Jahrgang 2010: Wenig Ertrag, gute Qualität
Roßwag (elf). Weniger Ertrag, dafür gute Qualität: Womit die hiesigen Weingärtner schon seit Jahren zu kämpfen haben, setzt sich auch im aktuellen Weinjahr fort. 20 bis 30 Prozent weniger Wein wird in den Kellern landen, wobei sich die Öchslegrade sehen lassen können. In diesen Tagen beginnt in der Region Vaihingen die Weinlese.
Ulrich Allmendinger schnappt sich ein paar Müller-Thurgau-Beeren, zerdrückt sie und träufelt den Saft auf das vordere Ende des Refraktometers. Der Vorstandsvorsitzende der Genossenschaftskellerei Roßwag-Mühlhausen hält das Messgerät gegen das Licht, blickt durch und wiegt den Kopf: „Das dürfte auf 80 Grad Oechsle hinauslaufen“, sagt Allmendinger. Ein Ergebnis, mit dem er und Geschäftsführer Bertram Haak nur bedingt zufrieden sind. Über das Mostgewicht freuen sich die beiden Fachleute selbstverständlich, doch das Wetter hat einmal mehr für eine natürliche Auslese gesorgt. Viel Regen im Mai während der Blütezeit habe zu einer starken Verrieselung der Trauben geführt, weshalb die Beeren zum Teil gar nicht befruchtet wurden. Außerdem seien viele Trauben wesentlich kleiner, als sie zu diesem Zeitpunkt eigentlich sein müssten. „Somit haben wir jetzt bereits das dritte Jahr in Folge eine geringere Ernte“, sagt Allmendinger und schätzt den Ausfall auf rund 20 bis 30 Prozent. „Dafür haben wir ein gutes Verhältnis zwischen Blatt und Frucht, wodurch mehr Zucker in den Beeren eingelagert wird“, zeigt sich Bertram Haak optimistisch in Sachen Qualität.
Ähnlich sieht das auch Albrecht Fischer aus Gündelbach, Vorsitzender des Bezirks Stromberg und Enztal im Weinbauverband Württemberg. „Obwohl wir auch im August schlechtes Wetter hatten, können wir mit der Qualität der Trauben zufrieden sein.“ Dies liege unter anderem daran, dass die Weinstöcke insgesamt weniger Früchte zu versorgen hatten. Das gute Wetter der letzten anderthalb Wochen habe zudem täglich ein bis zwei Oechslegrade gebracht. „Wir erwarten somit zwar keinen hervorragenden, dafür aber einen guten Jahrgang“, sagt Fischer, der für die nächsten Wochen nochmals auf gutes Wetter hofft, damit auch die späten Sorten wie Trollinger und Lemberger noch etwas zulegen können.
Während bei der Familie Fischer im Gündelbacher Weingut Sonnenhof bereits fünf Sorten eingefahren wurden, um einer wetterbedingt drohenden Fäulnis zu entgehen, ging es in Roßwag gestern mit dem Müller-Thurgau los. Wenn das Wetter mitmacht, soll heute der Portugieser gelesen werden. Je nach Wetterlage werden dann gegen Ende der kommenden Woche die Sorten Dornfelder, Spätburgunder und Schwarzriesling geerntet. Spätsorten wie Trollinger und Lemberger sind erst gegen Mitte Oktober dran.
Bei den Weingärtnern Horrheim-Gündelbach geht es nach Auskunft von Geschäftsführer Kurt Grauer am Montag mit der Lese los. Er schätzt den Ausfall auf lediglich zehn bis 15 Prozent und zeigt sich mit der Qualität ebenso zufrieden. „Die Trauben sind gut und gesund und von Unbill wie Hagel verschont geblieben“, freut sich Grauer. Er könne nicht über schlechtes Wetter klagen und vergleicht das Weinjahr mit einem Laufwettbewerb in der Leichtathletik: Nach dem Vorlauf (Austrieb) komme der Hauptlauf (Sommer- und Nachblüte), bevor mit der Traubenreife das Auslaufen anstehe. Grauer: „Über Bronze, Silber und Gold entscheidet am Ende der Zieleinlauf.“
Der Jahrgang 2010 verspricht kundenfreundlich zu werden. „Das Preis-Leistungsverhältnis ist gut, da eine hohe Qualität in die Flaschen kommt und die Preise ziemlich stabil bleiben werden“, kündigt Ulrich Allmendinger an. Was den Kunden freut, ist nicht unbedingt im Sinne der Weinerzeuger. Weniger Erlös pro Fläche und dazu ein weltweites Überangebot an Wein – den Rest erledigt die Marktwirtschaft. Dies führt zu stabilen Preisen beim hiesigen Wein. „Der Leidtragende ist der Produzent“, weiß Allmendinger. Dennoch werde man auch bei der Genossenschaftskellerei Roßwag-Mühlhausen weiter unverändert auf Ertragsreduzierung und somit auf Qualitätssteigerung setzen.
Hierfür haben die Roßwager beispielsweise Boniturgruppen eingeführt, die durch die Weinberge gegangen sind und die Arbeit der Wengerter geprüft haben. Sechs Gruppen haben dabei 3000 Flurstücke unter die Lupe genommen. Im Anschluss fand eine Beratung der Wengerter statt. Dabei wurde ihnen mitgeteilt, was sie noch besser machen können. In naher Zukunft soll dies nicht nur zu einer höheren Qualität führen, sondern auch in die Honorierung einfließen. Für mehr Aufwand im Weinberg gibt es mehr Geld. Der Weinzahn unterdessen kann sich auf das freuen, was jetzt gelesen und kommendes Jahr in die Flaschen abgefüllt wird.
