Heilbronn/Kleinglattbach (ub). Mit der Vernehmung der Zeugen wurde gestern Nachmittag der Mordprozess gegen einen 36 Jahre alten Türken aus Mühlacker fortgesetzt, der im Februar seinen Chef in der Kleinglattbacher Firma Bausch erschlagen haben soll.
Dabei gaben die Ermittler vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Heilbronn zu Protokoll, dass sie von der Emotionslosigkeit, der Gefühlskälte, des 36-jährigen G. überrascht gewesen seien. Immer unwahrscheinlicher werden so die Einlassungen des Angeklagten von Montag, als er behauptete, er habe quasi aus Notwehr gehandelt, weil der 55 Jahre alte Betriebsleiter Bruno K. ihn beleidigt und bedroht habe. Die Staatsanwaltschaft wirft G. vor, die Bluttat verübt zu haben, um eine andere Straftat – das Aufbrechen des Kaffeeautomaten – zu verdecken. Das wäre dann ein klassisches Mordmerkmal.
Nach Aussagen des ermittelnden Kriminalhauptkommissars der Polizeidirektion Ludwigsburg sei es dem Angeklagten eher peinlich gewesen, weil der Betriebsleiter ihn überrascht habe und den Automatenaufbruch dem Betriebsinhaber melden wollte. „Bei dem nächtlichen Verhör konnte man sich ganz normal mit G. unterhalten, er zeigte sich emotionslos, gab die Tat zu, nachdem ihm mitgeteilt wurde, dass das Opfer noch seinen Namen flüstern konnte.“
Erschütternd die Aussagen aus der Vernehmung nach der Tat am Abend des 20. Februar: „Er hat aufgehört zu schlagen, als sich der Betriebsleiter nicht mehr bewegte.“ Oder: „Er wollte, dass er mich nicht verraten kann.“ Oder: „Ich habe draufgeschlagen, egal, wo ich ihn treffe.“ Noch in der Nacht ist der schwer verletzte Betriebsleiter in einer Klinik gestorben. Mit mindestens zehn Schlägen mit einer 80 Zentimeter langen Eisenstange wurde er an Kopf und Körper getroffen.
Etwa fünf Stunden nach der schrecklichen Tat in der Stanzerei für Elektrobleche in der Industriestraße in Kleinglattbach hat G. gegenüber den ermittelnden Kripobeamten gestanden. „Es war aber ohne Reue“, so der 47 Jahre alte Kripohauptkommissar als Zeuge vor der Schwurgerichtskammer. Auf die Frage, wieso G. dem Betriebsleiter nicht geholfen habe, soll dieser geantwortet haben: „Dann hätte ich ihn auch nicht niederschlagen müssen.“
Als Zeugin musste gestern auch die Vernehmungsrichterin aussagen. Auch bei ihr sei G. völlig emotionslos gewesen. Er habe gesagt, die Tat sei ihm „peinlich“.
Als „freundlichen“ und „lebenslustigen“ Mitarbeiter beschrieb Kurt Bausch, Mitinhaber der Kleinglattbacher Firma mit derzeit 330 Beschäftigten, den angeklagten G. Er habe sich vom Hilfsarbeiter zum Maschineneinsteller hochgearbeitet, sei zu jedem Scherz aufgelegt gewesen. „Im positiven Sinne ein Luftikus“, wie Bausch gestern als Zeuge sagte. Betriebsleiter Bruno K., der seit 2007 bei Bausch war, galt als fachlich kompetent, überlegt handelnd und „von allen Mitarbeitern akzeptiert“.
Firmenchef Bausch wurde an diesem 20. Februar um 19.32 Uhr von der Ehefrau von K. auf dem Handy angerufen. Sie mache sich Sorgen, weil ihr Ehemann nicht zur versprochenen Zeit im Eigenheim in Löchgau eingetroffen sei. Wenige Minuten später war Bausch bei seiner Firma in Kleinglattbach, sah die Haupteingangstüre offen und Licht im Treppenhaus brennen. Im Gang vor der Fertigungshalle entdeckte er Bruno K. in einer großen Blutlache. Sofort alarmierte der Unternehmer den Notarzt und die Polizei. „Ich habe erst gedacht, ob sich Herr K. den Kopf angeschlagen hat. Auf eine solche Tat kommt doch niemand.“
Nach der Erstversorgung durch den Notarzt flüsterte der Betriebsleiter den Namen des Täters, wiederholte ihn gegenüber von Kurt Bausch noch einmal. „Ich hatte das Gefühl, Herr K. war richtig erleichtert, dass er noch den Namen des Täters über die Lippen gebracht hat.“
Bei seiner Aussage unterstrich der Firmenchef auch, dass es völlig dem Naturell des Betriebsleiters widerspreche, Mitarbeiter zu beleidigen. Am Montag hatte der Angeklagte noch behauptet, er sei von K. am Automaten als „Scheißtürke“ bezeichnet worden.
Trotz Nachfragens des Rechtsmediziners blieb G. gestern bei der Darstellung, dass ihn K. an den Armen gepackt und gegen das Schienbein getreten habe. Verteidiger Kristian Frank blockte weitere Fragen ab: „Mein Mandant bleibt bei dieser Darstellung.“ G. sagte, dass er damals bei den Vernehmungen nicht begriffen habe, um was es gehe. Der Kommentar des Vorsitzenden Richters Norbert Winkelmann: „Und heute haben Sie begriffen, dass es um lebenslänglich geht.“
Ansonsten verfolgte der 36 Jahre alte Türke aus Mühlacker, der sich selbst als Spieler bezeichnet, die Verhandlung mit gesenktem Kopf. Ohne Emotionen – auch sieben Monate nach der Tat.
