf und ab. Der positive Nebeneffekt: Durch das Hüpfen löst sich der Schleim. Nach fünf Minuten gibt es wieder eine Pause. Jedes der Kinder soll dreimal Husten. Und ist dieser trocken oder verschleimt, „solltet ihr zum Arzt gehen oder die entsprechenden Medikamente einnehmen“, sagt Rödl, die sich auf Seminaren das nötige Fachwissen angeeignet hat. „Wasser, Tee oder gemischte Fruchtsäfte müsst ihr dann trinken“, führt sie weiter auf. Und wer zu Hause selbst ein Trampolin hat, kann und soll dieses natürlich nutzen.
Übungsleiterin Rödl hat zwischen Trampolin und Schaumstoff-Matte ein Seil aufgespannt. Sie hat das eine Ende an der Hallenwand festgemacht. Das andere hält sie in der Hand, um die Höhe festlegen zu können. Die Kinder nehmen Anlauf, machen einen Satz aufs Trampolin und springen drüber.
Langsam neigt sich die Stunde dem Ende entgegen, doch die Kinder sind jetzt so richtig in Fahrt. Zwei Spielformen hat Rödl noch zu bieten. Zunächst ein Fangspiel und „Sitzball“. Dann ist die Stunde vorbei. Abschließend wird erneut der Peak-Flow-Wert genommen.
In der Regel kommen die Kinder ein bis zwei Jahre zum Asthmaturnen. Dann wissen sie, was sie tun müssen und wie sie sich in den entsprechenden Situationen zu verhalten haben, sagt Rödl. So wie Ruben. „Er wird nicht mehr lange kommen. Er hat das schon gut im Griff.“