Sersheim (sr). Die Erweiterung einer Hähnchenmastanlage in Sersheim ruft Anwohner auf den Plan. Mit einer Unterschriftenaktion „Stopp dem Hühnergestank in Sersheim“ protestieren sie gegen das Vorhaben in seiner bisherigen Form. Landwirt Walter Grau entgegnet: „Bin immer offen für ein Gespräch.“
In seiner Wohnung am Ortsrand von Sersheim kommt Sevan Tatiyosyan kaum um das Thema herum. An durchschnittlich zwei bis drei Tagen im Monat stinkt’s, sagt der Sersheimer. Besonders bei Inversionswetterlage finde der Duft vom Aussiedlerhof mit dem Geflügel seinen Weg in Richtung Wohnbebauung.
150 Unterschriften gegen die Erweiterungspläne des Geflügelhofs Grau hat Tatiyosyan mit seinen sechs Mitstreitern gesammelt, einige Listen sind noch im Umlauf. Die Hähnchenmastanlage westlich von Sersheim soll von derzeit 39 800 Tieren auf 80 000 Tiere erweitert werden. Tatiyosyan: „Ich würde mir wünschen, dass eine Filteranlage eingebaut würde. Mit Filteranlage wäre die Erweiterung akzeptabel.“
Landwirt Walter Grau weiß um die Sorgen am Nordwestrand Sersheims. Vier besorgte Anwohner hat er schon an seinem Tisch gehabt. „Ich habe das Angebot gemacht, eine ähnliche Anlage bei Heilbronn zu besichtigen“, sagt Grau. Dort sei auch von Naturställen auf Gebäude mit Zwangslüftung umgestellt worden. Dies soll auch bei seiner geplanten Erweiterung in den neuen und alten Ställen erfolgen. Grau: „Leider habe ich dann nie wieder etwas von den Leuten gehört.“
Durch die mit Unterdruck arbeitenden Zwangslüftung werde laut einem Gutachten eine Geruchsreduzierung im Vergleich zum jetzigen Zustand erreicht. Es sei schwer zu vermitteln, meint Grau, „dass man bei doppelt so viel Tieren weniger verschmackt“. Der Hof bei Heilbronn mit 40 000 Tieren sei näher am Wohngebiet als der Sersheimer „und es gab seither keine Probleme“. Der Kollege dürfte sogar von der Immissionbelastung her verdoppeln, sagt Junglandwirt Andreas Grau.
Die Vergrößerung in Sersheim sei nötig, damit der Betrieb auch zukünftig existenzfähig bleibe, ist der Sitzungsvorlage des Verbands Region Stuttgart zu entnehmen. Im Mai hatte der Sersheimer Gemeinderat das Thema auf der Tagesordnung. Das Gremium muss für den Erweiterungsantrag zum städtebaulichen Aspekt sein Einvernehmen erteilen. Die Entscheidung darüber wurde allerdings vertagt. Der Gemeinderat wolle mit einer abschließenden Stellungnahme bis zum Ablauf der öffentlichen Auslegung warten, um die Anregungen noch mit in Betracht ziehen zu können.
Der Hof liege in einem Regionalen Grünzug, weshalb das Vorhaben „zunächst grundsätzlich gegen das Ziel, den Freiraum im Zusammenhang zu sichern, verstößt“, so die Sitzungsvorlage vom Verband Region Stuttgart. Allerdings sei der Betrieb auf den Außenbereich angewiesen und Ausnahmemöglichkeiten seien erfüllt. „Aus diesen Gründen können Bedenken gegen die Erweiterung des Betriebs im Regionalen Grünzug zurückgestellt werden“, so die Vorlage. Die Sitzung des Planungsausschusses Verband Region Stuttgart findet morgen statt. Sevan Tatiyosyan hat die Mitglieder dieses Gremium angeschrieben und über die Bedenken in Bezug auf das Vorhaben informiert. Insgesamt würden auch 24 neue zehn Meter hohe Kamine (ab Grund) erstellt und die Landschaft prägen, führt der Sersheimer in seinem Schreiben aus. „Das Gesamtbild würde eher einer Industrieanlage ähneln“, schreibt Tatiyosyan. Letztendlich trifft das Regierungspräsidium Stuttgart (RP) die Entscheidung über die geplante Erweiterung.
Auch im Sersheimer Gemeinderat bestehen Befürchtungen. Zwar würden die zehn Meter hohen Abluftkamine für eine bessere Vermischung der Luftpartikel sorgen. Allerdings könnte aufgrund einer Zunahme der Tiefdruckgebiete „trotz der rechnerisch festgestellten geringeren Belastung mehr Geruchsimmissionen die Folge sein“, war im Gemeindeblatt zu lesen.
Walter Grau sieht das etwas anders. Das Gutachten sei nach dem Stand der Technik berechnet worden. Vorgeschrieben wäre dabei eine Kaminhöhe von acht Metern ab Grund. Um auf der sicheren Seite zu sein habe man in Absprache mit dem RP noch zwei Meter draufgepackt. Außerdem sei der einzuhaltende Mindestabstand zur nächsten Bebauung theoretisch 260 Meter, betrage aber 480 Meter Luftlinie vom Bauvorhaben-Mittelpunkt.
„Die Verwaltung und der Gemeinderat haben sich noch keine abschließende Meinung gebildet“, sagte Bürgermeister Scholz gestern gegenüber der VKZ. Eine öffentliche Erörterung durch das RP sei im November geplant. Wenn jedoch alle juristischen Grundlagen erfüllt seien, „müssen wir auch genehmigen“, so Scholz. Der Sersheimer Tatiyosyan wird seine Unterschriftenlisten noch fristgerecht bis zum 18. Oktober Bürgermeister Scholz überreichen.
Bei Landwirt Grau werden am Mittwoch 40 000 Eintagsküken eintreffen. 35 Tage bleiben die Tiere in Sersheim, in der letzten Woche könne es bei den Naturställen besonders bei Inversionswetterlagen zu Geruchsbelästigungen kommen, räumt Grau ein. Sein Angebot steht: „Jeder darf sich melden, ich bin immer offen für Gespräche.“ Auch der Kollege in Heilbronn wurde schon auf mögliche Besucher aus Sersheim vorbereitet.
