Donnerstag, 24. Mai 2012

Gestern Prozessauftakt




Die Firma Bausch in Kleinglattbach. Foto: Bögel
Die Firma Bausch in Kleinglattbach. Foto: Bögel

Heilbronn/Kleinglattbach (ub). Staatsanwalt Christoph Meyer platzt bereits am ersten Tag der Kragen: „Aus einem Mord will der Angeklagte eine Körperverletzung mit Todesfolge machen.“ Deshalb gebe es jetzt diese Lügengeschichten.
 Gestern begann vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Heilbronn der Prozess gegen einen 36 Jahre alten Türken aus Mühlacker, der am 20. Februar dieses Jahres den Betriebsleiter der Kleinglattbacher Firma Bausch, Bruno K., erschlagen haben soll. Bei den Vernehmungen gab der Angeklagte die Tat zu. Er wollte verhindern, dass K. ihn beim Firmenchef verrate. Denn vor den tödlichen Schlägen mit der Eisenstange knackte der Türke, der mit Unterbrechung seit 16 Jahren bei der Firma Dr. Karl Bausch GmbH und Co., Stanzerei für Elektrobleche in der Industriestraße, beschäftigt war, den Kaffeeautomaten. 135 Euro waren die Beute.
Beim Prozessauftakt gestern Nachmittag vor der mit drei Berufsrichtern und zwei Laienrichtern besetzten Schwurgerichtskammer wiegelte der Türke, der seit August 1987 in Deutschland lebt, die Aussagen bei der Polizei und der vernehmenden Richterin ab. K. habe ihn selbst angegriffen, als „Scheiß-Türke“ bezeichnet, ihn gegen das Schienbein getreten. Auf den Kopf habe er ihn nicht schlagen wollen. „Ich wollte nur, dass er mich gehen lässt.“
Letztendlich schlug der Angeklagte aber zehnmal mit einer zwei Finger dicken und rund 80 Zentimeter langen Eisenstange auf den Betriebsleiter ein, der den Täter beim Automatenknacken erwischte. Im Verlauf der weiteren Verhandlung wird ein Rechtsmediziner noch einmal explizit auf die Verletzungen von Bruno K., denen er wenig später trotz der Versorgung durch einen Notarzt erlag, eingehen. Die Anklageschrift listet zwei offene Brüche an den Unterarmen und schwerste Schädelverletzungen auf. Staatsanwalt Meyer: „Es waren heftige Schläge auf den Körper und den Kopf, um den Automatenaufbruch zu vertuschen.“ Die Absicht, eine andere Straftat zu verdecken, bewertet die Staatsanwaltschaft deshalb auch als Mordmerkmal.
Im Juni 1994 hat der Angeklagte G. bei der Firma Bausch in Kleinglattbach angefangen, zuerst als Maschinenarbeiter, dann als Lagerarbeiter, zuletzt als Maschineneinrichter. Er hatte eine Art „Vorarbeiterfunktion“ und deshalb auch einen Schlüssel zum Produktionsgebäude. Mit einem Nettoverdienst zwischen 2000 und 3000 Euro im Monat hatte G., der verheiratet ist und drei Kinder im Alter von 5, 8 und 14 Jahren hat, ein ordentliches Einkommen, das allerdings durch seine Spielsucht geschmälert wurde.
In einem Schreiben an die Kammer unter dem Vorsitzenden Richter Norbert Winkelmann bezeichnete sich G. als „Spieler“. Zwischen 200 und 300 Euro hat er in der Woche an Automaten in Vaihingen, Mühlacker oder Pforzheim heimlich verzockt. Während der Zeit der Untersuchungshaft in Schwäbisch Hall hat G. die Hilfe eines Psychologen und Pfarrers in Anspruch genommen, „weil er wegen des Spielens seine Freunde angelogen hat“. Bei der Firma Bausch galt G., der in seiner Freizeit beim griechischen Fußballclub Hellas Mühlacker spielte und im Vorsitz saß, als fleißig.
Am Tatsamstag hatte G. zusammen mit seiner Ehefrau, die ebenfalls bei der Firma Bausch arbeitet, Nachtschicht. Um 14 Uhr stand er in seiner Wohnung in Mühlacker auf, ging um 16 Uhr in ein Lokal. Dort verspielte er an den Daddelautomaten 30 Euro. „Um 18 Uhr bin ich auf den blöden Gedanken gekommen, den Automaten in der Stanzhalle zu knacken“, so die Einlassung des Angeklagten. Der Kaffeeautomat, der am Eingang stand, war bereits mehrmals aufgebrochen worden. „Das war ich aber nicht“, so G. Um das Schloss am Automaten aufzuknacken, holte der Türke eine Eisenstange, die sich an jeder Maschine zum Werkzeuge hochheben befindet. 135 Euro holte er an diesem Abend aus dem Kaffeeautomaten, als er von Betriebsleiter Bruno K., der in der Hierarchie gleich unter der Geschäftsführung mit den beiden Brüdern Kurt und Günther Bausch stand, ertappt wurde. „Ich war richtig schockiert und habe mich geschämt“, sagte G.
Dabei habe er nur verlangt, dass der Betriebsleiter ihn gehen lasse. Doch dieser wollte G. an die Geschäftsführung melden. So habe er die Eisenstange gepackt und auf den Betriebsleiter eingeschlagen. Eine Mordabsicht habe er nicht gehabt. Dazu der Kommentar des Vorsitzenden Richters Winkelmann: „Bei einem Mordvorwurf, wo es um lebenslänglich geht, ändern sich mitunter die Perspektiven.“
Als Bruno K. auf dem Boden lag, hat der angeklagte Türke mit den Schlägen aufgehört, hat das Geld gepackt und fuhr wieder nach Mühlacker. Dort verspielte er die ersten 50 Euro in einem Spielsalon. Danach ging er wieder in das Lokal, wo er die Idee für den Automatenaufbruch hatte.
Wenig später meldete sich über das Handy die Polizei. G. wartete vor dem Lokal auf das Eintreffen der Streifenwagen. G. wurde verhaftet.
Der schwer verletzte Betriebsleiter wurde kurz vor 20 Uhr vom Firmeninhaber Kurt Bausch entdeckt, nachdem dieser von der besorgten Ehefrau aus Löchgau benachrichtigt wurde. Als der Notarzt gegen 20 Uhr den Schwerstverletzten erstversorgt hatte, konnte dieser noch den Namen des Angreifers flüstern Die Ehefrau des toten Betriebsleiters wird bei dem Prozess in Heilbronn von einem Anwalt in der Nebenklage vertreten.
Der Prozess wird morgen Nachmittag mit der Vernehmung der ersten Zeugen fortgesetzt. Auch zwei Sachverständige tragen ihre Expertise vor. Das Urteil soll am 20. Oktober gesprochen werden. Dem Angeklagten droht nach der Verurteilung eine lebenslange Haft.




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