Eberdingen (ub). Eine Entscheidung gab es am Donnerstagabend nach zweistündiger Debatte im Eberdinger Gemeinderat nicht. „Wir wollten heute nur Argumente austauschen“, sagte Bürgermeister Peter Schäfer. Und schon da offenbart sich ein tiefer Riss im Gremium.
Die Plätze im Sitzungssaal des Eberdinger Rathauses reichten nicht aus. Viele Zuhörer mussten stehen, als es am Donnerstagabend um die Vorberatung zur Bauvoranfrage über die geplante Ansiedlung eines Netto-Marktes in Hochdorf ging. Carl Heerlein, Inhaber des Nah-und-Gut-Marktes in der Pulverdinger Straße in Hochdorf, der wegen des Discounters um seine Existenz fürchtet (die VKZ berichtete), sammelte inzwischen 600 Unterschriften gegen das Projekt in seinem Laden. Weitere 50 Unterschriften lieferte der Bäcker in Hochdorf, 65 der Metzger, 55 die Getränkescheuer, 97 Ingrid´s Laden. 145 Signaturen wurden bei Eitel in Eberdingen gesammelt – insgesamt 1012 Unterschriften, mit denen Kunden einen Discounter am Ortseingang von Hochdorf kritisch beurteilen. Bürgermeister Schäfer: „Das ist schon eine beeindruckende Zahl von Unterschriften, die wir ernst nehmen.“
Dass weiterer Diskussionsbedarf besteht, macht auch eine Veranstaltung der Selbstständigen in der SPD in Baden-Württemberg (AGS) und des SPD-Ortsvereins Eberdingen am Donnerstag (23. September) um 19 Uhr in der Gemeindehalle Hochdorf deutlich. Bürgermeister Peter Schäfer, Lars Barteit, Gemeinderat und stellvertretender Landesvorsitzender der AGS, sowie der Kommunal- und Organisationsberater Kurt Bickel diskutieren über die Zukunft der örtlichen Nahversorgung in Hochdorf. Kann sich das Geschäft, in welchem ich einkaufe, noch halten? Wann und wie lange hat die Post oder die Bank noch geöffnet? Ergänzt ein Supermarkt das Angebot oder verdrängt er die kleinen Geschäfte? Wie kann man die bestehende Infrastruktur erhalten und ausbauen? Welche Aufgabe hat die Gemeinde? Welchen Herausforderungen müssen sich die Selbstständigen vor Ort stellen? Wie können sich die Bürger einbringen? Das sind die Fragen, die bei der Veranstaltung „Eberdingen 2015 – Einkaufen mit Zukunft“ diskutiert werden sollen.
„Sachlich abwägen, was dem
Wohle der Bürgerschaft dienlich ist“
Bürgermeister Peter Schäfer
Deshalb will auch der Gemeinderat „sachlich abwägen, was dem Wohle der Bürgerschaft dienlich ist“, wie es Verwaltungschef Schäfer am Donnerstagabend bei der Sitzung formulierte. Lebendige Ortskerne seien ein hehres Ziel des Gemeinderats, gesehen werde müsse aber auch, dass bei den Nahrungsmitteln 75 Prozent der Kaufkraft abfließen. Oder anders ausgedrückt: Nur knapp 25 Prozent der Bürger decken ihren Bedarf an Nahrungsmitteln am Ort.
Investor Bernhard Hagdorn will jetzt an der Eberdinger Straße (gegenüber der Firma Schober) einen Einkaufsmarkt bauen und langfristig an Netto verpachten. Bei dem Gebiet handelt es sich um ebene Wiesenflächen. Im Flächennutzungsplan der Verwaltungsgemeinschaft Oberriexingen, Eberdingen, Sersheim und Vaihingen ist das Areal nicht als Baugebiet ausgewiesen. Deshalb wäre bei einer Zustimmung des Eberdinger Gemeinderats der Flächennutzungsplan zu ändern. Und hier haben die Träger öffentlicher Belange ein gewichtiges Wort mitzureden.
Aber selbst im Gemeinderat Eberdingen gibt es keine einheitliche Linie zu dem Vorhaben. „Der Gemeinderat ist so zweigeteilt wie schon lange nicht mehr“, konstatierte Markus Hettler (FW). Selbst innerhalb der Fraktionen gibt es kein einhelliges Bild.
Brigitte Keuerleber (SPD) kann der Ansiedlung eines Discounters in Hochdorf nicht zustimmen: „Ich sehe, dass sonst der Ort ausblutet.“ Auch für Lars Barteit (SPD) ist das Projekt eine „schwierige Entscheidungsfindung“. Barteit sprach sich zwar gegen einen Discounter aus, forderte die Einzelhändler aber auf, sich stärker den Gegebenheiten anzupassen und den Ortskern zu erhalten.
Bernd Hasenmaier (CDU) zählte das Dilemma für die gewählten Entscheidungsträger auf: „Sagen wir Nein, vergeben wir vielleicht eine Chance. Sagen wir Ja und die Läden in der Ortsmitte machen zu, ist das auch nicht gut.“ Er tendiere für einen Discounter, und wenn sich die Bürger an die eigene Nase fassen und weiterhin beim Markt von Carl Heerlein einkaufen, bestehe hier auch keine Gefahr der Schließung.
„Ein Netto macht
das Ortsbild kaputt“
Gemeinderat Wolfgang Schwerdtle
Wolfgang Schwerdtle (FW) befürchtet dagegen, dass ein Netto das Ortsbild kaputtmachen würde. Inga Gallob (CDU) sprach von einer schwierigen Abwägung: „Doch müssen wir jetzt, solange das Gefüge in Hochdorf funktioniert, Ja zum Netto sagen?“ Barbara Klein (SPD) votierte für die Innenentwicklung: „Wir sollten keine Konkurrenz im Außenbereich schaffen.“ Klein verwies auf den gut sortierten Edeka-Markt in Wiernsheim, der nach der Eröffnung des Netto schließen musste. Auch Wolfgang Bossert (FW) bezeichnete es als „Fehler“, wenn man grünes Licht für einen Netto-Markt gebe. „Hier wird gezündelt mit einer intakten Nahversorgung.“
Fraktionskollege Otto Elser will dagegen dem Projekt eine Chance geben. „Wir müssen das leidenschaftlich prüfen.“ Wenn das Geschäft Heerlein so gut bleibe, wie es ist, „dann passiert in Hochdorf auch keine tote Hose“. In Nussdorf würden auch zwei Metzgereien funktionieren – entscheidend sei das Angebot und die Qualität. „Andere Kommunen freuen sich, wenn die Bürger aus Eberdingen, Hochdorf und Nussdorf zum Einkaufen kommen“, sagte Anton Deberling (FW). Wenn man die Chance für die Netto-Ansiedlung nicht nutze, mache man einen Schritt zurück. Ulrich Strobel (FW): „Netto ist nicht der, der in Hochdorf ein großes Theater erzeugen wird.“ Fraktionskollegin Ines Marquardt-Schmidt sprach dagegen: „Durch Netto bekommen wir keine geordnete Ortsentwicklung hin. Ich kann mir vorstellen, dann nur noch Packpapier in den Geschäften in der Ortsmitte zu sehen.“
Die Debatte um den Discounter geht in die nächste Runde. Bürgermeister Schäfer: „Wir wollten schon in diesem frühen Stadium nicht hinter verschlossenen Türen diskutieren und dann plötzlich öffentlich zum Schnellschuss ansetzen.“
