Donnerstag, 24. Mai 2012

Notfallhilfe für alle Wehwehchen




In der Sersheimer Notfallpraxis im Dienst für den Patienten (von links): Sabine Asprion, Monika Wallentin und leitender Arzt Dr. Andreas Ullrich. 	Foto: Elsässer
In der Sersheimer Notfallpraxis im Dienst für den Patienten (von links): Sabine Asprion, Monika Wallentin und leitender Arzt Dr. Andreas Ullrich. Foto: Elsässer

Sersheim (elf). Medizinische Hilfe, wenn der Hausarzt bereits Feierabend hat – dafür steht die Ärztliche Notfallpraxis in Sersheim. Seit nunmehr zehn Jahren gibt es inzwischen die Einrichtung. Dr. Andreas Ullrich, leitender Arzt und Geschäftsführer, zieht Bilanz.
Der Sersheimer Mediziner fasst die Eigenschaften einer Notfallpraxis nicht ohne Augenzwinkern zusammen: „Wir sind für den Patienten eine Anlaufstelle außerhalb der üblichen Sprechzeiten und damit für den Arzt eine Garantie, dass er durchschlafen kann.“ Schließlich, so Ullrich, benötigen Patienten mitunter auch dann ärztliche Betreuung, wenn die Praxis des Hausarztes geschlossen hat.
Das Spektrum an Gebrechen, Wehwehchen und Notfällen reiche vom simplen Zeckenstich über Erkältungserscheinungen und Darmkrankheiten bis hin zum Herzinfarkt. „Alles, womit es ein Hausarzt täglich in seiner Praxis zu tun bekommt“, sagt Ullrich. Da kann es auch schon einmal vorkommen, dass ein diensthabender Arzt am Wochenende zu einer Leichenschau gerufen wird. Denn: Im Gegensatz zu früher wollen die Angehörigen heute einen Verstorbenen sehr schnell aus dem Haus haben. „Manchmal kommen die Leute aber auch nur zum Reden vorbei“, sagt Monika Wallentin, eine von drei Assistentinnen (Sabine Asprion und Petra Tsapas) in der Notfallpraxis. Abwechslung bietet es auch, wenn die Polizei mit einer alkoholisierten Person zur Entnahme von Blutproben kommt oder die Hafttauglichkeit eines Verbrechers geprüft werden muss. Dass eine Person in die Psychiatrie eingewiesen werden musste, ist auch schon vorgekommen.
„Wenn die Leute zu uns kommen, haben sie Ängste und ein medizinisches Problem“, weiß Ullrich. Der Wert der Zuwendung, die die Patienten in der Notfallpraxis erfahren, dürfe deswegen nicht unterschätzt werden. So erfreut sich das gesamte Team der Notfallpraxis auch immer wieder an den „vielen und netten Leuten, die uns akzeptieren und respektieren und froh sind, dass es uns gibt“, so Ullrich.
Für die 15 Ärzte, die abwechselnd den Schichtdienst in der medizinischen Notfalleinrichtung in Sersheim übernehmen, ist dies keine leichte Aufgabe. In der eigenen Praxis kennen sie in aller Regel die Patienten und deren Umfeld, was die Diagnose mitunter erleichtert. In der Notfallpraxis haben sie es dagegen zumeist mit fremden Leuten zu tun.
Diese Anonymität schlägt sich in vielen Bereichen der ärztlichen Notfallarbeit negativ nieder. So sei die Erwartungshaltung seitens der Patienten ebenso groß wie ihre Beschwerdebereitschaft. Der Wunsch, die Notfallpraxis als gesunder Mensch wieder verlassen zu können, könne meistens nicht erfüllt werden. Ullrich: „Schließlich können wir nicht zaubern.“ Und wenn eine Patientin bei Nacht einen Hausbesuch fordert, nur weil das Baby eben erst eingeschlafen ist, kann dem auch nicht Folge geleistet werden. Überhaupt sinke mit späterer Uhrzeit die Bereitschaft, die Notfallpraxis selbst aufzusuchen. Leute, die tagsüber selbstständig den Gang zum Hausarzt antreten, würden nachts einen Hausbesuch erwarten. Andreas Ullrich treibt es auf die Spitze: „Unter der Woche ist ein praktischer Arzt in den Augen vieler Leute nicht in der Lage, ein Kind zu behandeln. Aber am Wochenende, wenn der Kinderarzt nicht erreichbar ist, sollen wir zu ihnen heimkommen.“ Dabei ist es klar geregelt: Wenn der Patient transportfähig ist, gibt es keinen Hausbesuch. Die Entscheidung darüber trifft das ärztliche Hilfspersonal, bei dem es sich um Arzthelferinnen oder Rettungsassistenten handelt.
Immer wieder kann es vorkommen, dass Patienten nachts vor verschlossenen Türen stehen. Dann befindet sich der Arzt mit der Hilfskraft bei einem Hausbesuch. Um solche Situationen zu vermeiden, ist es ratsam, sich vorher unter Telefon 0 70 42 / 81 86 66 zu melden.
Die Ärztliche Notfallpraxis wurde nach einer Idee von den Medizinern Dr. Dieter Walbrecht und Dr. Andreas Ullrich verwirklicht und am 1. Juni 2000 in Sersheim in den Räumen der ehemaligen Post auf rund 110 Quadratmetern eröffnet. Anfangs gab es den ärztlichen Notfalldienst nur samstags und sonntags. Nach ein paar Jahren kam die Freitagnacht dazu. Seit drei Jahren hat die Notfallpraxis an allen Wochentagen von 18 bis 7.30 Uhr sowie an Wochenenden und Feiertagen durchgehend geöffnet. Weil die Notfallpraxis pro Nacht 14 Patienten benötigt, um sich finanziell zu tragen, muss sie subventioniert werden. So zahlt jeder der 15 zum Dienst verpflichteten Ärzte 100 Euro pro Monat aus eigener Tasche, um den Notfalldienst aufrechterhalten zu können. Ein Ärgernis für Ullrich: „Den Sicherstellungsauftrag zu gewährleisten, ist eigentlich Angelegenheit der Krankenkassen.“ Nach Sersheim wurden Notfallpraxen in Ditzingen (2002), Bietigheim-Bissingen (2003) und Mühlacker (2004) eröffnet. Neben den 15 Medizinern arbeiten 20 geringfügig Beschäftigte als ärztliches Hilfspersonal sowie drei Assistentinnen für Verwaltungsarbeiten in der Sersheimer Notfallpraxis.
Drei bis zehn Patienten kommen durchschnittlich nachts. Für Andreas Ullrich eine abwechslungsreiche Angelegenheit: „In zehn Jahren Notfallpraxis habe ich mehr erlebt, als ich in 50 Jahren normaler Praxisarbeit je erleben könnte.“ So wie den Mann, der einen Hausbesuch wollte. Transportfähig war er zwar. Aber die Straßen waren glatt und das frisch geputzte Auto sollte nicht schmutzig werden...




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